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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 2 (1864) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
2 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 Als man am Tifcha-beaw-Morgen in der Synagoge an die Kinns- (Elegieen, Trauergebete), welche die I chidim (Private) vortragen, hielt, wollt« auch Gumz rich feine althergebracht« Kinna sagen. Gurnprich hatte in seiner Jugend bei einem Geldwechsler in Frankfurt ged ent, von welcher Zeit her ihm eine besondere Vorliebe für riese Stadt geblieben war. Deshalb hatte er eS sich auch angeeignet, jedesi Tifcha-beaw die Kinna, welche auf die fr int-, furter Gefera verfaßt ist, zu sagen, und niemand in der Gemeind« wagte eS, ihm dieses CheriuS (alles Recht;u entziehen. UedrigenS war das Wort „Frankfurt" »uch das einzige, waS er von dec ganzen Äinna verstand. Ä ium aber hatte Gurnprich nun feine.EiedlingSkinna begonnen, als von allen Seiten her ein Hagel von Kletten auf ihn niedersiel, woran die ganze OrtSjugend sich detheil gte. Dir Alten waren zwar über, diesen seil mehreren Za»ren eingerissenen Unfug höchst entrüstet, konnten aber mit ii: rem Schah- Rufen nicht durchdringen. R. Wolf aber i and wie versteinert da, bis sein Unmurh sich endlich in dem — allerdings gegründeten — Ausrufe löste: An allem di sem haben nur die Amherazzim schuld, wie überhaupt, daß kein Thauro mehr gelernt wird; dies aber ist arger als C)urban-deS-Hamikdasch (Tempelzerstörung)! - * LlS am andern Morgen R. Wolfs Schüler zur Schule kamen, da ahnte ihnen nichts Gutes. D«rL>hrer erwiderte ihren Morgengruß nicht, sondern legte Z»kod. sogleich Hin talmudischeS Thema zum Aussagen vor. Dieser' aber, der in den vvrhergegangenen Freistunden Mit auf das Klettenfammeln auSgegangen war, stockte ein «lMg. Ich.Hab' gemeint, sagte R. Wolf, du wärest in dem Stück Gem.'-co so klar wie ein Tropfen Wasser, und nun bist du noch nicht einmal so klar darin wie ein Tccpfen Tinr'. Und du, Löd! von dir redet der Tanna (Ta mudist) nicht, du wirst noch -Reck (Werbesoldat) we ben. Dann folgte eine Philippica wegen der gestrigen Beleidigung Gumprich'S, die mit den Worten schloß: ES ist! ein Owön-pelili (schreiende Sünde), in der Schul' zu spre^en; wie viel mehr noch, Machlüke^ (Streit) anzufangen. Wie viele Thek-noß (Einrichtungen) haben unsere Chacho^nim nicht gemacht, 'n« re'rn *H3, damit kein Ärreit in der Synagoge entstehen könne, gitiin 59 a, unö ihr habt dies murhwillig übertreten! Zur Strafe sollt iht die andre Woch' kein Chamischößör (loten Aw, Freudenfest für Schüler) halten, nicht einmal frei sollt ihr hi den, und ich bin göser- Bechörr-m (verbiete unter Anbro >ung beS Bannstuches), daß mir keiner ein Wott sagt Ch.imischößör« Halten. Am Ehamischößör- Morgen fand R Wolf auf se Pulte einen Brief vor, in'welchem feine reuigen Schiüler, Besserung versprechend, um Rücknahme de- StrafSdickS baten. Wer! hat meinen Cherem öder gewesen (meinen Dann gebrochen)? rief R. Wolf erzürnt. Keiner! war die Antwortz denn di« Schüler hatten den Brief,, um nicht stricte gegen de- Lehrer- Verbot zu handeln, > urch einen Fremden aufstellen lassen. LLährenb der hierüber fortgesetzten Untersuchung trat Frau Perle — Kaffee und Kochen bringend