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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 46 (1863) · p. Seite 182

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
46 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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— 182 — Kind sah man sie bei einer ältlichen jüdischen Wittwe ln Kost und Erziehung gegeben. und wurde dieser van einem Banqmer des Orteregelmäßig ein defcheideve- Dierteljahrsgeid außgezahlt. Diese Jubenfrau war vost altem, echtem Schrot und Korn, die um alles auch die kleinste religiöse Satzung nicht verletzt hätte und mit einens warmfühl, nden Herzen auch die Einsicht verband, daß ,jbi« Kinder etwas lernen müssen." Zum Glücke abtc-ftv Franziska wohnte in der Nachbarschaft eine kinderlose christlich« Dame, die an dem reizenden Kinde Wohlgefallen fand und, da si, bald bei diesem Anlagen und Talente bemerkte, sich dem Unterrichte des erwachsenden Mädchen» Unterzog. DieS bildete die Grundlage zu der bedeutenden geistigen Entwickelung, welche Franziska, eigen ist. Dabei war die Dame von jenem echten Gotte-gl'auden belebt, der du» Heil nicht dlo< in seiner Confession und deren Dogmen erblickt, sondern den angestammten Glauben anderer hochachtet und unangetastet laßt. Die göttliche Vorsehung hattees also gut mit dem Kinde Franziska grm.int; denn wieviele Kinder genießen «ine solche Erzi.hu,,.. in ihrem elterlichen Hause, eine Erziehung, in we-m.r so nele tüchtige Elemente auf» angemessenste zusammen,virkren l Noch aber zahlte da« Mädchen nicht ganz dreizehn Javce, als daS Geschick hereinbrach. Die christlich« Dame und die jüdische.Pflegemutter sanken kur; nach einander in das Grab. DerKassirer des Bankhauses bracht« Franzis k.i, wie eS sein« Obliegenheit war, in eine andere jüdische Familie, von welcher Art, war ihm gleichgültig. Hier hatte es aber KrvnziSka übel getroffen, denn der Mann war ein Trunkenbold, die Frarz. eine Lantippe und die beiden Töchter de« Hause« angehende Satan,. Franziska litt außerordentlich; man zwang sie zu unaufhörlichen Hausarbeiten und zu dar niedrigsten Dienstleistungen. Bei wem sollt« sie sich beschweren und Abhilfe verlangen? Niemand kümmerte sich ,m sie, und nuc_ der schöne Geistes- und Herzensfond«, her von ihren früheren Wohlthaierinnrn in ihr gepflegt worden, erhielt sie aufrecht; selbst ihre Studien forrzufe^en fand sie Zeit, Mulh und Gelegenheit. Zwei Jahre hielt sie es aus; bann war ihr Geist stack MLz, um einen Entschluß zu fassen. Sie ging zu dem Kassier^ erklärte ihm einfach, sie könne in diesem Hause nicht verbleiben und er möge ihr Aufschluß über ihre Geldverhattniss, geben. Der alte trockne Mann erwiderte ihr einfach, daß sie es j halten könne, wie sie wolle; es war« «hm hinsichtlich rh^er gar nicht« Besonderes vorgeschrieben; auch wäre es ihm lieb, sie zu sehen, denn er habe ihr mikzutheilen, daß da« Sümmchen, da« ihm vor zwölf Jahren für sie übergeben poorben und dessen Zinsen zu ihrem Unterhalte nicht genügt hätten, so daß jährlich etwas von dem Kapital hätte gensm^ien werben müssen, nunmehr bi« auf ISO thlr. verzehrt sei, über die sie nach Belieben verfügen könne, worahf ihre 'Rechnung abgeschlossen fei. Es versteht sich, baß brr alt« Mann es nichtanders, rhat. als ihr eine bi« auf Groschen und Pfennige spezielle Rechnung über de« zwölfjährigen Status einzuhLndlge«, sich eine Seneralquittung