Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 45 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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9 — 178 — gegenüber. „Das ist der Baker, ganz wie der Barer!" sprach die Fremde, nachdem sie noch einen flüchtigen, vergleichenden Blick auf Luisen geworfen. Ihre Äugen hatten sich schnell wieder auf Anna gewandt. Eie schien einen Augenblick wie in Anschauen versunken, dann richtete sie sich höher auf und gewahrte auch mich. Die Dame war ganz in Schwarz gekleidet und harr« einen schwarzen Schleier um die Fülle ihrer blonden Locken und um darunde, voll« Antlitz gewunden Sie war eine hohe Gestalt, stark auSgedildet und schien in den ersten der dreißiger Zähre zu stehen. Sie war noch nicht gealtert, sehr schön, aber ein hoher Grad von Leidenschaftlichkeit hatte bereit» scharfe Auge in ihr sonst so edle» Gesicht gegraben. Lie stierte mich mit iriren glanzenden schwarzen Augen an/ ein hochmürhiger Aug legte sich um ihren Mund und sie frug, wie wenn sie zu einer dritten Person spräche:. „Und wer ist denn diese da?" und wieg mit ihrem, halverhodenen Arme auf mich hin. Zch batte ihr den Rücken zuwenden können, denn wa« ging si, mich an, und daß sie nicht ins Hau» gehöre, war zu deutlich. Allein das eigenrhümliche und ich kanw sagen gewissermaßen großartig« Wesen zog mich an und imponir^ mir wohl etwas. Zch antwortete einfach: „Zch bin die Gouvernante-/' worauf ich mich ruhig auf meinen gkwöyntichen Lehnstuhl niederließ. „So, so!" erwiderte die Dame, reichte jedem der Kinder noch einmal die Hand und sagte zu ihnen: „Beschreibt nur eur.m Barer, wie ich auSgeseken, und er wird schon wissen, wer dagewesen. Levt wohl, Gott schütze euch, ich werde euch schon Wiedersehen." Damit wandte si«. sich, und ich konnte nur gewahren,'daß sie im Gehen noch einen und in der Entfernung selbst Berg zöge herauf, die bei weiteren Partien viele lockende Landschafrsbilver verspreche«. Zch und die Kinder haben un« daher schon Spaziergänge und reizende Ruheplatze ausgesucht, und da jpielen wir, wie wenn ich selbst noch Kind wäre. Der Herr Doktor läßt sich herbei, mir siine Zufriedenheit mit den Fortschritten seiner Töchterchen in Wissen und Bildung selbst mit Worten auszudrücken. Die Kinder hatten auS einem Bande meiner kleinen Büchersammlung ersehen, baß mein Geburtstag auf den 18. März falle; und nun hatten sie sich verschworen, mich an diesem Tag» zu überraschen. Die ernste Anna halte den kleinen Flüchter Luise so' zu beherrschen verstanden, daß auch diese nichts verrieth. Am Morgen weckte mich eine hübsche Sonate und ein nettes Liedchen aus dem Schlummer, die eine Morgenserenade vorstellen sollten. Dan»» traten die geputzten Kinder in mein Zimmer und redeten mich mit einigen Versen an, worin sie mir alS ihrer zweiten Mutter für meine Liebe unl^ Sorgfalt dankten. Es wurde geweint und dann gelacht^ und dann führten sie mich in das Unterrichtszimmer, wo allerlei Geschenke auf dem Tische auSgedreirer lagen.. Unter anderem auch eine schöne goldene Uhr, da ich eines solchen Zeitmessers schon lange entbehrte. Auch die Domestiken kamen, mir Glück zu wünschen, und später fand sich der Doktor «in und sprach mit so lebhaften und beredten Worten, wie ich sie ihm gar nicht zugetraut. Dennoch, liebe Freundin, will ich Dir nicht verhehlen, daß hier einige Veränderungen eingetreten. Seit einiger Zeit scheint