Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 19 (1864) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
19 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4908862-5999388-6026655--2688-4911000
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75 t rissen bO Stadt und in deren Vordergrund den prächtigen Tempels satz; im Osten erblickt man ein wellenförmige- Gebirge I im Süden die da< tobte Meer begrenzenden Bergrücken und im Norden die Gebirge Samariens. An den vielen und trefflichen Oelbäumen, die diesem Berg den Ramm gaben und vormals seinen Abhang mit ihrem dichten Laubwerk beschatteten, erinnern nur noch 50 Stamm«. Tikuließ während der Belagerung Jerusalemalle B§^me der Gegend umhauen, zudem harre damals auf dem Oelberge die zehnte Legion ihr Lager. Hier und dort stes t ein Stük Getreidefeld, stehen vereinzelte Mandeldäum«, traurige Trümmer christlicher Capellen und muhamedaniscker Bethäuser. Rur in der alleverjüngenden Regenzeit, wenn die gelbliche Farbe de- Bodendem Grün de-keimmdea Graseweicht, gewinnt der Berg ein lachende-, herzerfreuende- Ansehen. Zm ganzen hat der Oelberg ein traurige-, melancholische- Au-sehen. Wohl mag zu jener 3?i£ alnoch Israel das Land bewohnte, so manches in der Nähe dies,- Bergeandergewesen sein. Damals find ohneZweifel die Abhänge des Bergevon dem sprudelnden Dasser der Teiche und dem noch fließendm Bache Kidron enetzt worden, so daß mir leichter Mühe Gärten von Gro rar-, Orangen- und Olivendaumen auf seinem Scheitel and seinen Abhängen unterhalten werden konnten. Allein d r Oelberg har seinen Schmuck größrentheils verloren uri^ der Garten von Gethsemane liegt da wie »in Schmerz, Kläger in dem schmälsten und engsten Grunde de- Thal - Josaphat. Ein Früher und Jetzt. ehrwürdiger Greis in einer kroatischen Gemeinde, der mit < inzem Herzen am geklärten und gebildeten Juden» thume h ngt und noch am Abend seine- Lebenmit der Forschung in der h. Schrift dalebhafteste Interesse an allen neu :en Arbeiten verbindet, theilt unin einem Briefe einige Ri kblicke mit, audenen wir Folgende- Hervorheden. Esind angefähr 50 Jahre her, almich meine seligen Eltern t: da- Chebar zu einem Melamed, der zugleich Schächte! war, schickten; im Sommer ging ich gerne dahin, l » am Lehrhause ein großer freier Platz war, wo wic Knab n unnach Herzen-lust herumtummeln konnten; im Winßr sagte emir qber weniger zu, theilwtil der Ort sehr andere Heizen für die g^ wendig, entlegen war, und theilweil ich — wie jedechulkind — jeden Tag ein Scheit Holz züm r Schule und ein Licht zur Abendbeleuchrung nze Woche mitbringen mußte; es war dienotheil der arme, nur schlecht bezahlte Melamed eselbst nictiit erschwingen konnte. Die 12 Scheite Holz von un- 12 «Schülern genügten für die Heizung degroßen Bauernown-im kleinen Zimmer. Nicht selten spielten wir mit unsel x Holzem Soldaten und schritten durch die kleine Gasse mi geschultertem Gewehr, und während unser Redde al- Gem inde-Schächter auf der Schlachtbank war, um große- D eh zu schlachten, Mächten wir Krieg-spektakel, und übte > unanstatt der Thora ein Soldarenspiel ein, denn zu Hause im Eltemhauhattenwir viel von dem französisch n Krieg, von Schlachten und von Napoleon erzählen ören; Napoleon stellten wir unal- Schächter, der auch immer auf die Schlachtbank ging, vor, und so mußte