Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 41 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 162 — der besten Glaffil« in den europäischen Haup sprachen, auf dem Schreibtische Papier und Schreibzeug, ir einem Nähschräntchen der Bedarf zu weiblichen Handa deiren. Als ich ein Fenster öffnete, gewahrte ich, daß die Zimmer nach dem Tarten gingen; ein Strom frischer, krä ligender Luft quoll mir entgegen und der Mond war auf «gangen und warf sein silbernes Licht durch die durchdroch nen Wolkenndigste geordschichten. Nicht lange, und ich hatte das Nothw« net. mein Licht auSgelöschr und mich zur £tub< begeben, die ich, trotz der übermäßigen Ermüdung unC der Neuheit der Umgebung, bald und in vollem Maße fa >d. Ich beschreibe Dir dieses so ausführlich, veil Du daraus mehr alS aus vielen Worten den Chakakrer meiner nruen Lebensstatt« erkennen kannst. Wie es r fich am ersten Abend berührt hat, so fand ich eS auch am Indern Tage. DaS ganze HauS ist einfach, aber mir einem ausgesuchten praktischen Takte eingerichtet. Nichts ist gebart, um eS bequem und angemessen;u machen, alles ab« j, was Luxus und unnöthigen Aufwand verrietke. Und si«werden hier alle Dinge behandelt. Ohne eine Sleifhri: wird doch alles mir größter Ruhe und in knappster We 'e vollbracht. Man Hort kein überflüssiges Wort, kein un wkhigeS Geräusch. Der Tisch ist mit guten, kräftigen -€ »eisen besetzt, aber von feinen Leckerbissen keine Spur. Es ist heute der dritte Tag, aber ich habe den Hern roftir noch nicht gesehen. ES kam die Nachricht an, daß e! noch einige Touren machen müsse und erst heute ein, festen werde. Ich gestehe Dir, daß mich die Erwartung mi> einer gewissen Bangigkeit erfüllt. Alle», was ich hier i «sehen, flößt mir großen Respekt vor ihm rin, aber auch! eine gewisse Furcht, einem abgeschlossenen, zurückweisend. |t Charakter zu begegnen. Es würde mir dirS nicht «nai genehm sein, denn wie ich mich kenne, haben die traurigen «Erfahrungen meines Lebens mein Herz noch immer nicht verschlossen gemacht, daß e» sich nicht' dem Entgegenkommenden allzu leicht eröffnet». Aber einem gar zu streng pri senden Blicke trete ich doch nicht gern entgegen. Zahle ft) doch erst fünfundzwanzig Jahre. : Am andern Morgen offnere im Laufe deS 4 ormiltagS der alte Diener die Thüre meines Zimmers und Zeß die beiden Mädchen herein, deren Erziehung und Unlerric« der Inhalt meiner nächsten zukünftigen Jahre fein soll. S heißen Anna und Luise, die eine dreizehn, die andere zebn Ja! be. Der erste Blick agf sie zeigte mir die ganze Berschi denheit ihres WeienS. Die altere ernst, ruhig, gemessen, meh -alS rS ihrem Alter ziemt; die andere lebhaft, zart, voll Em, sinduns. Ich nahm sie beide sofort auf,, wie sie mir ecschie stn, emst und würdig gegen dir ältere, freundlich und mit lie fvollem Blick für die jüngere. Ich weiß, daß meist im ststen Augenblick« sich der ganze Faden anknüpft, den die folgende Zeit fortfpinnt und befestigt, und der Fehlgriff b-r ersten Begegniß wird spater nur mühsam ober gar nicht verbessert. Ohne «ine eigentliche Prüfung anzustellen, wüßte ich doch auS meinen Zöglingen bald den Stand ihres Wissen» und FühlenderauSzulocken, und die Leichtigkeit, n« der ich dievollbrachte, schien Anna zu überraschen, Luisen auffreundlichste zu berühren. Die erster« .schien ein sole meS Examen erwartet, die ketzere die» gefürchtet zu haben