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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 25 (1864) · p. Seite 98

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
25 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 1 Unmöglichkeit Zuerst kann er seine eigene religiöse l edeczeugung nichr verleugne« und daaÄführt ihn der erste Schritt in seinem Amre irgend einer Partei zu. 2 st er selbst orthodox gesinnt, so wird er alsbald von den Refrrmsüchtizen und Reformbedürftigen perborreScirt und ve:lrert allen Einfluß auf sie. Gehört er zu diesen selbst, so zieht er sich die Gegnerschaft der Orthodoxen zu. -Streb er, sei eS aus Uederzeugung, sei es aus Rücksichten, nach :inec gewissen Milte, so Henügr er keiner seile. Denn die Orthodoxie ist ein abgeschlossenes Ganze und vergibt ihm die Abweichung vom geringsten Minhag niemals. Der andern Seite aber genügt er ebenso wenig, weil sie «Ues, was er beabsichtigt und thut, für bald ansiehr und uißachrer. Hierzu kommt, daß er gerade bei denen, welche eine Umgestaltung wollen, in der Regel keine dauemve und kräftige Unterstützung findet. Wahrend diese er m|» gut wie die Orthodoxen den Radbinen verurrheilen, nenn er ihren vorgefaßten Ideen sich-nicht fügt, lassen Ju rha in der Regel doch im Stich, wenn er wirkliche sch «lre dahin tbur. TheilS stellen sie der Rührigkeit und < lntschiedenkeir der orthodoxen Partei einen sehr schwachU Herr Widerstand entgegen, rheilS bar das Alle über sie u »der wußr noch, lo vwl Gewalt, baß ihnen das Neue, nenn eS selbst eingeführr wird, innerlich wenig zusagt unl sie sich leicht bestimmen lassen, eS wiederauszügeden. Oer Sunbrndock bleidl dann immer der Raddinec. Entschließt sich endlich vieler, gar nichts zu rhun, sondern nur «den seinen naheliegenden Pflichten nachzukommen, so wirl er .von allen Seiten als ein Müßiggänger, der sein J mt und die Pflichten desselben vernachlässigt, angefeindet. Fr. DieS »p freilich «ne sehr mißliche Stellung. R. Sie wird , aber noch durch die zweite Duelle des UebelS gerrüdk. ^<Diese besteht Inder religiösen Gleichgiltigkeit und Bedürknißlosigkeir. von welcher gegenwärtig die große M.Krz.si^ der Juden gleich den Betenaern and rer! Religionen heimgeiucht ist. Glauben Sie nicht, baß ich erwa diese nur auf einer Seite find«; die sogenanrren Orthodoxen rkeilen nach meiner Erradrung dieses Äes< »ick mir ihren Brüdern. Sie find wodl eifrig in der Uebung der alten Bräuche und Satzungen, nie sie eS gewo;nl sind; auch erheben sie ein großes Geschrei, wenn irge cd-. wie eine Abweichung davon vor sich gehen soll. llS Opponenren sind sie höchst rhalig und. zu fürchten. Äieö ist aber auch alles. Eine wahre Begeisterung, ein inner- > sich geistiger Eifer für die GotttSlehre fehlt auch ih> en in der Mehrzahl. Es ist ihnen nicht darum zu rh in, Thorak zu lernen, dafür Opfer zu bringen, sich damit zu beschäftigen und alles zu begünstigen, was dahin;i. ll; sondern eS lebt auch in ihnen nur ein schwacher Fu >te dafür, und wo dies nicht so scheint, ist ,L gemacht »no i von keiner Dauer. Ich habe hierin Erfahrung gn ug gemacht, und darum sind in den meisten Gemeinden i lle : Veranstaltungen zum „Lernen" untergegangen; darum lassen die Orthodoxen ihre Kinder ebenso wenig gründlich in Bibel und Talmud unterrichten wie die andern. Gl ühen Sie aber nicht, daß der Rabbiner hierdurch dloS c»S dem Gmnd« sich verletzt fühlen wird, «eil seine Anstreng» ngen deshalb wenig geehrt werden, sondern weil ihm babu ch jede Befriedigung über