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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 22 (1864) · p. Seite 87

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
22 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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87 wölbte, bald auf da« ungehobelte Brett, da« zu dessen ^Häupten eingesteckt worden und auf welches mit rohen hebräischen Buchstaben der Name und der Sterbetag dessen geschrieben worden, der seit wenigen Stunden unter diesem Hügel ruhte; bald auch sprang der Knabe auf, tummelte sich zwischen den Gräbern umher, um diese oder jene wilde Blume zu pflücken, kehrte dann mit der gefüllten Hand zurück, um mit den Blumen zu spielen, einen Strauß aus ihnen zu winden oder aus ihren Stengeln eine Kette zu machen. Dann wieder erhob er den Kopf und sah einige Augenblicke mir scharfen Augen auf das Grad, als ob er erwartete, daß sich hier etwas regen, die Erde abschütteln und wieder erstehen würde. Wenn er merkte, daß alles so still und unbeweglich geblieben wie zuvor, wandte er sich wieder ab und seinem Spiele mit den Blumen zu. Es war ein weites, vielbedeckces Gräberfeld, das sich hier den Blicken darbot, und die vielen verwitterten Grabsteine, die besonders in den hintersten Reihen in wunderlichen Gestalten mit mannigfaltigen Arabesken, Säulchen und Capitalen standen, bezeugten, daß hier seit Jahrhunderten schon eine Judengemeinde die beweinten Reste ihrer Lieben im Schoße der Erde geborgen harre. Der Begrädnißplatz zog sich an einer linden Höhe hinan, war mir einer hohen Mauer umgeben und lief nach der Ostseite hin in eine unbenutzte Flache aus, die theils Wiese und theilS mit Obstbaumen bepflanzt war. Der Tod hatte hier keine regelmäßig gezogenen Furchen gefunden, in die er seine kostbare Saal ausstreue, auf die der Thau der Thranen falle, sondern der Zufall und die Laune hatten die Gräber bald hier bald dort angelegt, die Lücken später ausgefüllt', die Grabsteine darum in sehr unregelmäßige Linien gebracht. Die Grabhügel waren bald hoch bald niedrig, zum Theil eingesunken, alle mit Gras und kleinen Gestrüpp überzogen, die Denksteine nach vorn oder hinten, nach rechts oder links gebeugt. Denn auch hier leitete die Hand der menschlichen Triebfedern die Wahl der letzten Ruhestätten, nur daß der Reichkhum nicht allein, sondern auch Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Ansehen für die höher oder niedriger gelegenen Stellen entschieden. An brr westlichen Mauer stand ein einsamer Pflaumendaum, der jetzt eben seine volle Blüthenpracht auf den Boden schüttete. Darunter lag eingescharrt, weit von den übrigen Gräber« geschieden, eine Selbstmörderin, welche die glühenden Täuschungen ihres Herzens in den Wellen des Flusses..abgekühlt hatte — daS einzige Beispiel wohl, das in der Gemeinde von solcher That vorgekommen. Seitdem aber hatten sich die Linien der Gräber durch immer neue Ankömmlinge erstarrter Menschenleider weiter hinuntergezogen, so daß jetzt jenes verachtete Grab, daS jedoch allein von Schatten, Blüthen und herabgefallenen Früchten bedeckt ward, zwar seitwärts, aber doch gegen die Mitte des Gräberfeldes stand und vielen Besuchern zum Werkzeichen diente, wo sie ungefähr in dem ungeordneten Haufen der Grüfte die Ruhestätte der Ihren zu suchen. DaS frisch« Grab, an welchem der Knabe saß, befand sich fast in der jüngsten Reihe, ein Zeichen, daß der, «elcher darin lag, zu der großen' Zahl Erdensöhne gehört haben mußte, welche im Leben mit der Last