Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 49 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
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— 195 — Anselm und Franziska saßen sich bei diesem Gespräche gegenüber; beide hatten das Antlitz gesenkt und die Augen niedergeschlagen. Als Franziska schwieg, erhoben sich unwillkürlich ihre Augen und ein unbewußt sprechender Blick begegnete sich von beiden Seiten. „Und was rathen Sie mir nun?" fragte Anselm nach einer kurzen Pause. Da sprang Franziska aus, und mir erhöhter Stimme sprach sie: „Wie kann ich Ihnen rathen? Wie darf ich mich erkühnen, auch nur ein Wort über Ihr Derhaltniß zu sprechen?! Nur das Eine kann ich und will rch sagen: ich glaube, es ist Ihre Batrrpflicht, die Kinder so zu stellen, baß sie ungefährdet und ungetrübt bleiben, daß ihre zarten kindlichen Herzen keine Bitterkeiten erfahren und die leichtverletzte Blüte ihrerJugend nicht geknickt werbe! . . Mit diesen Worten wandte sie sich, um zu gehen. Anselm wollte ihre Hand ergreifen, um sie noch fest zu halten, aber Franziska vermied dies und eilte' aus dem Salon. Doch hatte der Ooctor *die Thronen noch gesehen, die über die Wangen des Mädchens geflossen waren .... Lange schritt er in dem Salon hin und her. Seine Haltung wurde sichtlich bestimmter, ec trug da» Haupt wieder ausgerichler wie sonst, und zuletzt entfernte guch er sich mir festem, männlichem Schrille. (Forts, folgt.) Einige historische Notizen ans dem achten Bande von Gray' „Geschichte der Juden." (Schluß.) 3. Ein Sitten ge mal de aus dem 14. Jahrhundert. leben die Bornehmen in Streit miteinander, wegen nied, riger Sache regen sie Zwietracht an. — Noch schlimmer ist der Neid und die Mißgunst, die sie gegen einander hegen; sie verläumdrn einander bei den Königen und den Fürsten." In der That nahmen in dieser Zeit Angebereien, früher ein, äußerst seltene Erscheinung unter den Juden, überhand und richteten sich sogar gegen Radbinen. Die Radbinen, welche mir einigen Beisitzern auch Gerichtshöfe für peinliche Fälle bildeten, verfuhren zwar strenge gegen Angeber und Beirälhrr und verhängten sogar Todes? strafe über sie. In Castilien, Aragonien, Dalenria und Katalonien bestand lsirser Brauch seit uralten Zeiten. Die jüdischen Gerichtshöfe bedurften zwar zur Vollstreckung eines TobesurtheilS einer besondern Bestätigung von seilen des Königs durch ein besonderes untersiegeltr- Schreiben (Albalä, Cliotim); aber diese mar im Nothfalle durch Die Vermit telung eines jüdischen Höflings ober durch Gelb zu erlan gen. Dieses Derfahreri vergrößerte aber nur bas Uebel, statt es zu heilen; denn mit solchen Angebern wurde kurzer Prozeß gemacht, ohfle eingehendes Bersahrrn und Zeugenverhör, was nur b^rzu beitrug, deren Verwandte und Freunde außerordentlich! zu erbittern. Dann wurden auch^ Aeußrrungen als verräterische Angebereien behandelt, die gar nicht diesen Cbarakser batten. Das rücksichtslose Verfahren des jüdischen Gerichtshofes in Sevilla (ober BurgoS) gegei?' die angebliche Angeberei eines hochgestellten, und beliebten Mannes war,> wenn auch nicht die Ursache, doch jedenfalls die Veranlassung zur ersten ausgebrelteten 6lut&. gen Judenverfolgung in ^Spanien, und diese hatte di« Ber- ■ bannunq der Juden arjs ber Halbinsel in letzter Verkettung zur Folge. 5 „Die meisten jüdischen Großen" — so berichtet S a - lomo Alami in seinem Zuchtspiegel oder Warnungsbrief — welche an den Höfen ber Könige verkehren, denen die Schlüssel zu den Staatsschätzen übergeben wurden, thun stolz aus ihre hohe Stellung und ihren Reichlhum und gedenken nicht der Armen. Sie bauen sich Paläste, fahren in Prachtwagen oder reiten auf reich- 1 geschmückten Mauleseln, tragen Prachtgewänder und schmücken ihre Frauen und Töchter wie Fürstinnen mit Gold, > Perlen und Edelsteinen. Sie sind gleichgültig gegen die Religion, verachten die Bescheidenheit, hassen die Händearbeit und fröhnen dem Müßiggänge. — Sie denken nur daran, sich steuerfrei zu machen und die Last der Abgaben auf die ärmeren Klassen zu wälzen. — Die Reichen lieben Tanz und Spiel, kleiden sich in die Landestracht, gehen mit geglättetem Bart einher. Sie füllen ihren Leib mit Leckerbissen, während die Jünger der Lehre in Brot und Wasser ber Noth darben. Daher sind die Radbinen verachtet, denn alle Klassen wenden ihre Söhne lieber dem niedrigsten Handwerke zu, alS sie zum Studium des Gesetzes erziehen zu lassen. — Bei der Predigt überlassen sich die Vornehmen einem süßen Schlummer oder schwatzen miteinander, und der Prediger wird durch das Lärmen von Männern und Frauen hinter der Spnagoge gestört. Wie andächtig sind dagegen die Christen kn ihren Belhäusern!. Für Almosengaden haben sie kein Geld, lassen sich zehnmal von den Sammlern mahnen oder geben nur, um sich einen Namen zu machen. — In jeder Stadt 4. Ein Beispie Als der leichtsinnig politischen Einflusses. und verschwenderische König Fernando von Portugal gestorben war und die Königin Leonora — diese wegen ihrer Reize unwiderstehlich«, wegen ihrer doppelten Untreue verhaßte und wegen ihrer Rachsucht und Verstellungskunst geachtete Frau — die Regentschaft übernahm, traten die Stadtvorsteher von Lissabon vor sie und baten dringend um Abstellung vieler unliebsamer Maßregeln deS verstorbenen ^Königs. Unter anderem verlangten sie: Juden und Maaren nicht mehr zu Aemtern zuzulassen. Die schlaue Leoflora erwiderte darauf: Sie habe sich schon beim Leben de öffentlichen ^Aemtern zu Dorstellungm abgewiefen letzen des Königs habe amte, David Negro Königs bemüht, die Juden aus entfernen, fei aber stets mir ihren worden. Sogleich nach dem Abte Juda von dem Schatzmeistervon den Finanzen und sämmtiche jüdische Steuereinw hmer entsetzt. Nichtsdestoweniger «hielt'sie Juda in ihrer Umgebung, weil er ihr mit seinen stejchthümern und sein» Erfahrung zweckdienlich schien. Indessen wurde der Plai Leonorens. die Regentschaft seldiändig zu führen und sie Regierung mit ihrem Buhle«, em Grafen Andeiro de Oureni, zu rheilen, durch «n noch schlaueren Ba tarvlnfanten Do« I o i o. Großneister von Avis, verrtt> lt. Dieser wußte die Volksgunst u gewinnen und zu h nutzen, und er brachte es dahin, aß die Regentin die Hauptstadt verlassen mußt«. Die acheglühende Leoaora warf sich' ihrem Schwiegersöhne, dem köaige Don Juan von Cüstitieu, in die Arme und erzeugte