die inner» Erfolge seiner Leb,! S» ' xhärigkeir verkümmert werden. Er kann sich nicht sag,,: thue unbekümmert deine Pflicht, du wirst Gutes und 8 ebeutendes wirken. Ec rann bieS nichr, weil er nichrS davon vor sich siehr. Fr. Ist dies Urrkeil, Herr Raddinec. nicht zu harti Muß der geistliche Ledrer sich nicht mit dem Bewußtsein trösten, daß der Herr schon die Saar aufgehen lassen werde, wenn sie fleißig und mit bestem Willen gesäet worben? R. Ja, bieS wird ec für feine Person thun; damit aber kann er andere nicht von dem zurückdringenwas sie zu sehen glauben.^ Gehen Sie in eine Synagoge hinein und lassen Sie den besten Redner die Kanzel besteigen, der mir aller Kraft und auS der Fülle des Herzens das Wo« Gottes predigt, auch jeden ParkeistandpuNtr und Anstoß vermeidet: Sie werden — Rolch haschanah und Jom Kippur ausgenommen, oder etwa in den größten Städten, wo stets.«« großer Zufluß von Fremden ist — die Synagoge leer finden und der Raddinec verliert seine besten Worte und die Tropfen des Schweißes an eine geringe Zahl Zuhörer und an leere Banke; will er ein Haustein Gerreuer zu Schiur oder andern Vorlra'gen versammeln, so wird die Anzahl gering und bald äußerst germg sein. Har er den größten Elfer auf den Religionsunkercichl Verwender und trotz den Eltern einigen Raum in den Herzen der Jugend gewonnen: sobald diese den Unterricht verlassen har, siehr er sie nichr wieder; die Knaben kommen in die Lehre oder besuchen höhere Ansiairen. die Mädchen nehmen ihren Platz im Hause ein und damit sind sie der Synagoge und dem Rabbiner dis auf seltene Gelegenheilen entzogen. Trifft er wieder auf sie, so sind sie in der Regel ihm und seiner Sache entfremdet. Was läßt sich da Großes von Wirksamkeit und Erfolg sagen, wenn man sich nicht 'selbsi rauschen will t Fr. Indeß ist doch die sociale Srellung des Rabbincn eine viel bessere und ehrenvollere geworden. R. Da berühren Sie erst einen andern wunden Fleck. Ich habe Ihnen zuerst die Schwierigkeit der allgemeinen Stellung des Rabbincn innerhalb der verschiedenen Parteien und Elemente seiner Gemeinde gezeigt. Hierzu kommen nun noch die persönlichen Beziehungen, von denen doch niemand frei^ bleiben kann. Wird ihm, wie eS heutzutage gar nicht zu vermeiden ist, ein Theil seiner Gemeinde aus irgend religiösen Momenten abhold, so kommt hinzu, daß er mir und ohne Willen im Laufe seiner AmrSdauer bald der diesem bald bei jenem durch irgend eine kleine Veranlassung Anstoß erregl. Der eine wird ihm feind, weil ec sich nicht genug geehrt von ihm glaubt, weil er sich in irgend einer Höstichkeilspflichr zurückgesetzt meint, der andere, weil er eine Anforderung an den Rabbincn stell», die dieser nicht erfüllen konnte. Ich versichere Sie, daß da Dinge Vorkommen, die allen Glauben übersteigen und von denen ich Ihnen manches Ergötzliche mittheilen könnte, das aber immer feine unangenehme, wenn nichr traurige Seite hat, denn gerade solche Gegnerschaft ist die unversöhnlichste. Da der Rabbiner seine Besoldung auS der Gemeindekasse erhält, so denken sich die Leute ihn gar zu sehr als ihren Diener, alS den, den sie bezahlen und der also von ihnen abhängig ist. Was wollen Sie nun in socialer Beziehung? Besuchen Eie das Haus eines Raddinen und deodachren Sie seine Verhältnisse. Gerade in den Hausern der gebildeteren Familien kann in der Regel der Rabbiner gegenwärtig kein Tischgenosse sein und der Umgang mit ihnen vermindert sich dadurch äußerst. Wählt er feine

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