auch ich einmal Napoleon sein und bekam in der Hitze de- Gefechtetüchtige Hiebe — Unser Melamed war ein sehr frommer Mann, selbist bei seinen Schülem sah er mehr auf Frömmigkeit alauf viele- Wissen; so mußten wir jeden Morgen um 3 Übr laut da- Morgen, gebet verrichten, obschon keiner den Inhalt de- Gebete« verstand; ein jeder i plapperte erecht laut her und damit war e< gut. Der liebe Gott versteht ja alle Sprachen der Welt, er hört'- und versteht'-, s^ür un- Schüler blieb eaber bizur Barmizwa ein Geheimniß. Nach dem verrichteten Gebet mußten wir unum die Ofenbank Herumfetzen und ungart) ruhig verhalten, während der Redde ein Perek Mischna »für sich lemte ,nd zwar mit solchem Ernste unp so schleppendem Gesänge, daß wir ihn für einen großen Gelehrten hielten. Diese Erholung-zeir für un- Schüler war angenehm, noch angenehmer die Episoden und Unterbrechungen de-Unterrichts; denn nicht selten geschah es, daß während de- Unterrichtein Dienstmädchen die Thüre aufmachte und mit den Worten hereingückte: ,,Jch bitte, Rebbe, mir die Henne zu schlachten, eist schon bald Mittag;" nicht lange dauerte e-, und «pieder kam eia jüdischer Oienstbote. ein christliche- Mädchen: „Ich bitte, Herr Schächter, geschwind, in meiner Gansteckt'ein Kor«, sie will verrecke" — und so wiederholte sich dies« Störung wohl sechs diacht Mal am Bormittag, wodurch unserm Unterrichte sehr viel Zeit entzogen wurde. Ein einzige- Mal war der sonst so gurmüzhige stkebbe zum Bestrafen eine- Vergehens von unsrer Seite ßehr geneigt, aber zu meinem Heile beschwichtigte seine Frömmigkeit seinen Zorn wieder. Ein Mitschüler, der mir feindlich gesinnt war, da ich meinen mir in die Schule gekrachten Apfel nicht mit ihm rheilen wollte, benuncirtk mich. Er habe bemerkt, sagte mein^Ankläger, daß ich mich am Sabbath bei der Kedufche in Schul nicht geschuppt Hab». Mit fürchterlichen Worten schrie der Rebbe: „Wies Wa-! Ist da-wahr, du Amhorez, du! Du gibst beim Lemen auch nicht Acht, zwickst die Kinder, die neben dir sitzen, wart! — Aber dein Glück, daß heute Rausch chauvesch ist, sonst müßtest du eingesperrt di- Abend fasten!" Ich wollte mich vertheidigen, daß wegen des Apfels . . . aber er ließ mich nicht zu Worte kommen und schrie wieder: Du Amhorez, du! Dieser Au-druck war wahr, abef vielleicht mehr de- Rebbe- Schuld. Während dieser Studienzeit kam in- Chedar ein reisender Baldarschen mit der Bitte an den Rebbe, er möchte ihm einen armen Jüngling geben, der ihn in die zerstreut liegenden Judenhäuser führen könne, um seine Visiten zu machen. Bei dieser Gelegenheit überhörte er eiksige Schüler, während dem ich vor Angst zitterte; es kam glücklicherweise die Reihe nicht an nuch. Die Bibelübersetzung war in altdeutscher Sprache; darauf sagte brr Darschen: So gefälll- : mir — haben Sie schon die Chiduschim (Neuigkeiten) gehört,! wasich in der Welt thuc? In ganz Preußen und in ' Aschkenedraußen lernen s« Mansche Dessau'- Deutsch. Gott soll elad fein, ereißt ein! öber ich bin mubtoch. . . Preßburqer Roo und Nikelspork ardtt stark dagegen. . .! Unser Rebbe gab einen Stoßseufzer — und sagte: Mich! wird Gott hüten.Dieseist da- Bild der hiesigen; Schulen vor einem halben Serulum, wo eigentlich Mangel! an Lehrern »nb an öffentlichen Schulen die Schuld trug

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.