Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 51 (1863) · p. Seite 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
51 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 204 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4908862-5999384-6026631--2583-4910915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

204 Stadt für sich, d«ren nördliche Seite siö sehr weit über den Abhang des Bergeausdehnt und >as Viertel von Taravla heißt. Dieseeatfemte Viertel n leb hauptsächlich von orthodoxen Griechen bewohnt. Biele lckne israelitisch« Kaufleure, diein HaS-Keui wohnen, de, eben sich täglich dorthin, um ihre Handelsartikel im Det til zu verkäsen. Nun kommt ein junger Israelit von H, --Leu», namen- Haim Leoni, seit sich- Jahren nach Ttt-vla; nur die Samstage und Sonntage fehlt er. Er t at seinen kleinen Kramladen vor dem Laden «ine- „Cacal* (griechischer Gewürzhandler) ausgestellt. Dieser brave Dann erlaubt ihm nicht allein, ihm in dem Weg zu steher, sondern nimmt auch jeden Abend seinen Kasten -mir Wa< rrn und bewahrt ihn ibm dizum andern Morgen unentc eidlich auf. Da der Gewürzhanbler seit mehreren Monab n krank ist, vertraute er seinen Laben einem jungen Con mian, der ihn in seinen täglichen Geschäften vertrat mb welchem der Israelit auch seitdem jeden Abend seine l kleinen Schatz üdergiebt. Der Cacal hat ein Zimmer voll Gyp-dilder ' von Heiligen seiner Religion. Während einer langen und schmerzhaften Krankheit hat sich der < rme Kranke gar manche- Mal dorthin begeben, um den ülhig von ihnen seine Genesung zu erbitten, indem er ihnn versprach, daß, sobald er hergestelll sein würbe, ec seine Ghp-bildec gegen andere von Silber und köstlichem Metalle verrauschen werde. Vorigen Mittwoch leider der Gewüczhändl r furchtbar, trinkt einige Gläser Wein und Branntwein, ui x seiuen Schmerz zu betäuben, und aufgeregt durch da- Getränk und die Schmerzen, gerath er in eincn wülhende i Zorn gegen seilte Heiligen, welche seine Bitten nicht erhör haben, bewaffnet sich mit ein.-m Stocke und zerschlägt sie n tausend Stücke, so daß die Scherben die Erde, den Fußboden bedecken. Durch diese Metzelei beruhigt legt ec ich wieder in sein Bett und sagt niemandem etwadavc n. Gegen Abend kommt der Commiin da- Zimmer, sie >r die Verheerung : und gehr hinau-, um den Nachbarn vor dem Geschehenen ' zu erzählln. Man eilt Herdei und schließt, baß nur der Jude, der da- Haubesucht, sich diese- Acres der Jntole-; ranz und de- DanoaliSmu« schuldig gen acht haben konnte. Der arme Jude ahnte von alledem n chtS und war seit ■ einer Stunde nach Haust gekommen. D r Rach dar«, einige . mir Messern bewaffnet, versammeln sich am Morgen, um sich schrecklich für diese vorgebliche Enlh« ligung des CultuS Andersgläubiger zu rachen und um )en vermeintlichen j Bilderstürmer zu bestrafen. Ihre Zahl »«lief sich auf einige Hundert. Di« göttliche Vorsehung, di< t »ahrscheinlich diesen Griechen die Gewissensbisse über ein D rdcechen an einem Unschuldigen ersparen und das Leben ein - jungen Manne-, der von einer braven Aufführung ist beschützen wollte, | rhar etwa-, was sehr einem Wunder > leicht; denn dieser j junge Mann, der die Gewohnheit hat, sehr früh aufzu? j stehen, hatte am Donnerstag Morgen einen sehr festen j Schlaf; da ec dispät am Morgen schlief, stand