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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 23 (1864) · p. Seite 90

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
23 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 auf deinen Geist. Das war ein harter Lehrmeis er, der die Schutzlos^keit beS Knaben benutzte, um ihn zanz zu knechten. Oft bäumte sich dieser auf und knirschte wider .den Zaum, der idm angelegt. Aber waS »ollre ee rbua- Ec halte keine Heimalh, dahin ec flüchten konnte, und auS seinem Geschick fühlte er daseiner Schwester i heraus, und waS er für sich nicht ertragen konnte, mußter für sie tragen. Har doch allesein Ende und so auch die, Lehrzeit. Aber sein böswilliger Herr streckte seine Zuchlruthe auch über die folgenden Zabre des Jünglings hin. Ec gab ihm ein schlechte» Lehr-zeugniß und niemand war da, der mit ihm rechten konnte. wanderte Joseph > lang umker, bi» er eine Stelle al» HandlungSdienrr fand, und mußtewiederum verlieb nehmen mit der schlechtesten, di« sich ihm bot. Er kargte und kargte, aber Jahre bedurfte «S, di» ec so viel erschwang, um daS vermoderte Brettchen auf dem Grabe seine- Vaters mit einem mäßigen Denkstein zu verrauschen. Seine Schwester aber halte allezurückgewiesen, dis er dieses erreicht haben würde. Da war ihre Eristen; nicht aninüer eine herbe. Unter schweren Entbehrungen halte sie daS Verfertigen von Kleibern erlernt, und nun erwarb sie sich durch unermüdliche- Acderken in den Hausern der Leute ihren schmalen Lebensunterhalt. Aber sie konnte hierin keinen Aufschwung erringen und mußte sich mit den Hütten der Armen begnügen, weil sie keinen hatte, der sie den Reichen empfahl. Darüber wurde die Blüthe ihrezarten Körperfrühzeitig geknickt und der Wurm der Verzehrung nagte iy ihrem Innern. Ihr Brucer war fern und die bunten Bilder auS ihrer Kindheir längst verblichen! All diei'eS Schicksal Halle ibc reine» Gemülh nur immer milder, bemüthiger und hing^enber gemacht, das feimge aber verbittert und verwildert. Sein Blick streifte umher, wo und wie er das Glück erfassen könne, und die Arr, wie er ezu. dem leinigen macke, sing an, ihm gleichgiltig zu dünken. Endlich mußte sich doch ein Sonnenstrahl zeigen. In der Residenz erlangte er «ine Stelle in einem Kaufhause.' Mit allem Eifer warf er sich auf seine Arbeiten und erlangtedje Zufriedenheit seines Prinzipals. Er war jetzt . schon zweiundzwanzig Jahre und die Kindheit* lag weit hinter ibin und war ihm durch di< Harken Kämpfe fast ( in Vergessenheit gesunken. Vorerst mußte ev für feine äußere . anständige Erscheinung sorgen, um angemessen in dem Hause . seine» Herrn aufzutreten. Da erfaßte ihn die Glurh einer ibm neuen Leidenschaft. Oie schöne Tochter seines Haufeging wie eine strahlende Sonnenkönigin an seinem Himmel auf. Er liebte sie und war kühn genug, an die Bewerbung um ihre Hand zu denken. Er bildete sich «in, das . wäre die Hand des Geschickes, die sich ihm dardöle, um, erfaßt, ihn aus der Tiefe zu heben. Er umgab sich mit , einem gewissen Glanze, um würdig zu erscheinen. Aber j er wurde abgewiesen und der erste Schritt der Annäherung erwarb ihm nur Beschämung. Er ließ sich nicht zurückschrecken und erneuerte nur die Drohung, sofort entlassen zu werden. Das fraß an seinem Herzen. Alle sein« Gedanken richteten sich auf diesen einen Punkt- Er erkannte es und suchte Vergessen in Zerstreuungen, bald in