von ihr zu erbitten und sie darauf mit der obengenannten Somme zu entlassen. Die fünfzehnjährig« Franziska wußte recht gut. wa« sie zu :hun Hab,. Sie ging nach B . «ketdete sich bei einer anständigen jüdischen Familie ein und besuchte anderthalb Jahre hindurch da« Lehrerinneninstikut, «achte ihre Prüfung in glanzender Weis« und wurde alsbald j von ihrem sie hochschätzenden Lehrer zu einer Stelle als s Erzieherin empfohlen. DaS junge, aber hart geprüfte i Mädchen war so frühzeitig reif, daß eS feinen Pflichten in i erfolgreichster Weife zu genügen und selbst unter den ungün- : stiqsten Umständen sich aufrecht zu »rdakten verstand. Frani zrska erlebte in den nächsten sechs Jadren mancherlei Schick-! fair und fühlte sich nach Verlauf derselben von innen heraus genölhigt, eine Zeit lang zu ruhen und sich selbst zu leben. "Eie hatte sich eine Summe erspart unv begab sich meiner Schwester hier, bi, sie an einem Badeorte kennen gelernt, und verbrachte bei dieser die Utzten anderthalb Jahre. Bon hier aus nahm si, den Ruf in Dein HauS an. DieS ist eS, was ich Dir mitzutheilen habe. Du wirst ,S wahrscheinlich nur für kärgliche Notizen halten, für einen chronologischen Faden, der Dich in daS Innere dies,« Wesens, in das HrilUtbum ihrer Seele zu führen nicht vermöge. Aber ich wüßte nicht, woher Du das Recht hallest, in dieses eindringen zu wollen. Selbst wenn ich mehr davon weiß, habe ich die Erlaubniß nicht dazu. Du hast ein Recht auf ihre Dienste erlangt, nicht aber auf ihre Gedanken und Gefühle. Begnüge Dich also! (Forts, folgt.) Eine bemerkeuswerthe Predigt. Soeben ist eine Predigt*) erschienen, auf welche wir unsere Leser wohl aufmerksam machen mögen. Die Veranlassung schildert der Redner, Herr Radd. vr. TreuenfelS in Stettin, mir folgenden Worten: „Vom 18. bis 24. September tagte die38. Versammlung der Naturfo cscher und Aerzte hier in Stettin. Die Theilnadme des Publikums war «ine überaus lebhafte und zeigt« sich sowohl bei Gelegenheit ver öffentlichen Sitzungen unv der zu Ehren der Gaste veranstalteten Festlichkeiten als auch in der regen Besprechung des in den Vorträgen unv sonstigen Reden gegebenen Stoffes. Namentlich war es die von Prof, Hackel demonstrirte, dem Publikum noch gänzlich unerhörte Darwin'sche Schöpfungs-Theorie (vergl. hier S. 11), welche überall disculirr wurde, zahlreiche Anhänger fand, aber den meisten auch alle und jede Religion über den Haufen zu werfen schien. Aehnlichen Eindruck fast machte ein Vortrag von Birchow über den Materialismus der Naturwissenschaft. Daß auch sonst manch,« Wort gegen religiöse« Glauben, Bibel u. s. w. gesprochen wurde, laßt sich schon denken. Dazu kam, daß die glänzendste Festlichkeit, an welcher sich nicht nur die exclusive Gesellschaft sondern di, ganze Bevölkerung belheiligte — Wasser- Corsofahrt mir Beleuchtung der Oderufer — gerade am 22ste» gegen Abend, also zu der Stunde, da bas Bersöh» aungSfest begann, stattfand. So war ich au« inneren und äußeren Gründen veranlaßt, nicht zu schweigen und di« gewohnte Bahn der Predigten für den Tag zu verlass,«." Heden wir einige Stellen der Predigt hervor. Nachdem er darauf hmgewiesen, daß das Jubenthum das Forschen *) Die Gruadlehren de» Jubenthum» und die Nalurwiffensch ist. Predigt, gehalten am Vorabend de» Lersöhunugstages (22. Sept. 1863) von Rabb. Dr. Treuenfel». Stettin, 1863.

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