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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 26 (1864) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
26 (1864)
Date
1864-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches BoWvlatt. i - "w 3m ' j i , \ -Belefirunq und Unterhaltung auf jüdischem Gebiete. j HerauSgegeben von ^"X / — «, Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn. sSio. 26. 1864] V«» dieser Zetrt«drikt «rschei»t «oche«Uud ei»« Stummer. Prei» de» Sahr- -au»» 1 Ihir. BierreljShrig 1 X N»r. Alle Vuchhaudluuge». Postämter »ud zeitu»s»ervedtno»e» ueb«e» vestelluuge» au. st 1. Aalirg. 2. Quartal.] Der neunte Ab, eine Mahnung zum Friede» I. Di« Sonne deheißen Sommerragtsenkte sich. Die Luft war schwül, brückend, von starker elektrischer Spannung. Die Dämmerung begann ihr Zwielicht zu verbreiten. 2<d trat in da- Gvtte-Hau» «in. Da herrschten schon die Scharten der Nacht. Ewar dunkel in der hochgewöldten Halle. Warum hat man die Lampen und Leuchter nicht angezündet? Wo ist da» Lichtmeer, daan den Abenden der Sabbarhe und Feste den ganzen heiligen Raum erfüllt und seine Fenster golden glühend macht? Nur hier und da ein Lichtlein, um einige Strahlen auf dem Gebetbuch sammeln zu können. Und warum nur Gemurmel, leise» Anschwellen geflüsterter Töne? Ist doch di« Versammlung der Beter zahlreich genug. Warum nicht heute jeneenergische Anrufen des Herrn, dalaute Lobpreisen und Bekennen de- Einig-Einzigen? Warum nicht jener halb feierliche, halb fröhliche, immer figurirte Gesang de- Bordeter-, etwa gar von einem Chore begleitet? Ich blicke mich um, soweit da- Auge da- Dunkel zu durchbrechen vermag — hat man nicht die heilige Lade ihre- Schmucke-, ihrefarbigen, silderdurchwl^ten Vorhangentkleidet? Wie, sitzen nicht die versammelten Beter auf niedrigen Bänken, alle in unscheinbare Gewänder gekleidet? ... Da erhebt, mitten im allgemeinen Schweigen, sich eine Stimme in düsterm Klagetone, in schwerer Trauermelodie. Tief drin, gen die Töne in da- Herz de- Hörer- und rufen Schwer, muth und Trauer hervor. Wb gibt eein GemÜth, in welchem nicht solch« Töne schlummerten, in welchem nicht kaum verschlossene Wunden, schwtr getragene Verluste, mühsam unterdrückte Seufzer still und verdeckt ruhen, bisolche Töne sie wecken und erschließen und durch die Kanäle der Seele dizu den Pforten de- Bewußtseintragen? Da verstummt jedeheitere Gefühl, und wäre e- -einen Augenblick zuvor noch so laut gewesen, und die Klage bemächtigt sich de» ganzen Herzen«. Ewar die Stimme de- Borbeter-, der auf einer Stuf« zur heiligen Labe Platz genommen; es waren die Trauerlieder Jirmejah'S, Sie er auf den Trümmern Jerusalemauder blutenden Seele geströmt-und in welchen er seinen unermeßlichen Schmerz durch den in Maß und Wohlklang gebrachten Sang bemeistern wollte. Ja, diese« Israel hat nicht dloseine Hallelujab« und Triumpfgesänge für immer bewahrt, son, dern auch sein« Schmerzen-rufe und Trauerlieder, und feine! Poesie hat> nicht blosein« Siege-zeiten, sondern auch! sein« Leidensgeschichte in -umrerlöschlichen Zügen den Jahrtausenden berichtet. Eist der 9. Ab und die Synagoge > har «- verstanden, wen», auch nicht ein Abbild jener furcht« j baren Schrecken-Reiten zu -geben, io welchen zwei Male j an demselben Tage die Zinnen de- Tempel» vom Feuer j verzehrt, die große blühende Stadt zur Trümmerstatse; gewandelt und da- Volk hinau» getrieben wurde in Ve^ daunung und Knechtschaft, doch durch den Trauerflor, ^«n sie über sich dceiret, da« Gedächrniß jener im Bewußtsein ihrer Bekenner immer wieder hervorzurufen und lebendig zu machen. Wir sind nicht der Meinung derer, welche glauben, daß die Zeit solcher Trauerfeier, solcher Klagegesänge vorüber, wenigstens für den größten Theil der europäischen Juden unstatthaft sei» Wie? wenn die Morgenröthe angebrochen, muß darum da- Gedächrniß einer stürmischen Nacht voller Gefahr und Roth vergessen «erden? Wenn Fesseln gebrochen sind, muß darum jede Erinnerung an dir Wunden, l die sie gedrückt, schwinden? Wie könnte wohl der Enkel,! der ein Herz hat für die Geschichte seiner Väter, solchen! schrecken-vollen Niedergangnicht eingedenk sein? Soll er I für die tasäglichen Leiden feiner Ahnen kein Gedächkniß, kein Mit-esiß-l haben? Und war der Sturz Zionnicht der Wermuth-quell, au« welchem fort und fort, Jahrhundert nach Jahrhundert daunermeßlichste Weh, die bittersten Leiden über alle nachfolgenden Geschlechter Juda'- sich ergossen? Und wie? wenn wir freudig anerkennen, baß gegenwärtig unsre Fesseln gebrochen. unsre Kerkerthüren geöffnet sind und eine lichtere Sonne de- Friedenüber! unaufzegangen, sollen wir darum all jener vergessen, die noch vor wenigen Jahrzehnten unbedrängten? Kommt doch selbst dem Glücklichen immer wieder «ine Stunde, in welcher die düster» Schulten seiner unheilvollen Vergangenheit in seiner Seele aufsteigen,, kommt und soll tontmen! Soll kommen, damit er nicht allzu sicher sich glaube, denn die Regenwolken können immer wirderkehren, damit, sein Wohlbefinden nicht in Urdennuth au-schlage. Und ist enicht imiper noch nur de» kleiner«. Theil Unsere- Stamme-, während Millionen seiner Glieder noch unter Bedrückung, Au-schlitßung und Verachtung seufzen? . . . Und sollte esein, daß dir die altm Trauerformen nicht mehr ganz zusagen) daß edir widerwärtig scheint, auf Säcken, in Strümpfen und schmutzten Kleidern zu trauern, und dir die viel«» Klagelieder hurch sich- Stunden und mehr hindurch zu lang dünken, noch dazu, da du sie meistennicht mehr verstehst: so möge» neue Formen der Trauer an

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