Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 25 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolMlatt. Zur Belehrung unk) Unterhaltung aus jüdischem Hebiete. Herausgegebev von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Bonn. Mo:,25. 1864.^ Vv» dieser Zeirlchrisl erjcheiut wüLevUich eine Nummer. Prei« de« I«drgaug« i Tblr. vierteljährig 7 Ngr. Ave vuchhaudluuge», Poftimrer uud Zntuug«rrpe»iUo»e« »eh»e» Be-elluuge» au. [11. Jahrg. 2. Quartal.] Der Rabbiner in unseren Tagen. Sio Gespräch. Bon N L. In €>. Fr. Haben Sie auch Söhn«, Herr Rabbiner? R. Allerdings, drei. Kr. ...Und welchem Berufe haben diese sich gewidmete R. Der ältest« har Jura studirr und in diesen Tagen sein Affessorat-examen gemacht; er hofft binnen kurzem eine RechtSanwaltstelle zu erhalten. Der zweite hat Chemie studirt und ist als Werkfüdrer in einer der» artigen Fabrik ängestellt; der dritte ist Kaufmann geworden und servirt. Fr. DieS seht mich in Erstaunen. Warum ist keiner von ihnen Ihrem Wege gefolgt und jüdischer Theologe geworden? ES liegt doch sonst so nahe, daß Söhne den Beruf ihre- VaterS wählen. R. Ich hätte es wohl gewünscht; eS wäre mir lieb gewesen um der heiligen Sache willen, der ich mein Leben und meine schwachen Kräfte gewidmet. Aber eS war stets mein Grundsatz, meine Kinder ihren Leben-beruf nach Neigung und Fähigkeit frei wählen zu lassen. Auch erzog und unterrichtete ich meine Knaben so, baß sie^nn Rabdiaerstande vorbereitet gewesen wären. Einige Zeit lang schien eS auch, daß der eine und der andere große Vorliebe für den theologischen Beruf empfände. Aber gerade wenn sie anfingen sich selbst ein Urtheil bilden zu können, fielen sie davon ad und wählten, trotz ihrer innigen Liebe zum Judenthume, trotz ihrer aufrichtigen Bewunderung unserem heiligen Religion, andere Bahnen für die bürgerliche Existenz. Ich suchte sie eine Zeit lang davon zurückzuhalten, denn erst im ernstlichen Widerstreben offenbart sich der ernste Wille. Aber nachdem dit Abneigung sich entschieden kund» gethan, wehrte ich ihnen nicht mehr. Fr. Da haben Sie sicher den rechten Weg verfolgt. Denn wenn schon bei anderen BerufSarten eine Antipathie schädlich ist, so ist sie bei dem geistlichen Amte nicht dloS ein Unglück für den damit Betrauten, sondern auch «ine Versündigung gegen die Gemeinde, in der der Betreffende wirken soll. Aber woher schreibt sich dies« Abneigung, die doch gerade in Ihrem Hause am wenigsten Veranlassung hätte finden können? R. Sie irren. Lassen Sie emich offen au-sprechen. Meine Söhne hatten zu viel Gelegenheit, wie man zu sagen pflegt, hinter die Coulissen zu sehen, d. h.-die mißlichen Uebelstände, die der Rabbiner in unfern Tagen zu erdulden hat, die Kämpfe, die er zu bestehe«, die geringen Erfolge, deren er sich zu erfreuen hat,, zu gewahren. Fr. Dieist mir neu. Ich habe geglaubt, daß gerade der Radbinerstand in. der neueste« Zeit einen großen Aufschwung genommen und a,uder Mißachtung, in welche er .im Anfang dieses Jahrhundertversunken war, zu hohen Ehren gelangt ist, ja, daß er mancherlei Vorzüge genießt, namentlich wenn er mir Wissen und Talemen auDgestattet ist. R. Dem Anscheine nach ist dierichtig und gewiß steht der Rabbiner gegenwärtig ganz anderda, namentlich in Deutschland, und von deutschen Gemeinden rede ich nur, alS noch vor einem halben Jahrhundert. < Es werden viel höhere Anforderungen an ihn gemacht und dafür ihm eine höhere Stellung eingeräumt, meist auch bedeutend bessere Gehälter gezahlt. Nichtdesto weniger ist biealleS mehr Schein -l- Wirklichkeit und ehaben sich dafür fo ungleich mehr Mißstänbe eingestellt,^daß da- Resultat, wefin auch nicht immtr, doch für jetzt ein höchst ungünstigeist. Fr. Dütste ich «S wohl wagen. Sie um eine nähere Erörterung zu bitten? R. Sehr wohl. Hetzen Sie, ich bin in einem Alter und in Verhältnissen, wo man unparteiisch und offen sprechen darf. Ich bin mit meiner Gemeinde zufrieden und sie, wit ich glauben darf, mit mir. Nach einer andern Stellung strebe ich nicht, brauche aber auch nicht zu fürchten/ daß die meinige gefährdet oder auch nur erschüttert w^rde. Fr. Worin bestehen also jene Mißstände, auf die Sit hindeuten? R. Lasten Sie unzuvor zu der Quelle derselben hinaufsteigen& wir «erden jene dann leichter begreifen. Dieselbe ist aber eine zweifach«. Daß die meisten mittleren und alle größeren Gemeinden auden verschiedenartigsten Elementen, Richtungen und Stufen in religiöser Beziehung und auch in der Bildung bestehen und zusammengesetzt sind, ist die erste Quelle. Die^jüdischen Gemeinden haben keinen einheitlichen Charakter mehr. Efind in ihnen überall Orthodoxe und Reformsüchtige und zwar in den verschiedensten Schattirungen vorhanden, in deren Mitte nun der Rabbiner hineingesetzt ist. Fr, Sollte aber nun nicht der Rabbiner über den Parteien stehen? R. Dieist ein Jrrthum. Ueber den Personen und Persönlichkeiten soll er stche« und kann er sich wenigstenbemühen zu stehe«. Ueber den Parteien, ist adrr eine