und der Schmach der Armuth zu kämpfen haben, so daß ihnen auch im Tode noch nur zugestanden wird, was ihnen eben zugestanden werdet» muß. Wenige nur waren dqbei erschienen und thätig, daS'-Grab für den erlösten Kampfer zu bereiten, und eilig hatten sie ihr Geschäft betrieben. Denn der Tobte war einer Seuche erlegen, diel verheerend durch daS Land zog. So knapp, wie eS die Vorschrift der Satzungen nur duldete, hatten sie in jener an der Südseite gelegenen halbverfallenen Halle die Leiche gereinigt und mit den Todlengewändern bekleidet, die vier Bretter, die sein nunmehriges Hau« bildeten, zugerichtft, den Tobten dann hinausgetragen und schnell in bas Grab gelegt, die Üblichen Gebete gesprochen und den Gottesacker wieder verlasse«. In dieser Eilfertigkeit vergaß man deS Knaben, vorausfetzend, baß er den Leuten folge, und im lebhaften Gespräch seiner nicht achtepd. Sü war er zurückgeblieben am Grabe seine- Vaters; Stunde nach Stunde! verrann und er faß und bewachte das Grab, wie er «S wohl in den letzten Tagen am Lager deS Vaters gethan. Die Käfer summten, die Grasmücken hüpften, Schmetterlinge flogen von den wilden Blumen und Disteln auf, hie aus den Gräbern gewuchert, leise flüsterte der Wind durch die Halntr und um di« Grabsteine, Vögel zwitscherten und sangen in der Luft, Wolken zogen am blauen Himmel ihren Weg, aber der Knabe faß und blickte auf den Hügel und spielte mit den Blumen. Die Sonne fing an, sich zu senken. Plötzlich kam eilend« ein Mann durch da« schwarze Gatterthor des Friedhofes und rief durch die Stille deS Gräberfeldes: ,.3oseph, Joseph! Bist du da?" Auf den wiederholten. Ruf erhob sich da« Kind und sah dem Kommenden entgegen. „Wo bist du denn. Junge? Warum bist du nicht mit mir gegangen? Habe ich doch tausend Angst um dich gehabt. Die Schul' gehr ja an, Mincha ist beinah vorüber und du mußt dsch den Kaddisch naässagen um deinen Vater. Was hast du denn hier gemacht? —" „Ohm, ich habe beim Vater gewacht, wenn er aufwacht und will Ja trinken haben, wer soll es ihm denn geben? Aber er schläft heute gar zu lange, wam» wird er denn aufwachen? Und habt ihr ihn denn nicht zu rief gelegt und zu schwer zugedrckt, daß er sich nicht aufcichten und rufen kann? Ich habe viel Angst darum gehabt und e« ist -gut, daß ihr gekommen. Kommt, laßt uns den Sand wegscharren und Nachsehen. Ich allein konnte das nicht." Bei diesen Worten deS Kindts milderte sich schnell der harte Ausdruck in dem von Eile und Aügst gerötheten Gesichte des Mannes und es lief wie ein mitleidiger Schatten über das gefurchte Antlitz. „Komm nur, Joseph," sagte er mit sanfterer Stimme, indem er die Hand des Kindes ergriff, „da« hat gut« Wege; wir haben deinen Barer richtig gebettet, wie es Vorschrift ist. er kann sich nicht über uns beklagen, und aufwachen wird er dereinst, wenn Elijah, der Prophet, kommt und die große Trompete geblasen wird über die ganze Oberfläche der Erde. Dann öffnet sich das Grab von selbst und dein Vater steht auf und ist nicht allein, denn au« allen diesen Gräbern stehen die Frommen und Gerechten auf und werden guter Dinge sein. Nun aber komm, laß uns nicht schwatzen, das geziemt sich hier nicht" — und der Miym warf einen scheuen Blick auf die einsam ruhenden Gräber — „und wir müssen zum Kaddischsagm, und dein Schwesterchen weint und jammett schon nach dir, und meine Frau, weißt du, versteht keinen Spaß. Der mußt du gehorchen aufs Wott, wenn sie nicht sehr böse werden soll. „Linchen weint?"

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