Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 41 (1863) · p. Seite 163

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
41 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4908862-5999384-6026620--2532-4910874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-j- 163 Aus dem Leben CH. S. Slonimski'S, mitgetheilt von Leon Mendelsburg in Nowogradwolinsk. <Sor1ietz«u«.) Ich glaubte, der Manu wolle mich um die 5 S.-R. prellen, und konnte mich nicht enthalten ihm zu sagen: „Nach dem, «at Sie soeben vernommen, wäre edoch von meiner Seite mehr aleinfältig, Ihnen Glauben beizumeffen". Der Mann schien abersich nicht im mindesten durch das ihm bezeigte Mißtrauen beleidigt zu fühlen, sondern dethruerte mir, daß sein eigentliches Geschäft sei, fremden Leuten Pässe zu verschaffen, und wenn ich bezüglich seiner Redlichkeit Zweifel hege, so möge ich mich in dieser Beziehung beim Eigenthümer des Ladens erkundigen. Als ich kziesen letzter» zu mir herauSrief und ihm baS Anerbieten des Mannes erzählte, sagte er mir: „Mich nimmt nicht Wunder; Sie kennen, mein Lieder, die hiesigen! Zustände sehr wenig; bei uns ist der gerade Weg der schwierigste; auf Schleichwegen erlangt man eher alles. Versuchen Sie eS noch mit diesem Manne. Ich kenne ihn, es ist kein Betrüger"'; und an diesen sich wendend sagte er. „Sie haben bei mir die 5 S.-R zu fordern, sobald Sie den Paß bringen." Ich übergab ibm zu diesem Lehufe die nöthigen Documente, und er ging. „Es-wird doch ein wahres Wunder sein", sagte ich zum Kaufmann«, „wenn diesem Männe das gelänge, was meinen Protektoren nicht gelingen wollfe". „Das zeugt von Ihrer Unkenntniß hiesiger Verhältnisse. Der Hebel von allen Dingen ist vier das Geld, und dieser Mann versieht deN Nagel auf den Kopf zu treffen; baS ist die' einfache Lösung dieses RälhfetS." — Und richtig, den anoern Tag kam der Mann und reichte mir mit triumphirendec Miene den Paß hin, worin der Aufenthalt in Petersburg mir in gesetzmäßigster Form verbrieft und versiegelt war. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun als zu meinem GönNer. dem Professor, zu gehen, um mich bei ihm zu verabschieden, da ich sogleich abreisen wollte. Der würdige Mann fragte mich wohlwollend, ob ich nach Warschau zurückgehe. L£> nein", sagte ich, „ich reife nach Petersburg". „Ohne Paß?" Ich hielt ibm meinen Paß bin. Der würdige Gelehrt« bestcht^te das Siegel, die Unterschriften und sagte mit verwunderwm Ausdrucke im Gesichte: „Durch welches Wunder ist Ihhen diegelungen?" Ich erzählte ihm den Hergang der Sah»e. „Mein lieber S.", sagte der Professor im herzlichsten Toste, „ich muß Sie bitten, vor Ihrer Abreise mich noch einnßal zu sprechen, ich will unterdessen für Sie ein Empfehlungsschreiben an N. in Petersburg auSfertigen." AlS ich wieder kam, sagte mir der würdige Mann, indem erimir den Brlkef barreicht«: „Ich konnte mich unrerbeß nicht e.rha't.n, bhn Secretar des Gouverneurs, der mir trotz meiner dringenden Bitten eine abschlägig, Antwort gab, indem, wie er meinte, der Wortlaut deS Gesetzes dem zuwider sei, um di, Lösupg dieses RäthselS zu bitten. Hören Sie, wie der Mafla sich heraushalf: Da er in Erfahrung gebracht, daß Sie ein« Rechenmaschine verfertigt, so glaubte er ßch im Rechne, auf Grund deS Paragraphen, der bei Künstlern eine Aufnahme macht. Ihnen einen Paß zu gewähr«, indem Sße seiner Ansicht nach zu dieser Kategorie zählen. — Unter diesem Gespräche waren wir unterdeß an den gelangt, und da die Heerstraße sandig war, stchlug ich vo, einen Fußsteig im