Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 13 (1864) · p. Seite 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
13 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4908862-5999388-6026649--2662-4910979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ernannt; das Amt ist von ebenso großer Wichtigkeit wie ehrenvoll, und ich werde-Ihnen eine genaue Instruction für Ihre Obliegenheiten zufertigen laffen. Das erste Ihrer Geschäfte ist die Sequestrirung des Vermögens aller derer, welche sich dem Dienste des Vaterlandes entziehen oder infolge von verratherischen Handlungen verurtdeilt werden. Sie haben dies sofort an den Gütern des entflohenen Richardson zuvollziehen und hier ist die bereits auSgefertigte Vollmacht hierzu. Kehren Sie morgen um diese Zeit wieder zu mir zurück, um Ihre Bestallung in Empfang zu nehmen und vor dem versammelten RegierungScollegium den Eid zu leisten. Ich werde alsdann adreisen und Sie werden Ihr Amt atmeten, bas Ihnen vollauf zu thun geben wird." -Seldom war von diesem schnellen Erfolge entzückt. Zn kurzen, aber nachdrücklichen Worten sprach er dem Senator seinen Dank aus und gelobte^die strengste.-unermüdlichste und unnachsichtigste Erfüllung feiner Pflichten. „Hierauf rechnen wir allerdings", erwiderte Benjamin, indem er ihn entließ. „Wenn wir das begonnene Werk glücklich zu Ende führen'wollen, so müssen wir alle Kräfte aufoicten. Nach den Nachrichten, die wir von allen Seiten empfangen, haben wir jetzt den glücklichsten Erfolg zu erwarten; die conföderirten Staaten sind sammtlich entschlossen, zu siegen oder unterzugehen. In wenigen Wochen wird ein ungeheures, mit dem besten Kriegsmaterial ausgerüstetes Heef im Felde stehen und sofort zum Angriff schreiten. Die Pankees sind beraubt, der ganze Norden unvorbereitet und von Parteien zerrissen. Unser großer Präsident, der geniale Jefferson Davis, wird alles aus dem Felde schlagen und wir hoffen den schwachen Abraham Lincoln bald auS dem weißen Hause zu Washington fliehen zu sehen. Ader um so wachsamer müssen wir fein, und die Zuversicht des Sieges darf uns nicht nachlässig und allzu sicher machen. Diese Obacht in dieser mächtigen und dem Feinde zunächst ausgesetzten Stadt vertraue ich Ihnen an. Ich wage viel, denn Sie sind noch jung und obendrein ein Glaubensgenosse. Mich würde die Verantwortlichkeit daher doppelt treffen, wenn Sie. schwach oder gar ungetreu befunden .würden. Dies lassen Sie sich gesagt sein." Seldom begab sich nach dem Hause der?de Castro's und suchte den alten Herrn in dessen Comptoir auf. Sein von der eben erfahrenen Erhebung zu einem der wichtig, sien Posten aufgeregtes Gemüth, einem Posten, der ebenso viel Macht wie Vortheil verhieß, konnte sich leicht in eine Art von Leidenschaft werfen, und eine solche Stimmung in Geberde und Ton auSdrückend, trat er in das Comptoir ein. „Wissen Sie schon, Herr de Castro?" rief er diesem zu und nrarf sich wie überwältigt von seinen Gefühlen auf den nächsten Stuhl. „Was meinen Sie?" erwiderte de Castro. „Nun, daß Richardson entflohen? Ich habe es soeben mit allen näheren Umständen aus dem Munde des Senators Beyjamin erfahren. Und mir, seinem besten Freunde, kein Wörtchen davon mitzutheilen, meinen Rath nicht zu hören, meine Aushilfe nicht in Anspruch zu nehmen! Ist das nicht heimtückisch? Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Ich bin in Verzweiflung über ihn, fein Loo« und seine Bosheit gegen mich! . . „Ei", erwiderte 'de Castro, „was haben Sie sich zu beklagen; was will dies mit seinem Verfahren gegen mich j und meine Tochter sagen! Wenige Wochen vor seiner Hoch« ' zeit feine Braut im 'Stiche zu lassen, um eine- Hirngej spinnsteS willen das theure .Mädchen der tiefsten Bekümmer» , niß treulos anheimzugeben — das ist wahrhaftig mehr, , als daß er sich Ihnen nicht vertraut hak." „Sie haben Recht, ich wäre egoistisch, wenn ich mich einer solchen Unthat gegenüber beklagen wollte. Vor solchem Frevel muß der verletzte Freund zurücktreten. Hatte er eS Ihnen denn milgetheilt? Und wie haben Sie und Ihre Tochter es ausgenommen?" „Das können Sie sich leicht denken. Als er gestem Abend mir seinen Vorsatz kund that, habe ich sofort jede Verbindung mit ibm gelöst. Mag er hingehen und die Früchte seines Thuns ernten. Ich mag ihn nicht Wiedersehen und diese Schwelle darf er niemals wieder betreten." „Und Antonie?" fragte Seldom mit gespannter Erwartung. „Nun, sie muß und wird sich trösten. Ich leugne es nicht, ihr Herz hing an dem Burschen, und Sie können sich denken, daß dieser unerwartete Schlag sie tief getroffen. Aber am Ende ist es doch ein Glück, daß jetzt so etwas emgetreten, und so wird sie sich bald, hoffe ich. in da« Unvermeidliche schicken und das Geschehene vergessen lernen." Seldom sprang auf und näherte sich dem alten de Castro. „Sie kennen, verehrter Herr," sprach er mit gedämpftem Tone und wie zögernd, „meine Gefühle für ' Antonie. Trotz meiner Abweisung sind diese unverändert > geblieben. Ich trat vor den Ansprüchen eines Freundes! ruhig zurück und Sie können nicht sagen, baß ich die j Gefühl« der Täuschung und Zurücksetzung nicht aufs beste! überwunden habe. Jetzt aber, wo dieser Freund sich als j falsch gegen mich erwiesen und wo er mir eigener Hand 1 das beglückende Band zerrissen hak, jetzt halte ich mich für berechtigt, meine unveränderten Empfindungen wieder! hervortreten zu lassen. Soeben bin ich von der Regierung j zum Syndic von New-Orleans ernannt worden und erhalte > morgen meine Bestallung. ' Zeigen Sie jenem entflohenen ' Menschen, daß Sie seiner sehr wohl entbehren können, und .eröffnen Si« mir die Aussicht, meine wiederholte Bewerbung nicht von der Hand weifen zu wollen." De Castro schwieg einen Augenblick. Ob die Standeserhöhung des jungen Aovocaten, ob die Befriedigung, die Stelle des verlorenen Schwiegersohnes so schnell und jetzt nun auch so glänzend wieder ausgefüllt zu sehen, es war, was ihn verstummen und seine Augen so weil sich öffnen ließ, wissen wir nicht und wußte er wohl selbst in diesem Augenblicke nicht. Ader bald hatte er sich gefaßt, streckte 1 die Hand aus und sagte: „Gut, Herr Seldom, ich nehme; Si« an, und Gott gebe feinen Segen dazu!" Der schlaue Advocat fühlte aus dem Tone, mit welchem diese Worte j gesprochen wurden, wohl heraus, daß er hier einen glänzen« j den Triumph errungen, und er war durchaus nicht zart- I fühlend genug, um dieses Bewußtsein nicht in seiner Er- I wiberung auszudrücken. Er legte feine Rechte in die dar- ■ geboten« Hand und sprach mit erhobenem Haupte und! in gemessener Haltung:-„Wohl, Herr de Castro, ich danke j Ihnen und hoffe, daß Sie Ihre frühere Zurücksetzung; mir jetzt zu vergelten suchen. Ich betrachte von diesem i Augenblicke an meine Verbindung mit Ihrer Tochter für j festgeschlosse», und werben Sie mir bei ihr Ihren väter-! lichen Beistand leihen. Es versteht sich aber von selbst.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.