er erst 1 auf, alsein Barer in sein Zimmer r at, um ihn wegen ' seiner Faulheit zu schelten. So kam r denn zwei Skun-! den «pal» algewöhnlich nach Taravla^ Da die vor dem ' um audem Fenster nach der Ursache de- Lärmezu sehen. Er ruft und fragt, waegibt. Man erklärt «S ihm. Da ruft er mit lauter Stimme au-: „Im Namen Gotte-, begehet kein Verbrechen! Dieser Jude ist unschuldig; er weiß nicht einmal etwadavon. Ich bin der Schuldige, aber ich hatte meinen Verstand durch die Schmerzen und da- Getränk verloren. Genügt enicht, daß ich eine strafbare Handlung begangen habe r. Wollet ihr noch einen Mord an einem braven Freund« von mir verüben? Bei diesen Wor» teil'- blieben diese Männer angedonnert, verwünschten ihre Lebhaftigkeit, ihre Uebereilung. In diesem Augenblicke kommt der junge Kramer an und wundert sich über soviel Leute vor dem Hause des GewürzhändlrcS. Er will nach der Veranlassung fragen, man laßt ihn nicht zu Worte kommen; man umgibt ihn, man umarmt ibn stürmisch, man zieht ihn nach dem CaffehauS hin, man laßt ihn trinken, essen, man vergießt Freübenkhcanen, und endlich erzählt man ihm, was wir soeben erzähle haben. Ich füg» nur beiläufig hinzu, daß die Juden von Konstanliaopel, so zahlreich sie auch sind, von allen Nationen, die hier zusammenkommen, geliebt werden, von Türken, Griechen, Armeniern, Katholiken, Protestanten u. s. w., und daß jederman sie gern verwendet', um ihnen Gelegenheit zu geben, ihr Brot zu verdienen. Kuriosa und Notizen. Franz Dingelstedt hat vor kurzem eine von dem berliner Theakersekrelair Teichnjann hinrerlassene Geschichte deS derliner Theatervon 1740—1840 herau-gegeden, auwelchrr wir zwei Notizen Hervorheden. Am 14. April 1783 wurde Nathan der Weise zum ersten Male gegeben. Ader zu gleicher Zeit waren Schiller- Räuber auf den Brettern erschienen, und neben diesen wollte Nathan nicht ziehen. Er brachte enur zu vier Wiederholungen, während in demselben Zeiträume die Räuber zwanzig Mal über die Bretter zogen. Teichmann führt einen Bericht audamaliger Zeit an, worin eS heißt: „Die Judenschaft, auf die man bei jenem Stück so sehr rechnerr konnte, war, wie sie sich selbst verlauten ließ, zu bescheiden, eine Apologie anzuhören. und so fanden sich nur wenige, denen Nathan — Döbbelin — behagen wollt,.? — Noch eigenthümlicher aber ist dir Notiz, daß, alam 29. Juli 1817 das Schauspielhaus zu Berlin adbramtte, in der Stabt da- Gerücht ging, die Juden hätten da- Schauspielhaus angezündek, weil sie im Stücke abendvorher so mitgenommen worden wären. Ewurde da der kdanke Mann und die vornehmen Leut« von Kotzebue gegeben. Haus« des Caeal versammelten Grieche t unruhig wurden und Lärm machten, war der arme Kranke aufgestanben. Allgemeine Zeitung de» Judeutbum». No. 50. 1663. Inhalt: Leitende Artikel: Welche ist die rechte politische Ansicht? — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Dresden, Nassau« Diez. Oesterreichischrr Kaiferstaar: Prag, Wien. Wien, Au-Ungarn. Schwei;: Genf. Italien: Ferrara. Amerika: Rew«Aork. Zu bestehen durch jede» Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler. vierteljährlich Thaler. Verantwortlicher Nedacleur G. Fritzfche. SctUb von Banal8 ft uei'i 3a4|aablm» ia LrtpUs — Druck »os E. «rrotiug ia üeqtjig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.