Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 42 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. . — 166 — monische Welt, wo alle-, wie es mir geschienen, seinen geregelten, durch fest, Naturgesetze bedingten Lauf har, von einer willkürlichen, geheimnisvollen Milcht unbarmherzig zerstörl zu sehen! — So wurde ich einige Hage der Raub der bittersten Zweifel an her göttlichen Machst der lichlspendenben Vernunft und war der unglücklichste! der Menschen. Wahrend dieser Zcht halte ich meinen Freunvi nicht gesehen, und kummervoll schloß ich mich in meinem Dachstübchen, dab man mir eingeräumt hatte, eia. AlS mich mein Freund einige Tage nicht sah, suchte er mich auf und kam zu mir; er mochte wohl den Kmpmer auf meinem Gesichte lesen; allein zartfühlend und taktvoll, wie e^ war, schwieg er, da er, wie er mir hernach gestand, glaubte, daß irgend ein Familienverhältniß an meiner Berstlmmyng schuld fei. Nachdem er .mich gefragt, ob ich über einige Stellen im „Moreh" nachgedacht, und eine verneinende Antwort erhalten. blieb er schweigend noch eine Weile u^d ging dann. Nach feiner Entfernung machte ich mir Vorwürfe über meine Unmiltheilsamkeit, und den inner» Diangen meines Herzend folgend, wollte ich ihm Nacheilen >md mich ihm entd.cken; allein eine unwiderstehliche Sch u hielt mich wie gefesselt zurück, da ich nämlich seinen kalten, nüchternen Verstand kannte und feine beißende i Sarkasmen fürchtete. Um alles in der Welt wollte iä nicht in seinen Augen alS ein Schwärmer gelten, dem feine lebhafte Phantasie irgend einen losen Streich gespielt denn daß er mir glauben sollte, daß ich den leibhaften 4 kann gesehen, der vor einigen Wochen verstorben war, b»S lag außerhalb der Grenzen der Möglichkeit — Ich b red also noch einige Tag« der Raub meiner Unruhe, da id nicht wagte mich demjenigen mitzuthei'en, der vielleicht irrz Stande wäre, mir Aufklärung zu verschaffen. Mein Freund hatte mich unlerdeß, ohne mich rS merken zu lassn, beobachtet, und da er iah, daß meine Beziehung zu k reiner ganzen Umgebung dieselbe wie früher blieb, kam e zu mir und fragte mich mit aufrichtiger Theilnahme n») der Ursache deS Kummer-, den er in meinen Mienen l,'e. Ec sehe, sagte er, daß ich an meinen früheren Sludi n keinen Gefallen mehr finde, baß ich alle Gesellschaft vermiede und auch zu ihm kein Zutrauen mehr habe; da a üffe ja etwas dahinter stecken.' — 3<to sah ihn ernst an und sagte: „Wenn Du mir versprichst, mich nicht zu v rfpolten und mich mit Deinen Sarkasmen zu verschonen so will ich mich Dir entdecken." Er versprach eS mir u rd ich erzählte ihm den ganzen Hergang der Sach,. Ec hü It Wort, enthielt sich aller Glossen und saß eine Weile nachdenkend; bann hieß er mich ihm das Aeußere deS M^nneS bis ins genaueste Dakar! beschreiben, auch den Sitz angrben, den er im Beth-Hamidrasch einnahm. AlS ich di,S gethan, bat er mich um einige Tage Geduld, da er gewiß fei, baß dies alles sich auf die natürlichste Weise au'klären lassen werbe; denn die Gesetze der Natur ständen tnadänderlich da und dir Vernunft und die Erfahrung wid rsprachen der Wiedererstehung der Tobten. Zch schüttelte weifelnd den Kopf und ließ ihn gehen. Einige Tage he nach kam er abermals, kein einziges Sterbenswörtchen vor der ganzen Sache, sondern von andern gleichgültigen Din« en sprechend. AlS wir