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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 14 (1864) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
14 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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54 die er vor der Thür warten hieß, zu dessen Comp oir. Der alte Mann, der natürlich vpn der StandeSerhöt ung und Vollmacht Selbem'- nichts wußte, bei all seiirem beschrankten Gesichtskreise aber eine große Schlauheit d saß, war auf seiner Hut, da er schon seit einiger Zeit \ Rig» trauen gegen Selbem hegte. Dieser stürzte eilendh rem und rief dem alten Cock zu: „Wie, Richardson ist i bgereißt und ich erfahre eS jetzt erst? Ist das Freundst! aft? Wodurch habe ich eine solche Behandlung verdient?" Cock zuckte mit den Achseln und behielt eine kalte, ab» gemessen« Haltung. „Ich frage nie nach den Deweg^ründrn meines Principal'-, ich tbue nur das, waS mir! aufgetragen wird; dies aber, so gut ich vermag. „Woher dar er aber die Mittel bekommen? Er kann doch nicht ohne bedeutende Summe abgereist fein V „Das Haus Richardson bat immer und überall Groü," antwortete Cock, indem er den Kopf stolz zurückwarf. „DaS ist wahr und darüber hätte ich mir keine Sorge zu machen brauchen. Aber wohin ist er gereist? Und mit welcher Gelegenheit?-Sie werden doch, lieber Cock, efnem so vertrauten Freunde Robert'-, wie ich es drn, bieS vorenrhalten wollen? Ich werde ihm ja sicherlich oft e mirzutdeilen haben?' „Wenn Mr. Robert eS Ihnen vor dem Abschied« nicht mitgetheilt har, so gab er mir auch keinen Au dies Ihnen kund zu geben; ich thue nur, was mir tjefohlen worden; dies aber, fo gut ich vermag." »Abschied? Sie wissen ja, baß er sich zu schnell licht waS und heimlich entfernen mußte, um Abschied nehmen zu tönten." Der Cock zuckte abermals mit seinen Achseln; darüber ä gerte sich Selbem sehr und mit einem Tone der EntriMung fuhr er fort: „Mein lieber Herr Cock. baS soll mich denn auch wenig kümmern; stoßt der junge Herr Richc rbson meine Freundschaft so von sich, fo thue ich vergl ichen mit der feinigen. Ich bin auch zu einem ganz ai denn Geschäfte hierher gekommen: ich bin jetzt der Regier mgSfyndic der Stadl und habe Sequester auf allebew gliche und unbewegliche Gut Robert Richardson'- zu legen. Hier ist meine Vollmacht, und zur Bekräftigung stehen dr »ußen zwei Polizeimänner. Jetzt legen Sie mir die Bücht: vor und übergeben mir sämmtliche Schlüssel." Einen Augenblick war der alte William betroffen, denn zwar auf die Sache, aber nicht auf die Person v ar er gefaßt. Ein ironische- Lächeln legte, sich um seinen \ Hund und ruhig erwiderte er, nachdem er einen Blick a rf die Vollmacht geworfen: „Ihren Befehlen soll Folge g leistet werden; zufällig hatte ich Veranlassung,vor einer Stunde Abschluß zu machen, und so wird e- Ihnen sehr leicht sein, Einsicht vom Stande der Dinge zu nehmen." Hiermit führte er Selbem zum Pulte, schlug idm da- 5, auptr buck auf, überließ ihm die Prüsiing und schritt interdeß ruhig im Zimmer auf und ab. Bald aber fuh Seldom in hie Höhe. „WaS ist das? WaS ist gefächen? Wie haben Sie diewagen können?!" Er trat aif den alten Mann zu: „Sie haben feit gestem Abend 17 »,000 Dollars bezogen — ich brauche nicht zu fragen, zu w lchem Zwecke? Sie wußten im voraus, daß den verräthenfchen Flüchtling iSequester treffen würde; Sie haben als-den Staat betrogen, haben diese Summe dem Feinde überliefert, Sie müssen gehängt werdm ..." 