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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 43 (1863) · p. Seite 173

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
43 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 173 (sequence 3)
Language
German
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-h t 171 — Menschen warst seit dem Augenblick, wo du de« Lebens inne wardst, wo sich da« Leben dein bemächtigte! Zst einer unt» unallen . der nicht voll Unruh ist? Nicht bloS du, de» der Sturm de« Leben« ergriffen und au« der Irrfahrt inichr losläßt und bald dahin bald dorthin schleudert, ohne Stätte, ohne Heimath, ohne Beruf, oder immer wieder au^ der Heimath, au« der Statte in die Ferne und Fremde; inicht bloß du, den der Sturm der Leidenschaft ergriffen, dbß er feine Seligleit findet in dem, wa« ihm fremd und fern und wa« er nicht erreichen kann, oder daß er feine Befriedigung setzt in da«, wa« ihn verderben und vernichten muß; nicht blo« du, den de? Sturm der Reue ergriffen über Hehle und Fehltritte, die er kaum wieder zu sühnen vermag, oder über eine verlorene Jugend, über ein verfehlte- Leben, aus dessen Schiffdruch und Trümmern er sich nicht zu r tten vermag — wir alle, alle, auch die in den gewohnt chen Pfaden de« Leben« schreiten, die ihrer mächtig gebt eben und sich nicht verirret: o welche Unruhe, bald duräj die täglichen Sorgen für. Weid und Kind;, bald durchs die Laß dich nicht fahnden und fesseln von dieser Erde, denn dein höhere« Theil gehört ihr nicht; wenn dein Geist nicht« weiter weiß al« da« Treiben und Weben de« Erbenleben«, so ist er enradelt; wenn dein Sehnen und dein Steeden sich mir ihm allein begnügt und darin ganz aufgeht, so ist er entwürdigt, gelähmt, gefangen. Siehe, spricht sie, ich ösfne dir noch ein höhere« Reich, da« Reich der Wahrheit, der Liebe und de« Riecht«; dahinein sollst du wachsen und sprießen und imnber höher gelangen; und siehe, da« ist deine Herrlichkeit, wenn du mitten im Leben der Erde der Wahrheit und Erkennmiß nicht absiirdst, sondern sie suchest als dein höchst^« Theil; wenn du mitten in den Kämpfen der Erde die i Liebe pflegst und sie übest wie und wo du nur kannst; u^d ob du Haß begegnest, und ob dir Schmähung und Neid und Rachsucht und Feindseligkeit entgegentreten, du lassest nicht ad von der Liebe und rhust sie immer wieder auch an solchen; wenn du mitten im Streben nach den Gütern der Erde nicht de« Recht« vergissest, sondern e« wahrest, und keine Schätze der Erde Mühen um den Erwerb, der schwinden wrll und wir fvolvermögen dich, Unrecht zu thun mit Bewußtsein, und keine len ihn. festhalten; bald durch die Wünsche^ die nicht erfüllt,! Verluste, so groß sie seien, machen vom Rech» dich weidurch die Ziele, die nicht erreicht wervrn;! bald durch da« Siechlhum, da« in unferm Körper wühlet; bald umida« Heil und Gedeihen geliebter Personen; baföj durch die l Mißverständnisse, den Streit, den Hader, die sich in t nsre Hütte schleichen; baltz durch da« Unbefcieblgtsein mit!age und Verhältnissen, und was da« Heer derl Uebel alle ivch ist, da« un« voll Unruh treibt und drängt. [— Euch a len, allen tönr durch da« dunkele Schweigen der Nacht der Ruf entgegen: Mein Antlitz soll vorangehm, und ich vill euch zur Ruhe bringen! Und wohl, wir zweifeln n chl, sie vermag e«, die Religion, sie allein, da« Wort i «rer Verheißung zu erfüllen, sie kann, sie wird stn« au« der Unruhe zur Ruhe bringenso sie un« vvranzieht und ihr