wüster ' Leidenschaft und ihren Ausschreitungen. Er sank, .sank immer tiefer und gerieth mitten in die Sünhe. Zwar kamen die Stunden de» Bewußtseins, Stunden der bittersten Reue, .Stunden, wo er an da- Grad de- Vaters dachte und die trauernde Schwester ihm erschien, von der ' er nicht wußte, wie sehr ihre welkende Gestalt sich schon ' zur Erde beugte. Ader er vermochte doch nicht, sich aufzuraffen, all die Schlangen abjuschütteln, die sich um sein Herz gewunden, all die Gifttropfen hrrauSzudrangen, die feiner Seele sich cingeatzl. Da kam ein Schreiben, da» ihn an da- Krankenlager. feiner Schwester berief. Dies erschütterte ihn. Ader seine 'Pflichten fesselten ihn noch einen und den andern Tag, und al» ec nun nach »einer Vaterstadt eilte, war eben seine Schwester unter den Sand» Hügel d»S Friedhofes gebettet worden. So stürzte er von dem leeren Sterbelager zu der mit den Resten der Dulderin gefüllten Gruft. Wir faden ihn einkceten durch das schwarze Äatterkhor, die Gräber seiner Geliebten suchen und finden; wir sahen ihn hingesireckt zwischen den beiden GrabeShügeln, in die seine von der Gluth der Leidenschaft versengte Seel« sich bineinwühlte. Da lagen drunten die zerstörten Körper des Vaters und der Schwester, jener schon fast zu Staude geworden, dieser, so jung gebrochen, von der Hand der Verwesung gefaßt. Ach! und er haue nicht» gelhan, um diese ab- und aufzuhalken, und vielleicht hätte seioe^ Hilfe zur rechten Zeit sie retten können, aber er halte sie nicht gebracht, sondern dafür wüsten Lastern gefröhnel. Und Nun zog ihn der Blick zur Wölbung des Himmelauf und auch da erschaute er die Gestalten des Vaters und der Schwester, wie sie über den gefallenen Sohn und Bruder trauerten, wie ihnen heiße Tropfen auS den Geistesaugen über seine Sünde und sein verödetes Leben entflossen. Da hob er die Hände jammernd empor, da flehet« er die heiligen Schatten um Vergebung an, da schwoll ihm sein Herz von Gelöbnissen empor, umzukehc.n und ein'neues Leben zu beginnen und ihre Geister zu versöhnen,' wenn ec ihrem Leben auch nichts mehr zu bieten vermochte. Ja! da fiel ein Strahl der göttlichen Barmherzigkeit in seine Seele. Ader dieser Strahl brannte in ihm nur noch sengender. Bei seinem Lichte sah er die ganze Häßlichkeit, die sein Gemüth angenommen, und er verwünschte sich selbst und verzweifelte fast an sich selbst und sank haltlos auf die Gräber nieder. . . Schlummre nur in der Ohnmacht, im Taumel zerwühlender Gedanken einige Augenblicke, eine Stunde, armer, schwacher Geist, den die Feuecglurh de» Lebens angesengt — die Gnade deines Gottes, die lauternden Bilder dein« Dahingeschie» denen, die am Throne des Alldarmkerzigen für dich flehen, werden dich wecken und gestärkt wirst du dich erheben, und wenn die Sonne untergegangen, aber der silberne Mond feine stille Bahn über dein Haupt Kinzieht und die ahnungsvollen Adendlüfte in dein Ohr flüstern und die weißen Denksteine auf den Gräbern immer so fest und unbeweglich stehen, wirst du dich^aufrichten und einen Kuß auf die beiden kalten und feuchten Gräber drücken und von bannen gehen, mir gebeugtem Haupt«, aber mtt gefestigtem, ruhigem Schritt. Draußen empfängt ihn da» Leben wieder, aber er har gelernt, seinen Wogen die starke Brust entgegeazustemmen und den rechten Weg durch die pfadlose Wasserwüste zu finden. (Schluß folgt.)

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