Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 6 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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—r- 22 „ „Ach, mich friert, Großmutter"" stöhnt deben» das Mädchen dazwi chen, Und die Zahne schlagen ihm knirschend, es zuck n die Glieder. Dann hebt's plötzlich den Kopf, blickt stier mit den glanzlosen Augen: „ „Schau, dort seh' ich den Baker — nein, nein, es ist ja die Mutter - — t dem Doch nicht — Großvätrrchen ist's er nickt m Kopfe und lachblr Gib von dem Brote, Großvater, in deiner Rechten mich hungert — Ach,, wie warm eS midist — Großmutter, es stickt mich mit Nadeln — Hall doch zurück — es fallt das Feu'r mir auf Ko! >f und ' auf Augen — Schau — da sinkt «S zurück, da- Antlitz so dleich und die Lippen, Und di«Augen geschlossen und ohneRegung die Arme Wilder raset der Sturm — doch lauter kreischet Dii Alte, Rauft sich das greisige Haar — im Schoß das sinkende Mädchen. . . „Bleibet, Rüden! geht nicht hinaus in die nächtlichen Schrecken! Spricht zu dem Braven der Freund. Die Nach^ sank finster hernieder Und in Westm verschwand der flammende Streif» im Dunkel; Wetkerbrausten heran und der Sturm versuchte die Schn ingen. „Wenige Zeit, und das Licht ist gänzkich gewicht, und nimmer i Findet der irrende Schritt den schneeverhülletm Futpfad, Bn dem eisigen Nord wird der Frost zu schneidendem Messer; Konntet ein Unglück nehmen, ich rath' Euch, gehet erst morgen!" — : Jener erwidert: „Ich kann nicht, zu Hause hungert die Mutter, Hungert das^ieblicke Kind, denn alles verzehrte der Äßangel. Heut' hat der Herr mich erfreut und mir den Handel gesegnet,! Vieles erkauft' ich zur Nahrung und wärmenden Kleidung der Lieben, Und es blieb vom Gewinn ein rundes Sümmchfn mir übrig — ' Wird, der mich also beglückt, nicht friedlich nach Hause mich leiten? Sollen daheim die Theuren mir harren und darben, insdeß ich Müßig der Ruhe pflege, behaglich im Hause deSFreüades? Kenn' ich doch Weg und Steg, und es leuchtet bei flimmernde Schnee auch, Und der Barer im Himmel hat viele Sternlein zu Kack ln <— Wird es mir schwer, nun so ruht es sich süßer zür Seile der Seinen!" - Also wandert er fort, den schweren Pack auf dem Lücken, In dm Händen den Stab und Gott im redlichm Herzen. Aber des Winters Frost fragt nicht, ob es wam». im Gemüth«, Nicht der Sturm, ob ruhig der Odem wallt des Gewissens, Und die Leuchte, der Seele burchflammr nicht das Nächtliche Dunkel. Wandert ein Stündchm und zwei, dann tritt er heraus aus dem Wald« Auf die beeist« Flur; da packt ihn der Nord mir den Fängen, Schauert ihn durch und durch und schleudert ihn fast auf dm Boden; Mühsam halt er sich fest, noch mühsamer schreitet er weiter, Immer boshafter greift der Sturm ihn von Rücken und Stirn an, Zürnend dem schwachen Gebtld von Fleisch, daß es wagt, ihm zu trotzen; Jeder Schritt will erkämpft und jede Sttecke ersiegt sein, Ach, und der Weg ist noch weit — Wo bleibst du, schir« mende Hütte? Um ihn beginnet .der Schnee den hastigen wirbelnden Reigen, Schlägt ihm mit eisigm Flocken ins Auge und wilder ins Antlitz, Auf den Wangen gefn'ert die Thräne, im Barte der Odem. Ha! wie es flimmert vor ihm, und der Blick wird irre und wirre.. Jetzt hält er an — Wo ist er? — Hat den Weg er verloren? Wo ist der Pfad, die Bäume geblieben? die Höhen? der Grenzstein? WaS ist rechts und was links? Muß er vorwärts gehn oder rückwärts? Ach, und der Stege sind viel — Wo bleibst du, schirmende Hütte? Ihm sind die Glieder geschnürt, der Fuß wie von Kettm belastet. Ist das Blut ihm erstarrt in den Adern'? und stockt ihm der Herzschlag? Ach! nur eine Sekunde Rast, ein wenig des Schlafes, Dann könnt' rüstiger er die eilenden Schn'tte befördern! Nein, nicht rasten, nicht weilen; Berräther wäre der Schlummer- „Deiner Hilfe, o Gott, harr' ich! Laß mich ntmmer vergehen! Mache mein Kind nicht zur Waise, die alte Mutter nicht sohnloS!" — Schau! was wogt da heran? Die Schaaren grauser Gesellen, Auf den Flügeln des Sturms die wilden Nedelgestalten Ueder die Heide herbei und in furchtbarem Reigengewirbel, Immer mehr, immer schneller, sie drängen zu Haufen und näher; Jetzt ergreifen sie ihn, er sinkt in den Schnee ein, und machtlos Neigt sich sein Kopf auf die Brust — Verloren, verloren — Der Nebel Kreist um sein Haupt, die Flocken decken ihn zu, und der Sturmwind Fahrt darüber hinweg — Wo bleibst du, spinnende Hütte? Doch nicht fchlummett, nicht schläft der Hüter Israel'- droben! Und im erstarrenden Hirn, da blitzt noch ein Flämmchea und regt sich, Und in der Kammer des Herzens, da glüht noch ein Fünkchen und regt sich. — Horch! es donnert — ES stürzen des Eises gewaltige Blöcke Vor dem Orange der Fluth und des Sturmes übereinander —