Walde rinzuschlagen. S. fragte mik, ob ich auch deS Weges kundig sei, damit wir nicht voi I 2 ege abirrten. Ich sagt«, daß ich sehr oft de- Nachtdiesen 3 ald zu , passirey pflegte. „Und Sie hatten niemals Fl rchtk" fmgre er. „Wessen hätte ich mich zu fürchten?" er, »iderte ich; „von Raubanfälle« hört man hier nicht, urb vor Gespenstern habe ich längst aufgehört mich zu fü> chten, ob mir gleich meine Melammed sehr eindringlich ein>uflößen pflegte, baß es deren ganz« Legionen gäbe, die sict sogar unter den. Nägeln des Menschen einnisten." Ua» ver ehenS waren wir also zu einem sehr interessanten Gespräch gel ngt. nämlich über den Aberglauben. S. sagte: „Merkwü 'big ist es allerdings. daß der Aberglaube ebenso al^ vie! eicht noch älter ist alS^er Glaube, indem man bei beq wil »esten Völkern Asiens,^Afrika- und Amerikas den Glauben an Dämon« »nd andere Firlefanzereien ebenso auSgeb ldet vorstndet als bei den civilifictrsten Nationen Europas " „Es ist gar kein Wunder", meinte ich, „Spinoza fag> : der Aberglaube ist eine Folge der Furcht des Menschen; da »der die Furcht zu.d«n psychischen Eigenthümlichkckten der Seile zählt, gehört also auch gewissermaßen der Aberglaube zu. den Ingredienzien beS Menschlichen Geiste-, er mag aufnoch fo hoh» Stufe der Intelligenz stehen; und wirtlich, fikden wir nicht bei den größten Geistern de- Altenhumwie der Neuzeit, von Sokratebi- 1-ölhe, von Alexander dem Gri ßen bizum größten Imperator deS neunzehnten IahrhunrerlS, eine großem Dosis desselben?" „Sie lassen sich, wie ich merke," sagte S. zu mir, „ein Hinterthürchen offen, fallt ich Sie heute auch bei einem gute» Maße von Gest «nsterfurcht ertappen sollte." „Wir wollen sehen, ob eS Ihnen gelingen sollte", entgegnete ich, und als wollte der Zufall S. zu Hilfe kommen und meine Unerschrockenheit auf di« Probe stellen, hörten wir mit einem Male wie das leise Wimmern eines Kindes vom Dickicht des Wa>deS zu unS herüdergelangen. Wir hielt« inne ^pd höret len auf. Daleise.Wimmem wurde immer lauter, und endlich brach «S in eins so laut«- Klagen und Jammern aus, baß ich wirklich stutzte. S. schien mit seinen Feuerblick«!l daS Dunckel des Waldes durchbringen zu wollm, um, wie e» schien, auf meinem Gesichte zu lesen, ob auch FurS t auf demselben' ausgeprägt. —' ‘ ich aber machte eine Wendung und ging eilmd« Schr tteS nach der Richtung hin, woher das Jammem kam, um nachzusehen, was wohl di« Ursache dieses Klagegetönl sein mochte. Kaum hatte ich mich zwaaztz Schritte von ihm entfernt, als S. mich mit lachender Stimme zurüc rief und sagte: „Merk« Sie denn nicht, baß e« die tagend^ Stimme einer Rachteule sei? ich habe sie in Men. gerien sehr oft vernommen. Dieser Zwischenfall", fügte er nach einer Weile hinzu, ^erinnert mich an einen Börse ll in meiner Jugend, der fass «inen verderblichen Eiafli ß auf meinen ganzen Lebensgang gehabt und beinahe meine a Geiste eine diametral entgegengesetzt« Richtung von derjen gen gegeben hätte, die er jetzt genommen." „s kach Brauch und Sitte unserer hiesigen Glaubensgenosse wurde auch ich noch sehr jung nach Z. verheiratlu.l. Ich I im in daS Haumeine- Schwiegervater-, der mich mit"2I«m Lrden-bebarf versah, wofür ich den unausgesetztest« t Fleiß dem Talmubstudium widmen maßte. Der Talrn« d war bi-jetzt die einzige Quelle, bi« meinem Geiste Nähr» ag darbot. — All die geistigen Errungenschaften unsrer Religioa-philosophen der spanischen Schulen warm für itzich eine terra ioeogoita; dennoch trug ich einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.