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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 41 (1863) · p. Seite 164

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
41 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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— 164 — unwivirstchlichen Trieb nach höherem Wissen in meinem Busen; ich ahnete so zu sagen iastinktmä ig die Berechtigung der göttlichen Vernunft, alle geistigen Fragen vor ihr entscheidende- Forum vorzuladen und ni t>r-' alles unbedingt hinzunehnsen, waS man so sehr dem, ht gewesen mir aufzufchwatzen; allein ohne Lehrer, ohne Buch -r w o solUe ich eine Quelle finden, meinen Wissen Durst zu stillenk Gie wissen ja selbst, baS Lernen der Bibel m t den Commentaren ist bei uns verpönt. Da wollte es mein glückliches Gestirn, daß ich in Z. mit einem jungen Manne bekannt wurde, der, einige Zahre älter alS ach, bereits mit den Werken eines Maimuni, Alba, Bechai und rnderec vertraut war. Bald erschloß er mir diese Schatze de i Wissens, una mir gingen die Augen auf; eine völlig neue Ideenwelt erschloß sich mir. eine Welt voll Lichtglanz, n dessen Strahlen Glaube und Erkennrniß, Gefühl und V ernunft in har, manischem Einklänge sich sonnten. Mit je! em Tage schüttelte ich immer mehrere von den laufend T orurtheilen und Phantasmen ab, die man so sehr -bestrebt gewesen meinem jugendlichen Gemüthe einzupragen. — (:ia ungeheurer Gährstoff häufte sich in meinem jugendlichen Geiste, und ich batte vollauf zu thun, diese Masse »on Ideen über Gott, Welt und die Bestimmung des Menschen pi-sichren, zu ordnen und in mir zu einem-einheitlichen Ganzen zu verarbeiten. Dies alles mußte ich aber, wenn ich nicht meine ganze Eristenz gefährden wollte, in mir verschließen und vor den Arzusaugen meiner Umgebung verbergen. Die Verketzerung ist bas traurigste Lo>S,. daS einen Feste decoeirt, die Mehrzahl der (übrigens nur Ifi—20 Mitjungen Mann in meinem Alker und meiner La;e treffen konnte. i glie&rr zählenden) neustettiner Turnerriege bestand auS Sie ist um so verderblicher, als sie, auS unserer eigenen! Juden; in dem Festzuge bemerkte man als mitaufziehende Milte ausgehend. mitallenWaffendeSFanari lmuSkämpfr, — Turnfreunbe außer einer Anzahl Gymnasiallehrer fast nur und am unversöhnlichsten ist. — Nur null junger Freund, r Juden. Die Betheiligung von seiten der hiesigen Bürgererlaube, eS zu thun. Er gab mir einen gelinden Verweis und sagte, mit dem Finger nach der Stelle hinzeigend, wo jener saß: „Merke dir den Mann da und suche dir Gelegenheit, seine Bekanntschaft zu machen; du wirst eS sicherlich nicht bereuen, denn niemand wie er wird im Stande fein, die schwierigsten Stellen deS Talmuds dir aufzuklären". Ich merkte mir recht gut den Mann, der in der vordersten Reihe, in den Talitb gehüllt, mit ernster, nachdenkender Miene dafirß, und versprach dem Willen meines Schwiegervaters zu folgen. Es vergingen indeß einige Tage, ohne baß ich Wort gehalten, da ich kein großes Gewicht auf diese Empfehlung gelegt; da kam der Schwiegervater nach Hause und erzählte mit besorgter Miene, daß besagter Zankel Schanker erkrankt fei. Diese traurige Nachricht erregte die aufrichtigste Theilnahme des Städtchens und machte auch einen tiefen Eindruck auf mich, und ich nahm mir vor, ihm einen Kranken-Besuch abzustalten. _ (Schluß folgt) Kuriosa. (Ein Turnfest und