Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 23 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur ,, Jäelefjrung unö Unteröaftuiig auf jüdischem 4^eöfcte. Herausgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Philippfon in Bonn. Mo. 23. 1864.] Bon dieser Zeiklideikt ersLeink wocheallich eine Kummer. Prei« de« Jabrgaagt l Tblr. Bierreljäbrig 7 'X Slgr. All« Bschhaudlungeu. Postämter!' und Zeitungsexveditiouen nehmen Bestellungen an. ^I I.Lsdrg. 2. <Sjuatlal] An einem Grabeshügel. ii. Ach! der Prophet Elijah zögert lange zu kommen und die große Trompete ertönt noch immer nicht über der Oderfläche der Erve, und die Jahre verrollen eines nach dem andern und das Gräberfeld der Judengemeinde wächst immerfort unv droht schon die Wiese und die Baumpflanzung immer mehr zu verdrängen. Sind doch schon so viele neue Hügel aufgeworfen worden, daß das Grad, an welchem jener Knabe gesessen, schon ziemlich zur Mitte des Feldes geworden; das ungehobelte Brett ist durch einen mäßig großen Stein ersetzt, dessen weiße Farbe bereits grau zu werden beginnt. Aber stehe da, dicht neben ihm ist ein neues Grad aufgeworfen, das man zwischen ihn und den Nachbar hineingezwängt und so schmal und klein gemacht har, wie eS jiwt anging. Au Häupten steht wieder ein Brett mit den schwarzen rohen Buchstaben. Viele, viele Tage vergehen und kein Menschenfuß betritt den ein» samen Gottesacker und kein Menschenlaut stört die Ruhe derer, „die im Staude schlafen." Da öffnet sich das schwarze Gatterthor. Herein tritt ein junger Mann, dessen unruhiger Blick das ganze weite, verlassene Felo überschaut. Wie bleich ist sein Angesicht, wie fald seine Lippen, wie sonderbar blitzt sein großes, feuriges Auge, das Haar hangt ihm wirr herab und die an sich elegante Kleidung zeugt von Vernachlässigung. Er tritt näher; er blickt auf den Pflaumenbaum ber Selbstmörderin, um von da aus den Orr zu suchen, wo bas Grab, zu dem sein Herz ihn treibt. Jetzt hat er es wohl gefunden, den» seine Schritte beflügeln sich. Er hat eS erreicht; er steht zwischen dem alten und neuen Grabe; sein starrer Blick haftet bald an dem einen bald an dem andern; da sinkt er zwischen beiden nieder; seine Linke liegt auf dem Grade des Vaters, seine Rechte auf dem Grabe der Schwester; niederdeugt sich sein Haupt, dis die brennende Stirn auf dem Rasen des alten Grabes ruht; unverständliche Worte ringen sich über feine Lippen, aber schmerzlich und leidenschaftlich muß ihr Inhalt sein. Dann hebt sich sein Kopf wieder empor, sein Blick scheint den blauen Himmel und die weißen ziehenden Wolken durchdringen zu wollen, feine Hände ringen krampfhaft, endlich stößt er wie mit einem Schrei „Vater! Schwester!" auS, endlich, endlich stürzt ein Thränenstrom aus seinen Augen. . . ES war Joseph, .den wir abermals an dem Grabe des DaterS sehen; aber jetzt sitzt er nicht da und spielt mit Blumen und macht Ketten aus Stengeln . . . eS sind wohl zwanzig Jqhre vorübergeg^en und au« dem Knaben ist ein stattlicher Mann geworden. Aber wie schwer und voller Kämpfe war ber Weg bis hieher gewesen. Unter dem Drucke der Armuth, unter dem Joche des Mangels und der Entbehrung verflossen die Jahre ber Kindheit, nur von kalte» Herzen überwacht, nur von kalten Händen gepflegt. Ader doch nicht liedeleer.^ Denn die ganze Seelen des Knaben hing an dem verlassenen Schwesterchen uad füllte sich mit der Fürsorge für Jte und erhob sich asi der Zärtlichkeit-'für sie. Für sie sparteer sich jeden gute» Bissen vom Munde hinwegg für sie verdiente er sich obrch Abschreiben und Mithilfe seiner Schulkameraden einige Pfennige, um ihr eine Freude zu machen, mit ihr spielte er, und maS er heute geleml, suchte er morgen ihr ^eizutzringen, soweit sie es zu fassen vermochte. Und er! war fleißig in der Schule und benutzt^ seine guten Ankern und kam rasch vorwärts. Da beflügelte sich seine Phantasie, und wenn er am Sabbakh die kleine Lina spazieren führte, erzählt« ec ihr viel von seinen Hoffnungen und Plänen, deren einziger Mittelpunkt sie war. Da wollt, er ihr schöne Kleider schaffen und ein nettes Aimmerch«n zum »steinigen Gebrauche Herrichten, und sie sollte ihm die' Wirthschaft führen, aber bei Leide nicht schwere/!»» > niedere Dienste leisten, wie sie es wohl jetzt bei ihren Pfleger» mußte. Keine Sotge sollte ihren Freudenhimmel verdunkeln und wse eia Cherub mit flammendem Schwert» werde er vor ihrem Paradiese wachen, darin kein Baum stehen sollte, duffen Frucht ihr verboten wäre. Ach, und sie dankte ihm so innig, mit so warmem Händedruck, mit so liebestrahlendetn Blicke, als ob er alleschön gerhan, w s er verhieß, ut»d' die Freuden schon da wäre», die er ihr ausmalte, und sie beide schon den Becher de- Glückes in wänden HLMn, aus dem sie nur zu trinken brauchten. OaS waren die sch-ney Stunden, welche die vielen dünke n durchleuchteten und vergoldeten, denn in ibnen wohnt der feste Glaube an die Zukunft und, hob sie lächelnd über alle Gegevwart hinweg. — Die Zeit der Trennui g aber kam. Als Joseph dreizehn Jahr geworden, wurde er zu einem Kaustnann in die Lehre gebracht. Bei d m Mangel an Lehrgeld mußte man. eine Stelle annehmeei, wie man sie eben bekommen konnte. Es war in eine, ziemlich entfernte« Stadt. Die Kinder mußten sich von inandrr loSreißea und in dieser Stunde erwies sich auch die Hoffnung als eine bleiche und ohnmächtige Tröstern. Du armer Knabe, jetzt erst warst du auS allen hanen Himmeln gestoßen und die Schwere eineverwaisten Daseinlegte sich wie Kerker und Fessel