Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 14 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
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55 legten Männer wohne und zugleich die großen Dolk-massen ergreife, herrühren, sondern daß auch sie nur audem Zusammenfluß vieler kleinlichen Triebfedern und hinreißender Umstände, die keine Wahl lassen, entspringen; daß die göttliche Vorsehung zur Erfüllung ihrer großen Zwecke sich der kleinsten wie der größten Werkzeuge bediene und Gcoße- . oft durch Kleines vollbringe. Der Norden war durch Parteiung zerrissen und gelähmt. Die einen wollten den Kampf mit dem Süden auf Leben und Tod, die anderen Frieden um jeden Prei-, die dritten «inen schwächlichen Compromiß, die vierten gaben im Herzen dem Süden Recht und wollten die Sklaverei aufrecht erhalten haben, und nicht wenige spielten Verrath im Herzen de- Nordenselbst. Da- Kriegsmaterial fehlte, denn es war durch hinterlistige Beamte nach dem Süden geschafft worben,' die Organisation der Heere ging langsam vor sich und mehrere^ Heerführern fehlte da- Vertrauen zu ihrer Aufrichtigkeit, Energie und Befähigung. Ungeheure Verluste waren bei den Jnstustriellen eingetreten, Handel und Gewerbe in völlige- Stocken gerathen, Nahrungslosigkeit allgemein und die Hefe de- Volkedadurch schwierig. Nichtnatürlicher, aldaß sich auch bei den Staat-lenkern große Schwächen zeigten und mehrere derselben sich ihrer ungeheuren ßlufgabe nicht gewachsen zeigten. Man kann sich denken, daß durch allediesedem begeisterten Gemüthe Roberts viele Enttäuschungen bereitet wurden und daß^eihm viel« Anstrengungen kostete, den Muth nicht zu verlieren und sich über dem Niveau der Alltagsgrsinnung zu erhalten. Er. beschloß in da- Heer einzutreten, und zwar auf seine Kosten ein Bataillon Jäger von 600 Mann auszurüsten, an deren Spitze er al- Major in- Feld ziehen wollte. Er verwandte hierauf ein Viertel der ihm vom alten Cvck angewiesenen Summe, indem er sorgfältig den Rest alein unangreifbares Capital, seinem Versprechen gemäß, «sicher stellte. Noch einmal war es ihm vergönnt, durch d«!n Capitain deenglischen Dampferan den erprobten Diener seine- Hauseein Schreiben gelangen zu lassen und Antwort zu erhalten. E6 war dievier Wochen nach seiner Abreise von New «Orleans. Dann hörte jede Verbindung mit dieser Stadt auf, da der Norden die Blokade erklärt hlatte und auch die Conföderirten da- Einlaufen fremder Schiffe untersagten. Der alte Cock hatte ihm geschrieben: „Mdin theurer Mr. Robert! Ihr Schreiben bat mich durch d e Nachrichten über Sie sehr erfreut. Wadie Staatsaagelegenheiten betrifft, so kümmere ich mich nicht um sie. Ich thue nur, wamir aufgetragen wird, und dies, so gut ich vermag. Dabei fahre ich aber jetzt herzlich schlicht. Der Herr Selbem, Ihr sehr edler Freund, hat mich in völlige Unthätkgkeit versetzt. Er war so gnädig, mir zu »erlauben, wieder in mein alte- Comptoir zu gehen, hatte eaber so gründlich aufgeräumt, daß an den Papierresten sich keine Mausättigen könnte. Er hat unsre Bücher, alle Dokumente und Scrkpturen mit bavongenommen. Au verwalten habe iH auch nichtmehr. Unsre sämmtllchen Plantagen mit ihrem ganzen Inventar sind verkauft,! und ich hatte nur die Befriedigung, daß sie ver, hältnlßmäßlg am rheuersten verkauft wurden. Dabei ging es jedoch so ekgenthümlich zu, daß die beiden schönsten, Nobleseat und Brighthouse, in den Besitz degewandten Advokaten