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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 3 (1864) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
3 (1864)
Date
1864-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zur JSetßOruntv tniH llntcrönftuuij auf jüdischem Hebiete. HerauSgegebrn von > Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Borsn. ENo. 3. 1864.J 2<rn virsrr ^fttkbrifr erlcdrtak wöchentlich eine Nummer. Ptei« det vabrgangs l Ibit. Bierieljährtg 7 '4 Ngr. «lle Buchtzanrlunzeir. Pcftsimrer und -Aeiruugsexprbitione» nehmen Bestellungen a». [II* |ahrg. 1. Quartal.] Samuel Posner, 1 «in I n su rg e n t e n-O ffic ier. Eist direktein überwundenes BorurlheU, als wäre den Zuden die Feigheit angeboren, als halten sie für daS Heroische, Romantische kein Gefühl. In allen civilisicten Landern, wo ihnen die Gelegenheit geboten ist, hatte man Gelegenheit, sich vvm Gegentheile zu überzeugen. Tuch die Schlachtfelder der neuesten polnischen Jnsurrection liefern bereits mehrere Beweise gegen dieses Dorurtheil, da sie auch mit dem Blute vieler jüdischer Opfer getränkt sind. Unter diesen Helden befindet sich der 30jährige Samuel Posner, welcher im Juli d. I. alS Oberofficier der Pavalerie im Kampf gegen die Russen fiel und überdessen Leben wir hier Einiges minheilen wollen. Bevor wir aber über fein eigenes Leben sprechen, wollen wir über seine Eltern Näheres mittheilm., um dir Art feiner Erziehung kennen zu lernen. Sein Großvater, Saiomon Posner, war einer jener Biedermänner in Israel, deren das Polenland in der fcühern, gemüthlichern Zeit so manche aufzuweisen hatte; es waren dies Männer, die, vom Glücke begünstigt und;u einer hohen socialen Stellung gelangt, dadurch nicht das Wohl ihrer Brüder vergaßen, im Gegentheil, je mehr sie vom allgemeinen Drucke, befreit waren, desto mehr denselben mitfühlten und zu lindern suchten. Ein strengorthodexer, aber zugleich intelligenter und gelehrter Israelit, v war er einer der reichsten Specu« sanken Warschau'« uiM erfreute sich seitens der russischen Regierung besonderer Gunst und Auszeichnungen. Er benutzte diese Gunst bald, um die Lage vieler seiner unglücklichen Glaubensgenossen zu verbessern. Zu diesem Zwecke kaufte er in den dreißiger Jabreu da« Gut Kuchary bei Warschau nebst den naheliegenden Dörfom Jdzykvwice und Kadlibowka und bildere eine slkD ksche Eoko n i«. Er legte auch verschieden« I>hrkken an, besonders Tuchfpinnereien, und besichäftißte auch auf diese Art mehrere Hunderte von GlaudenSbrüdern. Leute, die damals dort anwesend waren, erinnern sich noch mir Freuden deS Anblickes, wie bärtige Männer, das schwarz-sammetene Käppchen auf dem Haupre und das „Arba Kanfos" mit den langfn Schau, fäden über die Schulter geworfen, am Pfluge einhesgingen und „im Schweiße ihres Angesichtes" die Ernährerin aller Menschen, die Eide, bearbeiteten; wie am Sabbate das ganze Dorf gleichsam feierte und aus den kleinen Fensterlein der BauernhÜtten der weiß bedeckte Tisch entgegenblinzle, an welchem „der Bauer" seine Partie auS dem Peataleuch herunterfaag und feine Söhnlein dabei examiniete l — Auf diesem Gute Kuchary saß feine Familie, und die Kinder und Enkel genossen eine jüdische, aber auch feine Erziehung. Außer Lehrern für Bibel und Talmud wurden gesuchte Hofmeister für alle weltwissenschaftliche Fächer angestellr. Unser Samuel, drr Sohn seines Sohnes David, ist im September deS Jahres 1833 geboren und verbracht« den größten Theil seiner Kinderjahre auch auf demselben Gute. Für Oekonomie. und Sprachen hatte er einen christ, lichen Hofmeister, der bereits in mehreren Edelhöfen diesen Posten bekleidet hatte, und namentlich soll «S dieser gewesen sein, der in dem kindlichen Gemürhe die Gefühle für höhere und erhabene Ideale geweckt hat. Allein schon in feiner, frühesten Kindheit zeigten sich bei ihm Spuren von FrriheitSsinn und UnadhängigkeitSgefühl. Die kleinste Herabsetzung wieS er fvit Indignation zurück und suchte sich selbständig zu erhplten. 'Eine kleine Begebenheit, dir seine GemüthSstimtnung als Kind kennzeichnetwollen wir dem Leser nicht yorenthalten. Als er vier Jahre alt war — so wird von seinen Verwaisen erzählt — ging seine Kinbsfrau mir ihm! im sogenannten „Sächsischen Garten" in BDMau fpazire«, rinem'Vn«k»ügungSorle, wo bekanntlich HeaVJuben der Eintritt »erboten war. Das Kind war zwv so nett! und fein gekleidet, daß man e« auf den erste« Blick nicht als Judenkind erkannt hätte, alles» die BttzlSiterin wurde erkannt und von dem wachhabendm SoldauU sammr l^em Kinde zurückgewiesen. OaS Kind aber lief nicht gleich davon, stellte sich vielmehr mit Entrüstung Hem Soldaten gegenüber und fragte: Warum darf ich hier-nicht gehnk weil ich Jude bin* wen habe ich dadurch beleidigt? bi« ich etwa nicht so anständig gekleidet wie andere?" — Der Soldat lachte roh über das kitzliche Ehrgefühl deS kleinen Juden und drängte ihn fort; der Kleine aber ballte die Faust und sprach mit gecötheteM Gesichte: „Warte V Zu Hause angekommen ruhte er über die ihm angerhane Beleidigung nicht, bis ihn fein Vater zu einem mit dem Haufe befreundeten russischen Oberst führte, wo er den^ Soldaten verklagte und um SariSfaction bar. Der Oberst lachte über die kindliche Naivität, Ueg «der, um das Kind zw beschwichtigen, den Soldaten holen und zum Steine einspercen. Im Jahre 1646 kam er mit feinen Eltern nach Wien, wo er mit seiner Mutter einige Jahre blieb. Hier bild^e er sich mehr aus, er schrieb Hebräisch, Polnisch, Deutsch, Französisch und Jtttlleaisch mir gleicher Geschicklichkeit, und al» schwärmerische Natur, «y« er war, liebte er e« besonders, sich in poetischen Weisen zw ergießen. Als später fein«

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