die Kreuzzeitung). Die berliner Aceuzzeilung singt folgendes komische Klagelied: Am vorigen Sonntag beging der Turnverein in Neustettin das (erste- Jahresfest. Das Eigenrhümliche an diesem Feste war nur, daß man eS als ein vorzugsweise jüdisches bezeichnen kann. Fast nur Juden hatten ihre Häuser zu dem mit dem ich umgehen durfte, da er alS ei > gewiegter Talmudist galt und fein Lebenswandel bei cllim freisinnigen Gedanken in Sachen der Religion streng orthodox blieb, wußte, welche Umwandlung mit mir vorg ng und welchen Umschwung die Ideen meines Geistes genommen. — Meinem Schwiegervater zu Gefallen mußte ich aber auch den unermüdlichsten Fleiß dem «tudium des Talmubr weihen, und selbst zur Winterszeit mußt, ich um 4 Uhr d,S Morgens jn das Beth-Hamidrasch eil, n, wo ich schon eine Anzahl Männer vorfand,' die sich unausgesetzt der Beschäftigung mit der Gesetzeskunde widmeten. Unter diesen letzter» empfahl mir immer mein Schwiegervater einen Mann, der, im vorgerückten Alter stehend, ai- «n großer Kopf galt und auch wirklich immenses t< lniudischeS Wissen besaß. Mit -diesem sollte ich nach 2 uoathen' meines Schwiegervaters bekannt zü werden suchen, Damit er mir von den Schätzen seines großen Wissens mi tthrile. — Dieser Mann hieß Jankel Schanker. Ich sühnte aber sehr wenig den Drang in mir, diesem Rath« zp folgen, da ich genug zu thun hat», daS ungeheure D attrial, das sich mir in den philosophischen Religionsbüchern Dfirbot, zu vexarbeiken. AlS mich einst mein Schwiegerväter während der Zeit des Gebetes in Belh-Hamidrafch fragile, ob ich seinem Rathe Folge geleistet und m,t jenem Inbegriff der talmudischen Wissenschaft bekannt gewordei jri, verneinte ich die Frage, indem, wie ich vorgab, mr Pie Zeit nicht schafr war eine äußo^ schwache, weil unsere Bürger nicht gesonnen find, an Der Leine derjenigen Personen zu laufen, welche wie die Begründer, so auch die Leiter deS hiesigen Turnvereins sind und über deren politische Bestrebungen hier nach mannichfachen Vorgängen kein Zweifel mehr sein kann. Wurde doch auch wieder daS Turnfest benutzt, um fortschrittliche Propaganda zu machen, durch Verbreitung eines Flugblattes, welches die gröbsten Lügen enthält und zur Opposition gegen das Ministerium auffordert. AlS ein Curiolum ist noch zu erwähnen, daß von den am Sonntag Mittag auf dem Markt Versammelten der erste DerS deS LiedeS: „Ein' feste Burg ist unser Gott" gesungen wurde, — man denke, von einer Versammlung, die zum Theil auS Juden, zum Theil auS Leuten bestand, die selten oder nie in eine Kirche kommen.». (Oidask.) Allgemeine Zeitung veSJu denk bums. No.40. Inhalt: Leitende Artikel: Ein Blick auf die bayersche Ministerial-Verordnung vom 28. Juni d. I. — Spenden-Liste für die Rießer-snfmng. — Ueber die Stellung und Wirksamkeit der Rabbineu im Mittelalter, nebst einem RabbinatSbriese aus dem 16. Jahrhundert. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deut sch land: Würtemberg, Leipzig. Aus Bayern. P r e u ß e n: st önigsberg, Breslau. Neustettin. OesterrekchischerSaiserstaat: Prag, OSwiecim. Gchwei; - Endingen.-Großdrittannien: London. Rußland:Warschau. Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thaler. B« ca^twonlicher Redäctem G. Fritzfche. Brrlag von Ba n n^gL r 11 e rj’i Bnch Handlung ik Leivlig- — Druck von <&, ffr«o f ir i;i / i

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