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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 17 (1864) · p. Seite 66

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
17 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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— 66 Nachmittags gegen 2 Uhr werden in der Synagoge die Psalmen recitirt, dann gepredigt und zwar zweimal im Jahre vom Oberrabbi, an jedem anderen Saddach abwechselnd von den Gelehrten. Die Gesetzcollen werden schon vor der heiligen Lade geöffnet und durch die ganz« Synagoge auf beiden Armen Herumgelragen. Nach dem Gottesdienste wurde ich von den angesehnsten Männern der Gemeinde mit ihren Besuchen überrascht. Auch ist eS hier Sitte, daß jeder dem Fremden ein Geschenk macb^, und da> dieses gewöhnlich in einer Flasche deS besten Weines geschieht, so hatten wir daran am »venigsten Mangel. | Auch fehlt eS in Jerusalem nicht an geistreichen Köpfer und helldenkendcn Menschen, mit.denen man angenehme Stunden verleben kann. Was die religiösen Gebrauche betrifft, wodurch sch die Palästinenser vor uns Abendländern auSzeichnen, ö fiel mir zunächst angenehm auf, baß am Ckanukab die!ehrer mit ihrer Schuljugend in besseren Häuieren Ehai ukah-. gefange pcoduciren; wogegen den Sängern Mehl ur d Oel gegeben wirb, woraus sie am 8. Tage ein leckeres Mahl in dem Schulbaufe bereiten. In der Schule lern n die. Knaben nur Hebräisch, die Mädchen Hand- und Hausarbeiten, und einiges aus der ReligionSlehre in befo »deren Anstalten. AuS dem Umgänge lernen sie auch a abisch und spanisch in oberflächlicher Weife sprechen. Mir dem 14. oder 15. Jahre wird die Jugend verbeirathet, die Trauung im Haust unter einem Baldachin vorgenomme > und dem darunter sitzenden Brautpaare die Gratulation übecdracht. In einem oberen Zimmer versammeln sich d e eingeladenen Männer, während unten ein Mann mi dein Tambourin aufspiell. Nach der Verrichtung des <2 edeles zieht man in ein unteres Gemach, wo die Braut, unter einem Baldachin stehend, wartet. Diese ist weiß ge leidet, ihr aufgelöstes Haar ziert keinen Kranz, wie-au b der Bräutigam in einen weißen Mantel gehüllt ist. Es wurde 'nun ein Geber gelungen, der Eheverlrag vorgelesiä, der Braut ein goldncr Ring an den Zeigefinger gestec l und vom Vater der Segen gesprochen. Die Feieclü,keilen dauern 7 Tage. In der Svnagoge kommt der Brai tigam und diezwei Brautführer während de» GotteSk lenstes unter einen Zierlichen Trauhimmel. Die Unterführer begleiten den Bräutigam zur Thora. Von dem Dorsang« c werden dabei die acht ersten Verse auS dem 24. Kapi «l der Genesis abgefungcn und vom Svnagogendiener wird Rosenwasser in die Hand gegossen. Von den wohlthätigen Instituten der Gemeinde ist zu nennendas Hospital und die Kinderbewahranstalt. Im Jahre 5618 kam der als Dichter und Schriftsteller deiühmre!»r. Ludwig August Frankl von Wien nach Jercfalem und hielt auf Einladung des Cbacham Paschi eine Z itzung in dessen Annölocale mir 15 Rabbinen und je zwr Vorstehern ieder Gemeinde, in welcher mit Stimmenmehrheit die von der Frau Eli^e von Herz- Lämel au» Wien gespendete Summe von 50000 fl. in Silber zur Gründung «ner Kinderbewahranstalt beschlossen wurde. Es ward darauf, trotz dem Widerstreben vieler Schwärmer, die alle Mittel zur Hintertreibung der Sache anwandlen, ein schönes Hau» für die Anstalt gemiethet, aus dessen Frnftem das Auge in den inner» Hofraum des salomonischen Tempels und