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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 51 (1863) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
51 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 203 (sequence 3)
Language
German
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— 203l — -and' für AoreS haben mir dm Melamdim. Darauf hat er mir geantwortet: Wißt Ihr was? Da ist jetzt eia Mann hier aumeiner Medina (Heimat); den sollt Ihr «irnehmm, dann wird Euer Kind gewiß mazliach sein (Glück haben) in der Thauro. Ich kenn' ihn, er heißt R. Wolf und har bei unschon einmal ein Rabonus (Radbinat) gehabt; jetzt geht er nahwrnad (unstar umher); warum? weiß ich nicht. Wenn Ihr es nun wollt, will ich mir ihm reden. Gem k schafft mir ihn 'nur hierher. Hab' ich darauf gesagt. Da hat R. Schimeon mir geantwortet: Nun, ich will zu ihm hinauSgehen nach der Schlafstält' (Herderg), die vor dem Thor ist, um ihn zu holen; dort liegt er zwischen den Orchim (heimatlosen Armen). Versprechen kann ich's Euch aber nicht, denn er macht sich wenig aus Geld. Man hat ihm hier in der Kehilla etwazusammenmachen wollen; er har's aber abgeschlagen, weil er kein' Hanoö (irdischm Genuß) haben will von der Thauro (Gott,-lehre), und nimmt nicht mehr an alseinen Stüber, wie jeder andere Oni (Arme). Ich will ihm aber sagen, daß bei Euch in Westfalen wenig Thauro ist, und er kenn? dort vielleicht Marditz-Thauro sein (Thora-Kmnrniß verbreiten). Damit werd' ich ihn vielleicht fangen tonnen. Nach einer guten Weile ist R. Schimeon wiedergekomchen mit einem Mann', der ist gegangen abgerissen und zerlumpt, und sein Rock war Teloi-algaf-Teloi (Flicken auf Flicken). Nachdem wir die ersten Worte miteinander gesprochen haben, hat R. Schimeon zu mir angefangen: Nun sollt'- Ihr einmal sehen, baß bei uns daheim in Böhmen aüch noch Thauro ist. Nehmt Euch einmal audem Schrank eine Gemorv (Talmud-Exemplar), welche Ihr nur wollt, und fragt R.Wolf etwa«. Da Hab' ich gegriffen nach einer Boba-Kamma-Gemoro (Talmud'Tractat B. Kamma). Wo ich aber angefangen Hab', hat R. Wolf auswendig weiter gesagt, und ich Hab' gesehen, daß dieser Mann Kol-ha»Thauro-kullo (bas ganze Gebiet der Thora) auswmbig weiß. Da Hab' ich mich müssen umdreben und Hab' mir die Thränm in dm Augen getrocknet, daß ein solcher kamdan muflag (eminenter Gelehrter) heut zu Tag' muß nah-wmäd im Olem (unstLr und flüchtig in der Welt) sein. Ich Hab' ihn auch gleich mitgenommen und Hab' ihn den ganzen Weg reiten lassen, und ich bin nebenher zu Fuß gegangen, denn was thut man nicht alle« für seine Kinder. Ader ich Hab' auch keine Eharvto (Reue» darauf; denn R. Wolf lernt mit unsem Kindem Beemunv (mir Treue), und unser Lob sogar wird auch ein Joden- ELpher werden. Außerdem lemt er Tag und Nacht noch für sich, und Hab' auch sonst nicht- Unrechtes bis jetzt von ihm gesehen. Ich Hab' ihn ein paar Mal zu unserm Schochen (Nachbarn), dem Bauer Westernkötter, gehen sehen — unterbrach ihn hier Frau Perle — und war neugierig zu wisi sm, waer dort wohl thun mag. Da Hab' ich erfahrm, daß er dort für sein Geld Oel kauft. Jetzt weiß ich auch, warum unser Oel nicht weniger wird; denn sobald unser' Kinder hinunter gehen, nimmt