Ich fand, daß di« altere viele- und mit großem Fleiß« gelernt habe, daß eihr aber an einem Zusammenhänge unt an wirklicher Auffassung fehle, wdhingegen die jüngere in hrem Wissen überall lückenhaft war, aber mit geschäftiger Einbildungskraft alle» verband und zujammenschod und so in dem Wenigen mehr heimisch war als 'ihre Schwester in der Mannigfaltigkeit ihrer schon erlangten Kenntnisse. Es lag mir ob, alSbald in die Beschäftigung mit ihnen einzutrtlen, denn da» Wetter war so rauh und ungestüm gewordm, baß wir das HauS nicht verlassen konnten. Die» war aber eine Schwierigkeit; denn nichts ist bei einer häuslichen Erziehung nothwendiger, als von Anfang an eine feste Ordnung herzustellen. DieS vermochte ich aber nicht, bevor ich mit dem Datee gesprochen und die Ziele und Melhol den kennen gelernt, die er für seine Töchter beabsichtigt. ' Insbesondere ist mir diein religiöser Beziehung dadrin-! gendste Bedürfniß. Ich brauche Dir nicht erst meme Gesinnungen und Ansichten hierüber auseinanderzuse^en. Wir! stimmen hierin ja so ganz überein. Ich kann mir keine; Erziehung ohne religiöse Grundlage denken. Avec eS kommt darauf an, dem kindlichen Geiste die Religion als die*ernste uud liebevolle Mutter, welche viel giebl, aber auch viel verlangt, darzustellen und Achtung vor ihren Lehren und Liebe zu ihren Tröstungen zugleich einzuflößen. Da halte ich eS aber auch für nothwenoig. daß die Religion dem Kinde in frommen Gebrauchen und Satzungen enlgegentrere, denn das Kind vermag nicht den bloßen Gedanken, in Worte gefaßt, lange kestzuhalten und sich dafür zu erwärmen. Auch die Religion muß ihm in verkörperter Gestalt erscheinen, dies aber nicht in abschreckender .und geschmackwidriger Gestalt, sondern einfach, erhebend und voll inncrn Reize». Welche sind aber nun 4ie Ansichten de» Dakers hierüber i Daß in dem Hause, wie ich oberflächlich bemerkte, auf jüdische Küche gehalten wird, belehrt mich hierüber nicht. Es geschieht die» jetzt in vielen Häusern nur aus Konvenienz für Verwandte, für Gewohnheit und einmalige Einrichtung. Einen Sabdath! habe ich hier noch nicht erlebt und die Morgen- und Abendstunden der Kinder sind mir noch entzogen. Ich soll . erst durch den Varer in den ganzen Umfang meines Am- I teS eingeführk werden. Nach Tische verrichtet abwechselnd > eine» der Kinder ein kurz«» deutsches Gebet. Nun aber ist meine Ansicht, daß der Erzieher oder die Erzieherin zwar hinsichtlich der ReligionSlebce nur der eigenen Ueberzeugung, dem eigenen Geiste und Herzen folgen muß und die ganze Wärme der Empfindung in die kindliche Seele I hinüderzuleiren streb«; aber was Brauch und Satzung; betrifft, müssen wir unS den Ansichten der Eltern ander : qiiemen, damit wir nicht"einen Widerspruch und Gegen» j s.H zwischen dem Unterricht und dem Hause, zwischen Lehre und Leben in die kindliche Seele werfen, ein Widerspruch und Gegensatz, der nirgends gefährlicher ist al» auf dem religiösen Gebiete, in der Regel mit der Niederlage der Lehre endet und in außergewöhnlichen Fällen nur die Miß- E achrung und Verurtheilung der Eltern seitens ihrer Kinder ' zur Folge har. Du kannst also denken, theure Freundin, ' wie ich der Ankunft meines Brotherrn entgegenfehe. Doch halt ... Ich muß schließen; eben fahrt der Wagen de» Herrn Doktor» in den Hof. Lebe wohl, geliebte Seele! In den nächsten Tagen hörst Du mehr von mir. (Forts, folgt.)