Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 3 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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— 10 — Mutter in Wien starb, dichtete er rührende hebrLis he Verle, welche ihre Gradschrift auf dem israelitischen Fri dhof« in Wien bilden. AlS im Jahre 184h die wiener Wirren ausbrachl n, hatten die Eltern Mühe, den löjahrigen Jüngling v>n der Betheiligung an denselben abzuhallen. Von Freihei sr ideen durchdrungen ließ er im I. I85b ein Bändchen seiner „FreiheitSgedichte" erscheinen (polnisch und fran ösisch), welche in den einschlägigen Journalen die günstig te Beurteilung fanden. Die Malerkunst liebte und pfle, te er besonders, und um sich hierin auszubilden, ging er in demselben Jahre nach Frankfurt a. M. und trat in u dortige Maierakademie ein. Im I. 1859 ließ er sich in ein Husarenregimrnt der italienischen Freischaren einceihm, avancirle bald zum Officier und blieb in Italien biS zr m AuSdruch der Jnfurrection in Russisch - Polen. Ha hi lt eS ihn nicht langer in der Fremde. Er entschloß si h. mit den Freiheitskämpfern entweder zu siegen oder — u sterben. Daß das letztere der Fall fein würde, schien sei,e Seele;u ahnen. Auf seiner Lurchrnse zum Kriegsfcha rplatz? im Frühling 1863 hielt er sich kurze Zeit in Wi n auf,‘um auf dem Grade seiner Mutter zu beten; an feile Mutter, dachte er. überhaupt immer mit inniger Zärlliokeir und trug einige Grashalme von ihrem Grabe a if seinem Herzen. Er vermied es aber sorgsam, 'seine n Wien lebenden Verwandten seine Anwesenheit merktn zu lassen, aus -Furcht, von denselben m seinem. Vorha-btn gestört zu werden; wie er überhaupt wußte, daß die Farijilie, seinen Vater nickt ausgenommen, feine Plane nicht billigte. Nur von seiner Schwester veradschledete er sich kur; vor seiner Abreise und ließ eS deutlich merken, daß ihm eine innere Stimme prophezeie, daß es das letzte Lebewohl sei. Von Wien ging er nach Galizien, und nach mehreren vergedlicken Vermcken, von dort über die Grenze zu gelangen, begab er sich ins Posensche, von wo au-'er sich auch bald zum Kriegs''chach>latz durchscklug. DorttSMgelangl organisirrr er nach einigen Wochen nebst einem Genossen, Srrzelecki, eine Lcuppenadrbeitung im plockkfchen Gouvernement an der Mlawa. Allein noch war die Mannschaft nicht gehörig lequipirl, alS sie anfangs Juli von den Russen überrumpelt wurde. Viele waren dafür, daß man sich zurückzrehe; nach einem kurzen KrregSrathe aber entschied man sich für die Meinung Posner'S, dem Feinde Trotz zu bieten. Erging mit dem Beispiele voran, bezahlte eS aber nebst einigen Freunden mir dem Leben. Eine Kugel traf ihn ins Auge und er blieb leblos auf dem Boden liegen, wahrend eS fernem Kameraden S. und der ganzen Truppt wirklich gelang, sich durchzufchlagen und da» Terrain zu behaupten.. Spater wurde seine Leiche bei Zuromin gefunden und nach jüdischem Rituh zur Erde bestattet. Bei 2900 Landsleute aller Confessionen gaben dem Helden baS letzte Geleit. N. R. Der Hausmelamed (Hauslehrer). Sittengemälde aus der Llen Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nach einer wahren Begebenheit. (Schluß.) II. Am folgenden Tage zeigten sich bei ihm Symptome ( eines heftigen Nervenfiebers — eine Folge der im vorigen j Sommer erlittenen Schrecken. R. Schimeon, der, wie wir > wissen, Holzdrinks Attaque auf R. Wolf veranlaßt hatte, fing an besorgt zu werden und sich GewissenSscrupel zu machen, und ließ alsbald einen Arzt aus dem nahen Jser- -lohn herbeiholen. Dieser verordnete den bei vielen dama, ligen Aerzlen als Panacee für alle vockommende Krankheiten geltenden Rhabarber. R. Wolf aber, der selbst auf dem Krankenlager und an den Pforten des Todes feine deutsch-jüdischen Wortwitzeleien nicht lassen konnte, rief, fieberhaft erregt, aus: Nein! das nehm' ich nicht. ’ Dies ist Rha und Barbar (schlecht und barbarisch), baü ist vnn, Tarri-lereußa (ein Doppelfehler); das ist nach dem Schulchan - Aruch waddi-tkef« (jedenfalls rrbfe: unerlaubt). Soviel wußte man schon aus Erfahrung, daß niemand vermocht hätte, R. Wolf von einem einmal ausgesprochenen Vorsatze wieder abzubcingen, und es blieb nichts anderes übrig, als die üblichen Kcankengebete für ihn zu verrichten und die Genesung seiner sonst kräftigen Natur . zu überlassen. Ec genas auch bald wieder und brachte dir letzten Tage des Laubhültenfestes schon wieder im Kreise der Familie zu. Am ersten Wochentagabende nach dem Laudhüttenfeste befanden sich R. Schimeon und seine Frau allesir-in ihrer Wohnstube. Die Kinder waren noch auf R. Wolfs Lernzimmer und Gumprich war am Monzen '„sammeln" gegangen und noch nicht wieder heimgekehrt. Die Bedeutung dieses Ausdrucks müssen wir indeß — als ein Eharacreristicum der damaligen Zeit — näher bezeichnen. In Westfalen nämlich, wie überhaupt im ganzen römischen Reiche, konntebekanntlich kein Jude Häuser, Garten oder sonstige Grundstücke als Eigenthum erwerben, , sondern blos als antichretisches Pfand für ein Darlehen-auf | bestimmte Jabre besitzen. Alljährlich nach den Herdstfeierragen und dem Schlüsse der Ernte „sammelte" deshalb > ein . jeder bei den Bauern in der Umgegend, d. h. ließ ' sich von denselben, besonders von denjenigen, mit welchen j man ohnehin in Geschäftsverbindung stand, Gemüse und j sonstigen Küchrnbedarfschenken. Und der westfälische Bauer, der [ den grunvdesttzlosen Juden bemitleidete, gab dies gern und l willig, so daß sich nach und nach ein feststehender Brauch ' hieraus gebildet hatte, der erst zur Zeit der französischen > Occuparion — vt»o man als nunmehriger Bürger sich dessen schämte — aufhörte. Mancher aber, sogar Wohlhabendere, „sammelte" damals selbst oder durch seine Kinder. Wer sich jedoch nur irgend kür „beköbbd" (hono-; rig) hielt, schickte seinen „Meschores" — zu dessen Func- ' tionen auch daS „Sammeln" im Herbste gehörte — darauf! aus. Dieses war auch bei R. Schimeon der Fall, und I Gumprich war — w(e gesagt — noch nicht wieder heim-! gekehrt. Auch Rechla war eben mit der Handarbeit aus-