auf die ganze Stadt blicken kann, welche Anstatt von Zöglingen überfüllt und recht beliebt ist. Einen inneren Seelengenuß gewährte uns der Besuch des Rothschild'schen Krankenhauses, welches im Südostwinkel des Juörnviectels liegt. Die hier herrschende Reinlichkeit macht auf den Besucher den freundlichsten Eindruck, die Krankensäle enthalten 18 Betten, welche keine Nr. tragen und den Namen nach den einzelnen Wohlthalem führen. Von dem geräuschvollen, vielbewegten Leben in den großen und volkreichen Städten Europas trifft man in Jerusalem keine Spur, «in gewöhnliches bequemes Dasein macht sich geltend: der Grundtypus des orientalischen Lebens ist hier concencrirt. Ein tiefes Stillschweigen .erfüllt die Straßen, kein Lärm, kein Handel, kein Verkehr belebt die Räume und es ist, als ob die Stadt trauere über die Herden Schicksale, welche sie erfahren. Die Fremden, welche sich in Jerusalem einfinden, lockt nicht wie an anderen Orten ein wejlllicheö Interesse herbei, sondern sie kommen, um da zu beten, zu betrachten, zu träumen und zu jammern. Beim Mangel an verschiedenen Zerstreuungen und hei der strengen Anhänglichkeit der Eingewanderten an den Gebrauchen unserer Väter gleicht ein Tag dem andern. Man steht mir der Sonne auf, und da man nur auf weichen Kissen schläft und nur wenig von den Kleidern abtegt, so braucht man nicht viel Zeit zum Ankleiden. Man verrichtet das Gebet und genießt dann das Frühstück. Mit dem sinkenden Tag findet der Türke seine höchste Freude. Ec speist von verschiedenen gewürzten Gerichten, trinkt sein Eisscherber, genießt die Gesellschaft seiner Freunde und besucht dann seinen Harem, wo man ihm seine geliebten Kinder bringt. Dem gemeinen Mann macht es Vergnügen, sich in einen Bazar zu setzen und hier eine Narghile (Wasserpfeife) oder ein Kassabech (eine lange Pfeife, auf türkisch Tschibuk) zu rauchen. Dazu wird hier und da das Schach-, Damen-, Würfel- und insbesondere gern das Mankalahspiel (ein Brett mir schalenförmigen Vertiefungen, in welche Macken gelegt werden) gespiAt. Die Kleidung ist eine mannigfaltige; Nationalität, Religionsgenossenschaft und Stand machen sich hier geltend. Die Unrerschuh sind gelb, auch so die Ueberschuh (Babudsch), unseren Pantoffeln gleichend. Sie werden mit zwei Riemen oben befestigt. Der heiße Sand, in dem man gleichsam wäret, macht sie zum Bedürfnisse. In den gefälligen Schlingungen der Länder, zuweilen mit schimmernden Perlen und Edelsteinen besetzt, wie in den Farben dieser Bänder herrscht Veränderung. Vor dem Eintritte in die Wohnungen binden sie die Dienstboten den Ankommenden ab und reichen Wasser zum Reinigen der Füße vom Staube und zum Adkühsen. Ohne Sandalen legt man sich auf das Polster, um es nicht zu beschmutzen. Di« Kopfbedeckung ist bei den Eingebornen und Nichtbediensteren der Turban, er besteht aus sehr feiner Leinwand oder aus . Nesseltuch und har einen hohen Preis. Der Turban der Beamten oder der türkischen Modeleute besteht aus einem rochen Käppchen oder aus einer hohen dunkelbraunen Mütze, oben mir breitem Boden. Die Insignien des Oberraöbi, auch Chacham Pascha genannt, sind ein golbner Orden, ein reich gestickter Terbusch. So oft er sich öffentlich zeigt, geht ihm ein Diener voraus, in der Hand einen Stock mir bleiernem Kopfe haltend. Bei den jetzigen Morgenländern weicht die Tracht des weiblichen Geschlecht» von der des männlichen nicht ab,

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