Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 23 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
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91 Die Leichenfeier Mcycrbeer's in Berlin. Berlin, 9. Mai. Heute Mittag fand die Leichendestattung Meyerdeer's unter großer und allgemeiner Theilnahme statt. Schon eine Stunde vor dem Beginne der eigentlichen Leichenfeier wogte es unter den Linden und auf dem Pariser Platze, wo im Hause Nr. 6, der Wohnung Meyerdeec'S, dessen Sarg unter blühenden Topfgewächsen stand. In einem schwarz vecorirten Saale erhob sich der Katafalk. Der Sarg war mir einer schwarzen, silberburchwirkcen Lecke überzogen und prangte in einer Fülle von Kränzen. Sechs Kerzen umstanden denselben', ebenso viele Candelaber den Katafalk und ein Lustre warf von der Decke herab seine Strahlen auf den Sarg. Zu den Füßen desselben lagen auf schwarzen Kissen die 11 Orden, die den Verewigten geschmückt, daneben legre Tauberl einen Lorbeerkcanz. Zur Linken prangte auf einer Säule die verhüllte Marmorbüste des Meisters. Ihre Maj. die Königin Augusta und. Ihre K. Hoh. die Frau Prinzessin Friedrich Karl hatten den Sarg gleichfalls mit Kränzen schmücken lassen. Die Sale der Wohnung vermochten die Trauer,Versammlung nuk^zum kleinen Theile zu fassen, weßhald gar viele auf Treppe, Flur und Straße weilen mußten. Unter den in den Sälen Anwesenden bemerkte man Se. K. Hoh. den Prinzen Georg (wie bekannt, selbst gründlicher Kenner und Pfleger der Musik), den Fürsten Radziwill, den Oderstkämmerer Grafen Wilhelm Redern, den Minister deköniglichen HaufeS Frhrn. v. Schleinitz, den Ober-Ceremomenmeister Grafen Stillfried, den Hofmarschall Grafen Lucchesini, de» Srabt-Commandanken Gen.-Lieut. v. AlvenSleben, den französischen Botschafter Baron v. Tallcyrand-Perigord, den italienischen Gesandten, den hannover'schen Gesandten und viele Rotabilitäten der Wissenschaft und Kunst, so auch die Vertretung der Akademie der Künste, deren Mitglied der Verewigte gewesen, Abordnungen des Magistrats und der Stadtverordneten, den Oberbürgermeister Seydel und den Stadtverordneten-Vorsteher Kochbann an der Spitze, wie des Vorstandes der jüdischen Gemeinde. Da der General- Intendant der königl. Schauspiele, Kammerherr v. Hülsen, verreist ist, so hatte er sich ausdrücklich durch den Director deS Schauspiels, Düringer, den Capellmeister Taubert und den Kanzleirath Heuser vertreten lassen. Da- Solo-Personal der königlichen Oper eröffnet? die Feier mir einem Trauergesange, dessen Weise der Verewigte selbst gesetzt und welchen der Musik- Direktor Radecke für Männerchor arrangi'rl hatte. Es folgte die Äedächtnißrede des Rabbiners De. Joöl auS BreSlau, der deS Heimgegangenen Emst, Fleiß und Genius prieS und die Sprache seiner-Werk« verherrlichte. Ein zweiter Trauergesang endete die Feier im Hause. Bald nach 1 Uhr fetzte sich der Zug in Bewegung. Voran schritt der erste Musik-Direktor, der hiesigen Militärmusik, Wieprecht, mit einem umflorten Stade; ihm folgten drei Milirär-MusikcorpS, die Beethoven'- und Wieprecht'S Trauermarsche bliesen; die Musikmeister trugen gleichfalls umflorte Stäbe. Der Musikmeister des 8. (Leid-) Infanterie-Regt-., Piefke, war von dem Kriegsschauplätze zur Feier hiehergeeilt. Dann folgte da- Bureau der General-Intendantur der Schauspiele, die Capellmeister, Musik-Oirecloren und Concertmeister der königlichen Capelle, dann der Capellmeister Dorn mit dem Kissen, auf weichem die Ordm lagen, hiernach der mir Palmen geschmückte Leichenwagen,! zu dessen beiden Seiten, neben den Leich,üträgern, die jüngsten Mitglieder der königlichen Capelle, Palmenzweige rragehd, einhergingen. Hinter dem Leichenwagen schritten dir Leidtragendes, der Schwiegersohn Meyerbeer'S, Rittmeister im 2. Garde-Dragoner- Regiment, v. Korff, die beiden Neffen JuleS und Georg Beer, die Mitglieder der königl. Capelle, der königN Theater, die Vorsteher der Privat «Theater, Deputationen, darunter auch der Director der kaiserl. Oper, Perrin auS Paris,; und eine lange Wagenreihe, eröffnet dusch die sechSspänni-! gen. Äalawagen Ihrer Majestäten d,S' Königs und her Königin wie der königlichen Prinzen. Als der von eiyer dichten Menge umwogt«" Zug ach Opernhause angelangt, ward eine große Trauerfahne dort entfaltet, der männliche Opernchor trat auf die Rampe und sang: „WaS Gott tbut.< daS ist wohlgethan." Die Choristen reihten sich dem äuge ein, der überall große Zufchauermassen cherdeigezagen. Er hatte sich durch dfe Linden, den Kastanien» wald, die Neue Friedrichs-, Burgstraße, neue Proiyonade, Rofenthaler- und Schönhauferstruße nach dem jüdischen Begrädnißplatze vor dem Schönhauser -Thore bewegt. Hier waren Eingang und Hall« schwarz becorirt. Unter der letzteren ward der Sarg abgelebt, der Thearerchor sang Schiller'S „Rasch tritt der Tods' nach P. A. Weber'S Composition, der Rabbiner hielt die hebräische Trauer» Liturgie und sprach ein deutsches Hebet. Nunmehr wurde der -Sarg in der Familirpgruft utben des Verewigten, ihm vor. zehn Jahren vorangegangenen Mutter beigesitzt. Ueber den Thalmnd. Von 9r. Tobiatz Cohn. Vor kurzem hielt der Rabbiner Dr. Tobias Cohn in .Potsdam einm Vortrag Über den Thalmud' in der zu Potsdam bestehenden „Literaria", einer Gesellsitzaft, die auS der Elite der dortigen Bevölkerung besteht und in welcher Vorträge über wichtige literarisch« Erscheinungen gehalten werben, ^»vr. Cohn, der dort schon öfter gesprochen, dielt diesmal, qüf den Wunsch vieler Mitglieder, einen Vortrag über deH Thalmud, um den Zuhörern einen klaren Einblick in diese' großartige Schöpsimg deS jüdischen Geistes zu eröffnen. ES war diesicherlich eine schwierige Aufgabe,' da eS hier galt, vor einem christlichen und hochgebildeten Publicum eia riesenhaftes Werk zu charakteri« siren, ohne die geringste K«rntn>ß desselben voraussetzen zu dürfen, aber dafür altgenähete Borurtheile vor sich habend. Wie d?r vr. Cohn diesi Aufgabe gelöst, wollen wir hier in einer Skizze zeigen; um aber dies in ganz unparteiischer W^eise zu thun, begnügen wir u«S, das Referat wörtlich > wkederzugehen, welches diev„Spener'sche Zeitung" in ihr» No. 194 vom S. Mai aus Potsdam darüber brachte. ,' „Einer Aufforderung Folge gebend, hielt der Prediger