Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 49 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 194 „Fräulein!" rief ihr die Dame;u,l„Sie haben »eulichst verlangt, daß 'Ihnen Ihr Abschied in Gegenwart Ihres Herrn gegeben werde.^ Dieser gerechten Forderung soll nun Genüge geschehen,? und ich erkläre Ihnen in Uebereinstimmung mir dem Herrn Docror, daß Sie sich bereit halten, nach Verlauf von zwei Monaten dieses Haus zu verlassen, jedoch für dh übrige Zeit Ihres Engagements die reichlichste Entschädigung erhalten sollen." — Franziska erbleichte und wandte ihren Blick auf den Docror, dessen Angesicht nicht minder eine tiefe Blasse überzog. „Wenn dies Ihr Wille ist," hob das Mädchen nach einiger Zeit mit zitternder Stimme an, da sie ihre Bewegung zu unterdrücken vergebens rang, „wenn dies Ihr Wille ist, Herr Doctor, fo muß es geschehen. Auf Entschädiglfng für .Dienste, die ich nicht leisten darf, verzichte ich, Hnd bin bereit, zu jeder Zeit, die mir bestimmt wird, dieses Haus und die mir so lheucen Kinder zu verlassen." —: jAnselm erheb bei diesen Worten seine Augen, blickte auf das Mädchen, dessen trübe Züge und rbränettgefüllte Augen die Erschütterung ihrer Seele und den Kampf, der in ihr vorging, allzudeurlich anzeiglen. Da stieg eine flai amende Rö'the in seinem Antlitze ^ruf, und mit starker stimme sprach «: „Diese Angelegenheit ist durchaus noc, nicht so geordnet und so weit gediehen, wie du, liebe Auguste, es anzunehrNen scheinst. Ich kann Ihnen," wa ibre ec sich zu Franziska, „die ausgesprochenen Worte no h nicht als solche bekräftigen, wonach Sie sich zu richten hätten, und muß es mir Vorbehalten, meine Entschließung Ihnen später mltzurheilen." — Jetzt war es an der Frau. Hill, zu rrröthen, und ihre funkelnden Blicke vecriethen, daß eS Ärger und Verdruß in heftigster Art waren, die sie b> herrschten» „Sie wissen, mein Fräulein," hob sie an,' und ihre Stimme verlor all den'Wohlklana und die Anmurh. welche ihr sonst einwohncen, „oder wissen eS auch nickt, und mögen eS nun wissenbaß Herr Dr. Ansilm mein zukünftiger Galle fein wird, und Sie begreifenes wohl, daß Sie. nicht bleiben können, wo die Herrin des Hau es Sie unter keiner Bedingung behalten will. Sie mögm sich also hiemach einrichlen!" — Franziska wußte virklich nicht, waS sie hierauf erwidern sollte. Sie blickte latd'auf die Dame bald auf ihren Herrn, und gewahrte,! aß sich die beiden just nicht mir den zärtlichsten Augen cnsahen. „Tut," sagte sie endlich, „ich werde die Entschließt ng des Herm DoclorS abwarten," verbeugte sich und giig §ur Thüre hinaus. , Als sie sich enlfemt hatte, schlug di« Dame di« Hände in einander und rief im Käglichsten Tone: ö, wie konntest du mich einer solchen Beleidigung, einer solchen Verhöhnung vor diesem unerträglichen Fraueazimm r ausletzen! WaS muß ich von deiner Liebe halten, winn du mich jetzt schon so behandelst!" Der Doctor «oll« diese Vorwürfe beantworten, aber er hatte keine Zeit dazt, dmn Frau Hill fing an am Lanzen Körper zu zittern, 5 'odlenbtäffe überzog ihr Gesicht, sie schwankte und fiel ohnmächtig auf daS nahe Sopha. Anselm sprang hinzu, aber trotz ihrer Schwäche streckte sie die Arme abwehrend ihm entgegen. Er eilte daher hinaus, um weibliche Hil'e herbei zu holen, und wartete im Nebenzimmer auf den Erfolg. Er hörte Geräusch, es währte eine längere Zeit, bar ä aber erschien die Hausmagd' und