mir der Herr Doktor sorgenvoller, gedrückter, unruhiger, als er mir in der ersten Zeit meines Hierseins! stechenden Blick auf mich warf und verschwand, wie sie vorkam. Zn unbewachten Augenblicken stützt ec daS Haupi! gekommen. — Ungeduldig warteten wir auf die Rückkehr des Doktors, um ihm das kleine Abenteuer zu berichten; aber er kam diesen Abend nicht in brn Salon Und auch heule habe ich ihn noch nicht ges.hcn. WaS dies also zu bedeuten gehabt, kann ich nicht wissen und beunruhige Mich darüber auch nicht, da ein Arzt ja mir zu vielen verschiedenen Menschen in Berührung kommt. auf seine Hand und scheint zu grübeln. Dann plötzlich wie erwachend springt er von feinem Sitze auf und schreitet unruhig durch den Saal. Ec Hefter dann wohl auch! mit einem Male seine Augen auf unS drei, die wir um! den Tisch sitzen; doch ich weiß nichts aus seinen Blicken! heräuszulesen.. Doch gerade seit derselben Zeit schließt er sich näher an unS an, erscheint regelmäßiger in bem Salon, Mit Ungeduld erwarte ich einige Zeilen vo» Dir, theure . verweilt langer bei unS und unterhält sich lebhafter. Er diSkulirt über alle möglichen Gegenstände mir mir, aber immer auf feine eigemhümliche Weise, mehr fragend alS behauptend. Zch habe aber längst gelernt, darauf nicht zu achten und meine Meinung feeimükhig und präciS auözusprechen. . Lächelt er darauf, so weiß ich, daß sie nicht die seinige ist; bleibt er ernst, so muß ich bei ihm etwas ,n6 Schwarze getroffen haben. Neulichst überraschte ec mich sehr mit einer Frage. Die Kinder waren zufällig aus dem Salon entfernt, da redete er mich aus der Ecke feine» Divans, und zwar ohne da» Zeikungoblalt, in welchem er las, niederzulegen, mir den Worten an: Fraulein, Freundin, und hoffe, baß Du Mich recht bald befriedigen werdest. IV. Franziska an Adele. ES sind nun vier Monat« verflossen, sgikdem ich in diese» HauS gekommen, und ich blicke auf sie mit einer Befriedigung zurück, wie ich sie fast noch Nie gekannt. Zch besitze oie Zufriedenheit meine» PrinzipaLS, die Liebe meiner Zöglinge, die Achtung derer, die mich umgeben, da» Gefühl der Selbständigkeit mitten in abhängigen Verhältnissen, eine ununterbrochene Thäligkeit und du» Bewußtsein, zu nützen und auf dem rechten Wege zu sein. Lagalten Sie die Männer oder die Frauen für treuer in der her knospet und blüht e» in meinem Herzön wie von ' Liebe? — Zch mußte wohl ecrölhen und aotwoit.te: Hier einem neuen Frühling, der denn auch warm und lichtvoll von draußen her zu uns hereinqulllt. Die Umgebungen .unsere» Städtchens sind lange nicht so einföra ig, wie ich eS mir gedacht. Zn dem Nahen Forste wechseln die Laub- Hölzer mir dem Nadelholz ad und geben so verschiedene liebliche Platze her, die durch den wellenförmi zen Boden, Uber mochte ich wohl schwerlich entscheiden können. — Aha, sagte er. Sie wollen mir ausweichen; ich höre es an bem Tone Ihrer Stimme, daß Sie wohl etwadarüber zu sagen wissen. — WaS könnte aber wohl, erwiderte ich, jemand über eine solche Frage für ein Urtheil haben, der, wie ich, mehr mit Kindern alS mit Männern und welcher hier und da durch Quellen und Bäcllein durch- Frauen Umgang gepflogen? Zndeß bilde ich mir'ein, daß schnitten w:rb, an Mannigfaltigkeit gewinne». Wandert ' die Frauen viel treuer sind alS bi« Männer. — Und was man ein, Stunde «eit^fo steigen Himer dem Z orste Hügel > berechtigt Sie zu dieser Meinung? — Einfach, weil ich