Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 45 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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179 —. gesehen habe, daß Männer zum zweiten Male zur Ehe, schrillen und mit innigster Liede an ihren Frauen dingen,! ohne baß sie tzje» nicht auch in früherer Zeit gethan Hai- | t<n, während ein« Witlwe niemals wieder heirathet, wenn sie nicht etwa das erste oder das zweite Mal nur durch! die Umstände dazu gezwungen war. — Meine Antwort,! die wohl erwaS unbedacht diesem Manne gegenüber ausgesprochen war, schien ihn zu frappiren. Er schwieg einige Augenblicke und fuhr bann fort: Und wie erklären Sie > sich dieses? — Ganz aus der natürlichen Lage der Dinge, erwiderte ich. DeS Mannes Geist ist nicht auf «in auS-! schließlicheS Gefühl angelegt und angewiesen. Er muß zu gleicher Zeit eine Menge von Dingen mir Eifer betreiben, mir Liebe erfassen; er kann sich nicht auf «ine einzige Neigung beschränken, sondern sein Beruf und fem Wesen drängen ihn zur Vielseitigkeit. Die Seele deS WeibeS dagegen hat einen beschränkteren Kr,iS, aber vertieft sich in diesen um so vollständiger; sie erfaßt einen Gegenstand, aber mit diesem füllt sie sich ganz au«. Hat sie daher diesem einen ihre Neigung gewidmet, so wird sich diese, wenn sie aufrichtig und Wahrhett war, niemals wieder von ihm entfernen, und selbst der Tod vermag sie" diesem nicht zu entrücken. — Er frug/ nicht weiter, und bald kehrten die Kinder zu un» zurück. 2# leugne mcvr, daß ich neugierig war, wie er zu dieser Frag, gekommen, ob sie di« Laune deS Augenblicks gewesen oder ein besonderes Interesse für ihn hatte. Ich sah sogar nach seiner Entfernung in daS AeitungSblan hinein, baS er gerade vor sich gehabt, ob vielleicht darin etwas gestanden) waS ihn zu solchem Gespräche veranlassen konnte. Ader eS enthielt nür ein« Abhandlung über ein physikalisches Experiment, daS himmelweit von'dem Gegenstand«, den er berührte, lag. Auch di« Dame in Schwarz ist noch nicht au» unferm Hause verschwunden. Zweiober dreimal trat sie wieder bei un» ein, mit derselben Lebhaftigkeit und Unruhe wie da» erste Mal, nur daß ihr da» Dienstmädchen keinen Widerstand mehr leistet, wa» darauf hinwelst. daß der Doktor gegen ihren Besuch nicht« einzuwenben hat. Sie unterhalt sich einige Augenblicke mit den Kindern, dringt ihnen wecthvolle Geschenke mir, wobei sie vorzugsweise Anna bedenkt, widmet mir einen ihrer scharfen, stechenden Blicke, aber kein Wort der Anrede, und entfernt sich wieder mit dersel-" den Hast. Ich thue, al» ob ich sie gar nicht bemerkte. Einen eigenthümlichen Eindruck macht sie aber auf Anna. Diese wird geradezu Nnartig gegen sie, wa» der kleinen Anna doch sonst so fern liegt; ihre Liebkosungen nimmt sie nur mit Widerstreben an und kein Zureden vermag sie. die Geschenke nur anzurühren. Sie läßt sie auf dem Platze liegen, wohin die Dame sie gelegt, und ich selbst bin genörhigk, sie wegzulegen, damit die Besucherin sie nicht wieder auf demselben Platze finde. Seitdem schloßt sich das Kmd sogar enger an mich an, scheint in mir ihre Zuflucht und ihren Anhalt zu suchen und nach dem letzten Besucheder Fremden warf sie sich sogar in mein« Arme und weinte. Ich hütete mich wohl, ihr irgendwie zuzusprechen oder sie nach der Ursache ihre» Leid,» zu fragen. Dir» wäre