übergingen. Nun, vielleicht hat Ihr edler Freund, den Gott bald in die Hölle pafsiren lasse, dlest Kleinodien von Plantagen nur übernommen, um sie für Sie zu erhalten. Ihrem Beispiel« sind leider einige andere Springinsfeld gefolgt, und da hat denn der Herr Seldom selten Ruhe, um fein Handwerk al- Güterfressev und Eigenthmü-- spion nicht au-üben zu können. Es sind dadurch nicht wenige Familien verarmt. Dabei hilft ihm Ihr ehemaliger Herr Schwiegervater, der alt« de Castro, aufs freund, schaftlichste und haf dieser zugleich al- Lieferant für den Staat sehr große Opfer an Mühe und Zeit zu bringen. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß man daher hier auf die Juden sehr schlecht zu sprechen ist; die einen schimpfen auf Sie aleinen Verräther de- Vaterlandes, die anderen auf Seldom und de Castro al- Helfer und Retter des VakerlandeS. Wir leben hier in einem höchst gesetzlichen Zustande, denn die Gesetze werden mit einer unerbittlichen' Strenge geübt; nur schade, daß jeden Tag neue Gesetze erlassen werden und diese lediglich den Untergang aller honetten Leute zum Zwecke haben. Sie sehen an diesem langen Briefe, daß ich gar nichtweiter zu thun habe. Gott behüte Sie! Ihr William Cock." — Seitdem hatte er nichtwieder von New-Orleans, vernommen gehabt. Man wird sich erinnern, daß anfänglich die Union den Krieg mit sehr abwechselndem Glücke, ja mit entschiedenem Nachtheil führte, und daß selbst Washington mehrmals in Gefahr stand, in die Hände der Conföderirten zu fallen. Rodert war muthig ins Feld gezogen; die in ihm herrschende Grmtthsstimmuag ließ ihn fein Leben nicht schonen; er fühlte sich allein auf diesem Erdenrund, von keinem persönlichen Verhältniß gefesselt, und fand seinen! Beruf allein in dem Dienste der Idee, der^Unkon zum Äestande und dem Sklaventhum zum Ende zu verhelfen. So stürzte er sich vermessen in den Kampf und erwies wiederholt an der Spitze feine« Jägercorps eine glänzende Tapferkeit, gepaart mir Umsicht. Trotz dem und ungeachtet großer Strapazen auf langen Märschen blieb er gesund und unverletzt, denn ein Streifschuß am Arme und ein schwacher Säbelhieb über die Stirn waren die einzigen Verwundungen, die er davongetragen und die schnell wieder heilten, nur daß die letztere eine sichtbare Narbe auf der hohen Stirn dejungen Mannezurückließ, die sein kriegerische- Au-sehen nicht wenig hob. Unter diesen Umständen konnte enicht fehlen, daß er schnell avancirte, und so sah er sich bereital- Oberst an der Spitze de- Regiments. Vor vierzehn Tagen war er zum Corpß de- General- Duttler beordert worden, dadie Bestimmung "hatte, durch da- Misstfsippithal hinunterzudringen und wo möglich New »Orleans «inzunehmen. Dieser Plan, der eauf eine Ueberrafchung abgesehen hatte, war aber verrathen worden und der Feind hatte die Milizen schnell aufgedoten und dem General Buttler entgegengeworfen. Es mußte demnach zuvor eine Schlacht geschlagen werden und deshalb hatte General Buttler an dem Platze, auf welchem wir uns gegenwärtig befinden, feine Armee cam» piren lassen, um ihr einen oder zwei Rasttage zu gönnen, ehe dl« blutige Arbeit von neuem beginne. Einige Stunden bevor wir in das Zelt de- Obersten Richardson eingetreten, hatte derselbe auf Befehl feine- Generaleine Recvgno-eirung mit einer Snrihartle nach der Stadt zu machen müfsia, wozu ihn Buttler feiner genauen Ortskenneniß wegen gewählt hatte. Auf diesem Zuge hatte er eine feindliche Patrouille aufgehoben und