Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 52 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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__ 207 — Der Hausmelamed (Hauslehrer) SittengemLlde au« der 2ten Halste devorigen Jahrhunderts. Nach einer wahren Begebenheit. (Fortsetzung.) I. Das "glaub' ich Euch wohl, erwiderte R. Wolf. Es waren damals 3 auch wohl 400 Bochurim (Studenten) in Frankfurt. Wer hätt' die alle wohl kennen, sollen! Zudem had' ich gewohnt in Ein' Logis mit vielen zufammen und bin wenig zu den Balebattim (Gemeindegliedern) gekommen. Außer mittag» haben wir uns beholfen Leichem» zar Umäjim lächaz (mit Wasser und Brot)» und haben oft schlafen müssen vier in einem schlechten Bett zusammen, zwei mit dem Kopf nach oben, zwei mit dem Kopf nach unten. Aber AhawaS-ha' Thauro (Liede zur Thora) hat uns allen Dauchak (Noth) vergessen machen. Nur am SchaddoS (Sabbat) haben wir egut gehabt. Am Freitag Abend, ehe die Schul' aus war, haben wir uns gestellt auf dem Schulhof in der Reib'. Wenn dann die Baledsttim herausgekommen sind in Breirehaud' und Schulmantel — man hat am silbernen Schulterschlvß schon erkannt, von welcher Mischpocha (Familie) ein jeder war, der eine har gehabt zwei Kohanim- Hänv', ein andrer wieder eine Kanne u. s. w. zum Wappen — va hat ein jeder sich einen Bochur mir nach Haus genommen. Mir ist es da einmal gar wunderlich gegangen. Da war ein Balboes, der har jeden Bochur gefragt nach seinem Namen. Lange haben wir nicht gewußt, was das zn bedeuten dar. Endlich sind wir Bochurim dahinter gekommen. Er hat sich nämlich jedeSmal einen Bochur ausgesucht, der einen - langen, ausgefallenen Namen gehabt hat. Da hattet Ihr einmal sehen sollen! Da hat einer gerufen: ich heiß'Rebbe Meßuschälach! ein anderer: ich heiß' R. Zekußiel! wieder «in anderer: ich heiß' R. Peßachja! Endlich ist er auch zu mir gekommen; Hab' ich gesagt: ich heiß'Redde Artachschaschra, wie der König von Babel. Da hat er mir gewinkt, mit ihm zu gehen. Ich hält' ihm aber bald nicht Nachfolgen können, so geschwind ist er gegangen vor Simcha (Freude). Bei Tisch har der Mann sowohl als sein'Frau mir alle nur mögliche Kowed (Ehre) angethan. Nachdem! ich zuletzt etwas Dibre-Thauro gesagt Hab', hat er zu mir angefangen: Nein! eS ist doch gut, R: Artachschaschra, baß Ihr nicht Mohel (Beschneider) geworden seid, denn Ihr hättet Euren Namen doch nicht auSmall'n können (d. h. nicht so viele Befchneidungen annehmen können, alS dieser Name im Zahlenwerthe hat). AlheN-Zidki-Emmeß! (bei meiner Treue. Wahrheit!) fügte R. Aderle hinzu. Ich Hab' den Mann noch gekannt. Er hat kein' Kinder gehabt und war ein großer Meschuoa- Bria (Sonderling): Aber, fuhr er fort — um nun auch Würdigeres aus feiner Gemeinde zu berichten — es hat auch gar jviele Balebattim daheim gegeben, die haben alle Halbjahr ^»alocha-TosefoS (talmudifche OiscussionS-Themata) ausgegeden und hätten können Rabonim sein bechol-TesuzaS-JSroS^ (Rabbiner in den größten Gemeinden). Habt Ihr d,nBeShamidrasch-Mann(StiftSgelehrt,n)nichrgekanüt, der ein Sepyer-Thora für sich geschrieben bat und jedeSmal, wenn er an dem Schem (h. Namen