zeigte ihm an, daß di Frau Hill sich wiedererholt habe aber ungestüm aus de: Sei- ' lenthüre davongegangen sei, ohne den Herrn noch einmal! sprechen zu wollen. Der Docror machte einige nothwendige Krankenbesuche und begab sich darauf mit schwerem Herzen zur Wohnung seiner erzürnten Braut. Aber auch jetzt noch war ihm der Eingang zu ihr verschlossm, indem sie sich unwohl r befände und der Ruhe bedürfe. Sorgenschwer und beklemmten Herzens brachte er die übrigen Stunden des Tages mir den gewohnten Geschäften und Arbeiten zu. Am Abend - befanden sich Franziska und die Kinder gewohnter Weise in dem Salon. Die ersiere war in sich gekehrt und schweigsam und schien nur mit Mühe aus ihren Gedanken heraus den Mädchen zu antworten, wenn sie von ihnen, um etwas gefcagc wurde. Aber auch diese verhielten sich sehr ruhig und flüstetten nur dann und wann unter einander. Kinder sind scharfe Beobachter und merken schnell, wenn etwas Ungc!oöhnlichcs im Hause vorgehr, auch wenn man es vor ihn Even harre die Uhr neun geschlagen. auf, legten ihre Spielsachen und Bi cher zusammen und n verschweigen will, die Kinder brachen e ihnen wie gewöhnrn Thüre hereintrat zu verweilen. Sie verließen das Gemach; Franziska wollll« lich folgen, als der Docror zur andn und sie ersuchte, noch einen Augenblick wandte sich um, und er lud sie durchweine Handdewegung; ein, ihren Platz noch einmal einzunehfnen. Nach einigem Zögern^richteke «r die Frage an sie: ,Meiy Fräulein, wie haben Sie den Vorgang von Heule früh? ausgenommen?" — „Dies ist keine Frage für mich, Herr Doctor. Ich habe nur zu befolgen, was Sie mir vorschreiben, und so habe ich allerdings nur Ihr letztes Wort nsch entgegen zu nehmen." — „Darum ist es mir nicht! zu thun," erwiderte er „sondern was Sie davon denkend" — „Mein Herr, meine Gedanken gehören mir; sie können auch für niemanden von Werrh und Bedeurung sein. Ich halte es . für meine Pflicht, wie ich sie den mir anvertraulen Zöglingen gegenüvcc verstehe, meine Entlassung nur von Ihnen anzunehmen uno über alles Uebrige stillschweigend hinweg : zu Lehen." — „Nein, nein!" rief der Doctor lebhafter auS, „so dürfen «ie mir nicht entgehen! Allerdings habe ich kern Recht auf Ihre Freundschaft, aber gerade um der Liede willen, die Sie meinen Kinvern gewidmet und bethäligt, haben, fordere ich Sie auf, mir Ihre Gedanken mitzulheilen, Mein Schicksal ist auch dar meiner Kinder, Sie können beide von einander nichr tvennen." — „Wohl, 1 Herr Doctor," erwiderte Franziska, und in ihrer Stimme ' zitterte unwillkürlich ihr bewegtes Herz durch, „so will ich über daS Geschick Ihrer beiden Töchter offen mit Ihnen reden. Ich habe nicht bas Recht, über Ihre zukünftige; Gattin ein Urtheil auSzuspcechen; sie h«t sicher ihre schönen j und glanzenden Eigenschaften. Ader für die Zukunft Ihrer! beiden mutterlosen Kinder zittere ich, Und daS bewegt mich tief. Frau Hill hat ein sehr heftiges Temperament, sie bewegt sich zu schnell zwischen zwei Gegensätzen, sie gerarh zu leicht in Leidenschaft und! Zorn, als daß daS Leben und die Entwickelung der Kinder nicht unruhvoll, stürmisch, ja gefährdet sein sollten. Dazu kommt, daß insbesondere Anna eine, wie es schejint, schwer zu überwindende Abneigung gegen die Dame empfindet, die ich bereits zu bekämpfen vergebens gesucht habe. Dies muß zu schlim-, men Auftritten führen, und ein trauriges Verhältnis wird sich daran knüpfen." —