R. Wolf sein eigene«, weil er unserenicht anrührm will ohne Reschuß (Erlaubniß). Jetzt öffnete R. Herz die Thüre und rief feinem Schwiegersöhne zu: „Sie kommen!" Wirtlich sah man jetzt vor dem schräg gegmüber liegen» dm »rüge zwei stattlich gekleidete Reiter, einen alteren und deinen jüngerm, halten und absteigen. Rach einer halbm^Stunde ungefähr kamen beide, galamäßig gekleidet, der jüngere^gepudert-Mld in Stülpstiefela, herüber, wo sie von R. Schimeon und seiner Frau so herzlich-bewillkommt wurden, als wären es alte Bekannte. Nach den erstm Empfangs-BegrüßunFm stellte sich R. Aberle — denn di«, srr war es — xuM-Mincha» (Vesper») Gebete und auch sein Sohn folgte diesem' Beispiele. Inzwischen hatte R., Wolf mit seinm beiden Schülern, Lob und Jacob, da man der Verschwiegenheit der Kinder nicht traute und sie deshatd-auf einige Stunden aus dem Hause entfernen wollte, «inm Spaziergang ins Frei« unter, nommm. Um aber auch diese Zeit der Erholung nützlich zu machen, wurde daf. g. „Bleffea", ein damals beliebte- Uebung-spiel, welchezur Erwerbung eines Reichthums an hebräischm Vocabekn und der Redefertigkeit in dieser Sprache wohlgeeignet war, dabei vorgmommen. Es wurde dabei wechsel-weise eia zweibuchstabiges Wott genannt, welchemir demselben Buchstaben anfangrn mußte, womit davorher genannte schloß. Wer ein solches Wort nicht finden konnte, war „gebleffr." So war R. Wolf «ln auf die Ertüchtigung feiner Schüler stets bedachter Lehrer. Ader auch seine ralmudische Lehrmethode war ein« vorzüglich, zu nennen. Während nämlich viele der damaligm Lehrer dm primären Unterricht mit Tractat'Bers — ein für junge Anfänger schwerverständliches Thema — begannen, wähl» R. Wolf hierzu den Abschnitt Ln Omdia (Tractüt Berachot), der über die hohe Heiligkeit und Erhabenheit der Gebote abbandelt. Ebenso waren körperliche Strafen, die ln allen damaligen Schulen, namentlich am Donnerstage — dem gewöhnlichen Repetirionsrage — stark in. Anwendung kamen, in der feinigm fast unbekannt. Nur am Freitage, wenn R. Wolf vor einem Spiegel-Scherben stehmd sich zwickte und dabei oft ^höchst bizarre Munbverziehungen zum Vorschein» kamen, welche die Kinder dann belächelten, gab eS stets gelinde Ermahnungen über die Pflichten der Ehrerbietung, die die Schüler dem Lehrer zu zollen haben. Als R. Wolf mit seinen Schülem heimkrhrte, traf er in der hellerleuchtetm Stube die fammtlichen Hausgenosse» mit dm fremden Gästen bereitan der Abendmahlzeit. Don der Hausfrau dazu aufgefordert ließ er sich ebenfalls, nach vorherigem Händewaschen, am Tische nieder. Sein Tischnachbar R. Aberle knüpfte alsbald ein Gespräch mit ihm an, indem er sich mit dm Worten an ihn wandte: Unser Mechuttan (Schwirgerpapa) hat mir. erzählt, Ihr wäret in Frankfurt gewesen und hättet beim PenL Jeho» schia gelernt. Ich weiß' mich aber gar nicht darauf zu besinne», daß ich Euch da gesehen hätte. (Foxrf. folgt.) Ein Gcschichlchen jüngster Zeit aus Konstantinopel. Der folgende tragi-komische, aber Ort bind Menschen charakterisirende Vorfall wird von Herm Samson Levp in Konüantiaopel unter dem 20. Oktober dm Arch. irr. berichtet. Die Dorstadt Pera ist bekanntlich eine große

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