Gottes) gehalten, sich zuvor hat tobel gewesen (eia Tauchbad genommen), im Winter wie im Sommer? Ob ich ihn gekannt Hab'?! ierwiderte R. Wolf. Er war beim Beeden (Gemeindegericvte) und hat mir mein Morenu (Dorrordiplom) mitunrerschrieden. Hier Zerfuhr R. Schimeon [um ersten Male, daß sein Hausmelamed im Besitze de«. Moreaodiplomes sei. Unter solchen ReminiScenzen zog sich die Unterhaltung angenehm für die Tischgenosseu hin. Hachdrm das Tischgebet vorgetragen war, rückte R. Aderle näher an die beiden Alten heran, erzählte ihnen von Iftmtra Hauswesen, von seiner Frau, die für alle sein« Kinder bereit» die Aussteuer fertig liegen habt, inSdesondere > für ihren Liebling R. Leer. Afilu-höche (sogar), fügte er hinzu, hat er sein« damastseidnen Schlaftöcke schon liegen, und zwar für jeden Zümtow (Freitag) einen andern: für P^ffach einen gelben; für Scheduoß einen grünen; für Rosii'-Haschvno eine« weißen; für Simchas-Thora (Gesetzesfreude) einen rorhen.; alle von schwerer Damastseide.! Unterdeß haue R. ,Wolf sich in eist Zwiegespräch mir dem Sohne eingelassen. .Seinem Scharfblicke war es nämlich, nicht entgangen, wie dieser zwar äußerlich alle Religionsgedräuchr mit machte, begleitet aber von! ironischem Lächeln. Es hatte damals nämlich jene lrauttgeZeiv eben begonnen, wo, namentlich in größem Gemeinden, schqn hin und wieder junge Leute durch heimliwe Lrcmre bet Werke Voltaires, Diderots und anderer Encyclopädisten, in die Bahn der Lidertinage und des krassesten Materialismus gerathen waren. Um sich nun darüber zu vergewissern, ob der Held dieses Abends ebenfalls zu dieser Elasse gehöze, ließ R. Wolf im Gespräche einige verfängliche Aeußerungen über Akeligionsgegenstänve fallen, um auch jenem die unumwundn«. Meinungsäußerung zu entlocken, welche» Manöver ihm auch vollkommen gelang. Nachdem R. Schimeon seine Fremden wieder nach dem Krug hinüber geleitet hatte und zurückgekehrt war, wurde engerer Familienrath gehalten. Zu diesem gehörten außer dem Hausherrn und seiner Frau auch, R. Wolf, der sogar schon zum HauSorakel geworden war. ‘ Nun, wie gefällt Euch unser Schiduch (Heiratsprojer)? fragte den letzteren sein Prinzipal. Die Kehilla (Gemeinde) sehr gut; der Barer zur; das s KLrden (die Hauptperson) aber nicht gut, replizirte R. Wolf. Warum? Es wächst jetzt ein Dör («ine Generation auf, welchem Thauro- und Mitzwo Lcöl- und Lemasso (Gesetz und Gebot unerträgliche Bürden) sind, fuhr der Sprecher fort. Dstlleicht irr' ich mich auch; zum wenigsten aber übereilt Euch noch nicht. Wir können ja auch später hinschceiden, stimmte R. Schimeon sogleich bei. Ich versteh' mich auch auf Euch nicht, fuhr der Hausmelameb, zu seinem Prinzipal gewandt, fort. Ihr habt doch auch einmal ein dsSchen Gemvrü (Talmud) gelernt, wiewshl Zhr gar wenig wißt; wie habt Zhr nicht darauf gedacht, wenn R. Aderle von Franksiirt kommt mit seinem Sohn nach dem abgelegen Jischuw (entlegenen Dorfe) H., muß ein Chißüron (Fehler) vorhanden sein! Auch Haller Zhr eS für ein groß' Mssel, daß Eure Tochter kommt in ein' Kehilla. Zch kann Euch aber sagen, daß sie dorr nicht wird geachtet werden, weil sie von einem Jischuw ist; denn