fo ein Stündlein im vertraulichen C,sprach zugebracht, fragte ich ihn, in meinem Innern mir > im voraus weidend an seiner verlegenen Miene, wie eS denn mit der Lösung der Aufgabe stehe, bi, er so zuversichtlich vocar Sgesagthabe i Er schien aber gar nicht veklegen, sondern bat mich um ein wenig Geduld; nach einer Weile forderte er mich wie i>on ungefähr auf, mit ihm einen Gang durch daS Städtchen zu machen. Da ich feine Art und Weife kannte, merkte ich bald, daß er gegen mich etwas im Schild führe; ich ließ eS mir aber nicht merken, sondern folgte feiner Aufforderung. Auf dem Wege sah ich ein schalkhaftes, fast UnmerklicheS Lächeln um seinen Mund spielen, dachte aber: „Warte einmal, Du Schalk, Dir soll eS nicht gelingen, mich hinters Licht zu führen." Er lenkte meine Schritte -wichen die kleinen hölzernen Buden, und vor einer derselben hielt er inne und hieß mich den Mann betrachten, der an her Thür derselben uns gegenüderstand. Bei diesem Anblicke konnte ich mich eines Ausrufes der Ueberraschung nicht erwehren; «S war derselbe Mann mit der Laterne, der eine solche fatale Wirkung auf mich gemacht. Mein Führer sah mich mit einem komischen AuSdrucke im Gesicht an ^»nd sagte lächelnd: „Siehst Du, daS Gespenst, daS Deiner Vernunft daS GarauS zu machen dkvhle, eS steht in seiner Bude und verkauft ganz ruhig Pfeifen, Messer, Zwirn und Nadeln, und^bas bei ganz Hellem, lichtem Tage. Dieser Mann heißt Mopfche Lipetz,. er hat im Beth-Hamivrasch seinen Sitz nahe an derjenigen Stelle, wo der Verstorbene gestanden, und als Dein Schwiegervater mit dem Finger nach der Stellehinzrigte, irrtest Du Dich in der Person und dies kleine qm pro quo war es, daS so gefahrdrohend für Dein jugendliches Streben gewesen. Gott weiß, welche Tragweite dieser Zufall für Dich gehabt hätte, wenn sich nicht glücklicherweise alles auf die natürlichste Weife aufgeklärt hätte. — Nicht wahr", sagte ernst mein Freund, mit mir unseren Weg ^ortsetzend, „die Vernunft ist doch göttlichen Ursprungs und die Gesetze der Natur stehen fest nach der weisen Einrichtung, die ihnen der Urheber deS Weltalls gegeben, zu dem wir auch unser Her; voll Dankgefühl erheben wollen, daß er unS nach feinem Ebenbilds geschaffen und den göttlichen Funken seines eigenen JchS in uns gelegt." Wir waren unkrrdeß in der Kolonie angelangt; ich blieb bei S. die Nacht. DeS Morgens lasen wir im Manuskripte sein Werkchen ntrx'p, und ich nahm dann Abschied, mir Glück wünschend zu einer solchen köstlichm Bekanntschaft, die mir jetzt, nach 16 Jahren, vergönnt war zu erneuern. Bei meiner letzten Anwesenheit in Ziromir halte ich die Freude, Herrn S. nebst den Seinen zu sehen. Die Aufnahme war eine der herzlichsten und wir widmeten Stunden der Erinnerung alten Be» tannvn, und auch dieser soeben erzählte Vorfall stieg im Hintergründe meiner Seele auf und er schien mir geeignet genug, über den Bildungsgang einer so undezweifelt bedeutenden Persönlichkeit, wie eS unser S. ist, einiges Licht zu werfen. Zch behalte mir vor, an einer andern Stelle über seine jetzige Stellung und Wirksamkeit Bericht zu erstatten. Die Juden in Hildesheim gegen En de des vorigen Jahrhunderts. Prof. Wachsmuth in Leipzig, geboren zu HildeSheim (1784), hat in ferner vor kurzem erschienenen „Geschichte von Hochstift und Stadt HildeSheim" die Zustände dieser