1 Der alte Cock kam durch dies« mit immer sitrcht^arerm ' Tone ausgesprochenen Worte durchaus nicht außer Fassung, und ruhig erwiderte er: „Der Sequester ist, wie ich aus ■ Ihrer Vollmacht ersehe, heute um 6 Uhr abendausgesprochen, mir um 9 Uhr bekannt gemacht; erst von dieser > Zeit an beginnt jede Verfügung über daS Richardfon'sche ' Vermögen eine straffällige Handlung zu sein. Ich halt« weder Recht noch Veranlassung, den Herrn Robert Richard-! son bis dahin in seinen Geschäftsdispositionen zu behindern; ich thue nur das, was mir aufgetragen wird, und bieS, so gut ich eS vermag." Selbem sah eia, daß er gegen diese unerbittliche Logik nichts einwenden könne. Mir Aerger wurde er gewahr, daß eia fetter Theil des fetten Bissens ihm entgangen fei. Einige Flüche murmelnd ließ er sich nun das Inventar reichen und berechnete den Rest der sequestrirten Güter. Dieser war noch groß genug, um ihm allmählich eine behagliche Stimmung wiederzugeben. Nach einiger Zeit erhob er sich wieder und sagte: „Nun, mein lieber Herr Cock, Ihr Regiment ist hier auS, entfernen Sie sich aus diesem Zimmer, ich werde alleunter Siegel legen." „Wie Sie befehlen, jedoch muß ich erst diese Abschrift deS Inventar'-, die Sie mit dem Original übereinstimmend finden werben, von Ihnen als richtig unterschrieben haben, theilzu meiner eigenen Sicherstellung, theildamit Ihr Freund unter veränderten Umständen daS Seinige zu reclamiren vermöge." Seldom biß sich auf die Lippen, aber er sah ein, daß er sich dem nicht entziehen könne, weil ec nicht schon beim Beginne de- Regimentdie gesetzliche Form überschreiten dürfe. Er verglich die Cvpie, unterschrieb sie und übergab sie dem alten Cock, indem er höhnisch hinzufügte: „Nun, mein wackrer Alter, wir beide werden auch schon einmal mit einander abrechnen." „DaS hoffe ich zu Gott!" sprach jener feierlich, verbeugte sich und verließ das Comptoir. VI. Wobl ein halbe- Jahr ist vergangen. In einem Zelte, -aufgefchlagen am Rande eineweite» MoorgrunbeS und am Ende eine- KriegSlagerS, das eine weite, allmählich ansteigende Ebene bedeckte, sehen wir Robert Richardson auf einem Feldstuhle sitzen, sein Haupt nachdenklich in die Hand gestützt. Er hat sich in seinem Aeußern bedeutend verändert. Seine Gestalt ist stärker, kräftiger, man möchte meinen größer geworden, sein Gesicht hat seine Rundung verloren und trägt die Spuren de- Kümpfemit den Ele» menten, doch nicht bloS diese-, sondern auch deinner» Kampfe- und mannigfacher Erregungen, die ihm durch die Seele gegangen, denn eist wertergebräunt und hat scharfe Züge um den Mund empfangen. Er ist jetzt in Sinnen verloren: ob edir vergangenen Zeiten betrifft? oder ob irgend ein bedeutsame- Ereigniß soeben an ihn heraogerreten? Er war auf seiner Flucht glücklich nach New-Aork gelangt und war nach einigem Aufenthalte dafttdst nach Washington geeilt. Freilich hatte er hier und.überall im Norden nicht ganz das gefunden, wa» er erwartet hatte. Er wußte damals noch nicht, daß di« großen Weltereiguisse, welche die Geschicke der Völker und Staaten zu den wichtigsten Zielen führen, nicht auS einem einzigen rekyen Motiv, welchein der Seele einiger großen, ideal ange-

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