litz un« leuchtet durch da« Dunkel unserer Nacht, wir fragen: Wodurch bringt sie un« zur Ruhe? Lasser hören, wa« sie uns antwortet auf diese Frag«. — Wobt die Religion un« zur Ruhe dringt? Zuerst durch die Hebung, mit der sie un« über das Leben, über all bei Inhalt und über uns selbst erhebt. — Nfln! die Religion, die wahrhaftige Religion verachtet die Erde nimt; diese« ganze Leben de« Menschen, es ist ja sein Theil, mn Gott ihm zugelheilt, und all dieses Leven« Verwirrung und all seine Derknotung nicht ohne Gott, ja unter Goae« Leitung! geworden. Dev Mensch gehört der Erde an; isie ist die Mutter seiner- Bedürfnisse; sie ist der Schauplatz feiner Kampfe, feine« Thuns, seiner Große und seitzec Schwäche, ja auch der Ort seiner Siege wie seiner Nietlerlagen; bi« zu semem letzten Athemzuge haften an dieser Erde seine Wünsche, feine Sorgen, seine Mühen; vergebest« will er sich ihrer entledigen; indem der Mensch ihrer st, ist auch sie, diese Erde, geheiligt, ist sie für den Mensrt m auch Gotte«! — Ader die Religion tritt zu dem Menschen und sagt zu ihm: Du bist nicht allein dieser Erde, du bist nicht allein für diese Erde und ihr Leben bestimmt, sie ist nur ein Theil deiner; all die« ist nur der Boden, in welchem du wurzeln sollst, aber den Stamm und dt« Laub und die Krone sollst du Hinauftreiben in da« Re ch der Lüfte und de« Licht«, in die Regionen, wo frei ie Wolken ziehen und die Sonne strahlt. Wehe, wenn d> in Stamm auf dem Boden und deine Krone im Staube.liegt! chen. Da« ist drint Herrlichkeit, Mensch, und deine Große und dein Verdienst — dann bist du erhoben und erhaben über die Erde und ihr Leben. Und wenn also da« Antlitz der Religion un« leuchtet und vorangrht — da sollten wir nicht zur Ruhe kommen? Wenn dich die Täuschungen de« Leben« ereilen und dein Herz in stürmische Hast bringen, aber du sagst dir: da« ist^en die Wahrheit, daß, wa« der Erde ist, trügt unbräuscht und da« sehnende Herz nicht stiht und den strebenden Geist nicht befriedigt, und indem du all die« erfährst, wächst du in der Wahrheit und ihrer Erkennrniß — wie beruhigend, wie beschwichtigend! Wenn dich Verluste und Sorgen und Mangel an allen irdisch, n Gütern drängen, und du sagst dir: Könnt ihr die Liede mir rauben? und, ja,^jch dithätige sie erst recht in der Bedrängniß. und liebe mein Weib, mein Kind, meinen Bruder meinen Freund, alle dir Mir nahe, nur mehr und mehr, wie beseligend, wie hebt e« darüber hinweg und beruhigt! Wenn dir Unrecht geschieht, und du kannst dir sagen : Thal ich doch ncht; wenn man dich verkleinert und verfolgt und vernichten will, und du sprichst: LH sie, ich vergell' e« ihnen nicht, stehr mein Rech, mir zur Seite — wie erhebend, welche einfache, würdige Ruhe! — Za, da«, ist die Religion. Sie lehrt dich die Erde und da« Leben und die Menschen achten, denn diese sind jetzt deja« Heimath und dein Boden, aber nicht, mehr al« ihnen gebührt; dir Wahrheit noch mehr, die Liede noch mehr, da» Recht noch mehr, und ix>bem du dies« übest im Lichte ihre« Angesicht«. breitet sie Ruhe und Frieden um'dich, in dir, hohe, erhabene, mächtige Ruhe, darin du sicher und gewaltig über di« Erde schreitest, mit dem Auge nach oben, mir dem Beist in die Höhe gerichtet. Za, die Religion ist da« Reich der Idee und der Ideale; aber wer möchte leben ohne Zdee, und wer kann leben ohne Ideale? — "rnnarr» sie führt dich au« der Unruh' zur schönen, bewußten Ruhe ein!

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