sicher der Weg gewesen, da» kleine Herz wieder zu verschließen und abzustoßen. Ich drückte sie nur herzlich an meine Brust, bi» sie sich wieder ermannt und mit einem Kusse zu ihrer Arbeit ging. Die kleine Luise aber fühlt sich von der Kalt», mir welcher sie von der Dame behandelt wird, sehr beleidigt, spricht bie» in ihrer Manier au», kann aber doch der Lust nicht wiberstehm, sich an den schonen Geschenken zu erfreuen. Ich brenne abervor Neugierde, zu erfahren, wer diese Frau sei und waS ihre Besuche sollen? Aber da ich hier ganz von der Außenwelt abgeschlossen lebe und grundsätzlich bie Domestiken niemql» über solche Dinge befrag», so weiß ich noch immer kein Sterbenswörtchen davon. Doch, offen gesagt ich lebe hier so glücklich -und stehe nach allen Seiten hin so fest, daß ich mich nicht weiter darum kümmere, und e» tritt nur wieder, vor meine Seele, wenn ich Dir, meine Gute, schreibe und, Gdtt sei Dank! Dir nichtweiter zu schreiben habe. Dein letzter Brief erquickte mich gar sehr, und darum erwarte ich recht bald bi, Wiederholung diese» Genüsse». V. Dr. Anselm an Adler. Deine Schutzbefohlene, die Gouvernante, meiner Kinderhat sich übermal» aufs trkff.ichste bewahrt. Meine Ii«be j 2(nnct war in ein typhöses Fieber verfallen von dex ansteckendsten Art; ich hatte, wie e» meine Pflicht war, der Franziska-die» nicht verhehlt, sondern offenmüthig und nachdem ganzen Grade der Gefahr mirgetheill. Sie aber schwankte keinen Augenblick, in der Pflege meine» geliebten Kinde» fortzufahren, von ihrem Beuchen nicht zu weichen, Tag und Nacht ihrer zu warten und meine Vorschriften auf» pünk lichste auSzufüh^n. Orr gefährlich« Zustand zog sich lang« hin unb erst nach vierzehn Tagen konnte ichmein Kind für gerettet erklären. Rächst Gott habe ich die Erhalt» »q meiner Tochter allein der beispiellosen Hingebung und ilufopferung diese» seltenen Mädchen» zu verdanken. Der^ . )err hielt seine schützende Hand über ihr, baß sie auS dieser harte» Probe zwar mall und abgespannt hervorging, aber doch >von dem G'fce der Krankheit unberührt und gesund. Ich lasse ihr nun die beste Pflege angedechen und mit Gott«» weiterem Bestände werden die beiden theueren Wesen bald völlig wieder genesen sein. Jede» Wort de» DankeS weist sie al» fast tränkend für sie zurück. Sie fagl e nfach: Al» ich die Erziehung dieser Kinder übernahm, verpfl chlete ich mich nicht blo» für ihre gesunden Tage; sollte mir ein Uedel zustoßen, halten Sie eine gleiche Pflicht für riich, da Sie meine Erhaltung übernommen haben. — Ich ,,stehe e», ich bewundere sie. Wenn ihre äußere Erschein lng nicht reich an Schönheit, so wird sie um so anziel enber durch den Umfang ihre» Gerste», ihre klare Einsi dt, ihr richtige» Unheil sowie durch bi« Fülle ihre» Gemi the». Hieraus ist mir da» dringende Verlangen erstanden, etwa» Nähere» über ihre ^früheren LedenSschick» sakr u erfahren^ Welche ist ihre Herkunft? Welche die Schicksale, die sie erlebt? Denn diese töünen nicht gewöhn, UcherlAn gewesen fein, >a» habe ich ihr schon abgelquscht, so zurückhaltend sie auch in allem ist, wa» ihre Vergangenheit betrifft. Ich wende mich deshalb an Dick, da Du sie jq seit längerer Zeit kennst. Du würdest mir eine» große» Dienst erweisen, wenn Du mir ausführlich so diel mitrheilt^st, wie Du in Erfahrung gebracht und dringen kannst.