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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 45 (1863) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
45 (1863)
Date
1863-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bvlksblatt. Zur Belehrung und Anterhaitung aus jüdischem HkHiele Hcraurgegeben von Rabbiner vr. Lidwig Philippsoll i» Bonn. rrtl . 1 von dieirr ZeiNLriN ertLri»! wtchenUi» «ne Nummer. Pr«i« de« Jairri a j, , n llllO 4.J 1 (Sh.'l. I gang» l XMr. Vieneljiidng 7 '4 Ngr. «lle V»»ba»dl»gei . Postämter I IN Atlusü. J. LViV* ~kv. und Aeima««ervedi,ioHen »ebme» vefteLu»geo -r. «. - 5 " 1 ' i- Die Gouvernante Eine Novelle. < Fortsetzung.) III. Franziska an Adele. Anfangs verwirrte mich dies; nachdem ich mich aber seien» tirt habe, erscheint er mir um so interessanter und seine Gespräche regen mich nach den verschiedensten Richtungen sehr an. Seine Zimmer, namentlich wo er seine PacieNten empfängt, sind auf der andern Seite des Hauses und mit einem besondern Eingänge von der Straße aus versehen, so daß wir, Insassen derechten Flügel-, durchaus in keine Berührung damit kommen. Doch habe ich so viel schon bemerkt, daß er äußerst wohlthättg ist; die Küche ist immerfort beschäftigt, Suppen und Speisen für arme Kranke zu bereiten, der Keller liefert oft Wein dazu, und es ßnd eigene Körbe dazu bereitet, welche ein bestimmter Bote nach schriftlicher Anweisung in die Hütten der Bedürftigen schafft. Was die religiöse Halmng betrifft, so genügt sie allen gerechten Forderungen unsrer Satzungen und Gebräuche. Der Doktor selbst erfüllt seine Berufspflkchten unbehindert und läßt darin von Sadbarh und Fest keine Aenderung zu Ader in seinem Haufe muß die väterliche Eilte herrschen. So unterbricht denn auch der Freirag Abend den gewöhn» lichen Gang der Wochenabende. E« wird zu früherer Stunde ein ordentliche« Mahl aufgetragen, der Hausherr tritt ein, segnet feine Kinder, verrichtet bas Gebet über Wein und iSabdathbrot und sucht eine feierlichere und zugleich vergnügtere Stimmung zu verbreiten. Nur der dringlichste Fall läßt ihn die« aussetzen. Aber ich habe Dir noch gar nicht« über meine Zög» linge gesagt. Ich habe sie bei genauerer Kenntnißnahme so befunden, wie sie mir im ersten Augenblicke erschienen waren, wessen Du Dich erinnern wirst. Anna bleibt sich in ihrem ganzen Wesen getreu, so ernst und gemessen, zurückhaltend und doch gehorsam und pflichtbeflissen, daß man sie oft ansieht, ob sie wirtlich noch ein Kind iß. Ich habe in den ersten Tagen versucht, sie gemüthlich zu wecken und mehr an mich zu ziehen, aber ohne Erfolg: denn ohne etwa unartig oder verletzend zu werden, ohne überhaupt eine Absicht zu verrathen, wie« sie doch alle Liebkosungen ab und schien für Herzensergüsse kein Organ zu haben. Ich lasse sie seitdem ruhkg walten, will aber damit kein Urtheil über da- Mädchen au«gesprochea haben; denn in der Tiefe einer Kinbesseele liegt oft Wunderbare« verborgen, da« zu Tage dringt, wenn man tt am wenigstea gehofft, das' aber erst von der Sonne der Zeit ober von der Gluth des Lebengereift wirb. Luise hingegry ist unbändig in Lust und Schmerz, voll Leben und Liebe und da« anschmeichelndste Wesen von der Welt. Dies gibt denn' auch manche Differenzen unter den Kindern. Denn Anna blickt die jüngere Schwester mit ihren strengen, großen Augem streng an, wenn diese sich ihrem Gefühle hingibt; sie will sie mahnen, sich in Maß und Sitte zu schicken; I aber Luise vermerkt dies übel und spinnt darüber einen klernen Wortwechsel an. Sonst aber hängen-die Kinder sehr aneinander und sind Muster der Verträglichkeit. Diese Berschiebenbeik meiner beiden Zöglinge macht mir da- Geschäft der Erziehung und de» Unterrichts interessant undangenehm. Denn in Stoff und Behandlung muß ich mich in den Lektionen nach den verschiedenen Naturen richte», und mir Aufmerksamkeit Methode und Form in ihrer llngleicharligkeit beständig vor Augen baden. Allmählich — denn Kinder sind dir schärfsten Beobachter und merken viel leichter, was man mir ihnen vorhak, als Erwachsene >— suche ich bei Anna di« Gefühlslhätigkeit zu erhöhen, bei Luisen zu vermindern. Wie weit mir dies gelingen werde, kann ich freilich noch Nichtwissen. Jedenfalls habe ich große Freude an den Kindern und ihre Gesellschaft ist voll Reiz für mich. x Doch ich muß Dir noch eine kleine seltsame Scene schildern, die gestern bei uns sich zulrug. Wir waren eben in den Salon eingerreten, als die Thüre heftig aufgerissen wurde'und eine Dame in großer Aufregung mehr herein» stürzte al« eintrat. Ihr folgte die junge Dirne, welche außer der jüdischen Köchin" den Hausdienst versieht, wie es schien, aufgebracht und mit lebhaften Gederden. Wie ich nachher erfuhr, war die Dame in« Hau« getreten,-hatte Nach dem Doktor gefragt, und nachdem man sie von dessen Abwesenheit unterrichtet, und ihr bemerkt hatte, daß sie zu unferm Herm durch die Thüre von der Straße aus gehen müsse, rief sie auf» lebhafteste aus: „Sind denn seine Kinder zu Hause? Ich muß sie sehen, jch muß etwas von ihm sehen l" und ohne auf da« Mädchen zu achten, da« sie der Hausordnung gemäß abweise« wollte, war sie die Trepp« hinaufgeerlt, durch den Korridor geschritten, und wahrscheinlich von unsern Stimmen geleitet, hatte sie die Thüre de« Salon« geöffnet. „Sind das die Kinder de« Herm Doktor«?" rief sie au«, und ohne die Antwort zu erwarten, stürzte sie sich auf Anna, riß sie in ihre Arme und wollte sie heftig küssen. Aber da« Mädchen sträubte sich, rief: „Was wollen Sie? wer sind Sie? ich kenne Sie nicht!" riß sich von ihr lo« und stellte sich ihr trotzig

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