herel», und als sie die Ursache brr Znouifi« roriumS erfuhr, bat auch sie den HauSrnelamed, ihren Kindery die Strafe zu erlassen, da doch auch Gumvrich, der Beleidig», ihnen verziehen habe. R. Wolf vermochte den Bitten feiner Gevieterin nicht zu widerstehen und — gaii frei. von nrm Kaum aber hatten di« Kinder daß Schulzimmer verlassen, als R. Wolf seine Nachgiebigkeit bereuet«. Er schmollte den ganzen Tag über und verließ sein Zimmer nicht. Am andern Morgen bat er seinen Prinzipal um eine Unterredung, denn er habe ihm Wichtigemitzutheilen. Gestern war Chamischößör — begann er, albeide nun allein waren — da ist halber Semöm (Halbstmester). Da kann ein jeder kündigen. Ich geh' heut' fort. WaS fallt Euch ein! fuhr jener erschrocken auf. Wer hat Euch waS zu Leid' gethan? Ich mein' doch, Ihr hättet eS sehr gut bei unS. Eben weil ich es so gut bei Euch Hab', darum will ich fort. Wie,heißr? Dawill ich Euch jetzundert megiiUe fein (jetzt offenbaren), fuhk> R. Wolf in einem ernsten, fast elegischen Tone fort. Daheim in Böhmen Hab' ich schon einmal ein RabonuS (Raddinat) gehabt in einer starken Kehilla. Da ist mir im ersten Jahr mein' Frau, die Rebeziu, die ein' große ZadekeS.unb Melumöde- (fromme und gelehrte Frau) war, gestorben. Da Hab' ich gesehen, baß unsere Chachomim gerecht sind, die da sagen: Wem die Frau stirbt, ist 1393 07)9 (dem wird die Welt finster). Und ich Hab meftfchpesch Bemößai gewesen (über meinen Lebenswandel nachgedacht), um zu finden, waS ich könnt' haben chütch gewesen (gesündigt haben), daß mir Gott nu einen so schweren Onesch (Strafe) aufgelegt har. Da had' ich gedacht: nriv bin in®« (zur Strafe wegen nicht erfüllter Gelübde könnte die Frau sterben) und ich möcht' haben einen Neder (Gelübde) gethan und nicht gehalten. Aber unser' Thauro hat für allewieder ein Refüa (Heilmittel). Es steht: Gotuß ist mechsppec auf Owön- Nedöriiy (Wanderleiden sind die Sühne, womit da« Verbrechen nicht gehaltener Gelübde abgedüßt werden kann), und ich had' Mekrbdel- Goluß gewesen (Wanderleiden und ewige- Exil als Buße freiwillig übernommen). Ullai- Jerachem! (vielleicht würbe sich Gott wieder meiner erbarmen). Da had' ich mein Rabonuaufgesagt und geh jetzt na-wenad im Olem (unstät und flüchtig in der Welt) seit tammör Schönim (vielen Jahum), bi- Ihr mich getroffen habt in Düsseldorf. Gestern aber hat Euer' Frau mich überredet, von einem Rödör abzugehen — was gar nicht recht war — da Hab' ich mich auch erinnert an mein' alten Röder und Hab' gedacht: daist kein Goluß, wo ich ebei Euch so gut Hab' und Ihr mir alle nur mögliche Kowed (Ehre) ankhut. Damm muß ich fort, und ich will wieder na-wenad im Olem sein gleich zuvor. Ullai-Jerächem! Wenn daso ist, bemerkte R. Schimeon nach einer kleinen Paust, wird mir all' mein Sprechen nichthelfen können. Wo wollt Ihr denn nun hin? fuhr er fort. Rach dem Rhein und von da nach Amsterdam. Bleibt Mittag noch hier. Ich Hab'zuvor einen nöthigen Weg auszugehen. BiS dahin werd' ich wieder hier sein und Euch dann geben, waS Ihr vom Lohn noch gut habt. Alsdann möget Ihr Lechajim- und Leschoiaum (glücklich) reisen. Arm, wie R. Wolf das Haueinst betreten batte, verließ er enun wieder, seine wenigen Habseligkriten —

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