Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 40 (1863) · p. Seite 159

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
40 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4908862-5999384-6026619--2527-4910870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bekannt zu werden? Dean am alle« ln der Welt möchte ich nicht ln felnea Augen anfdriagltch scheinm", fragte wieder der Aeltere. „Man sieht. Du kannst Dich, mein Lieber, noch Immer nicht de« unangenehmen Eindruck-erwehren, den jener schnöd« Empfang auf Dich gemacht. Ich sagte Dir ja, daß von einem Scheine von Aufdringlichkeit bei ihm gar nicht die Rede fein kann, da Anspruchslosigkeit und liebenswülrdige« Auvorkommen gegen jedm ohne Ausnahme ihn vor sehr vielen Gelehrten auszeichnen. Uebrtgm«", fügte er nach einer Weil« hinzu, „wmn Du so scrupulöbist, wollen wir eeinem günstigen Anfall Überlaffen, Dich mit ihm zusaa^meo» zuführen; ich für meinen Thell werde suchen, die kurze Frist, die mir noch gegönnt fein wird hier zu bleidetz, zu bmutzen, um mich feine« näheren Umgang« zu erfteuen. Du weißt ja, ich verspreche mir davon viel»«." „Dein Entschluß steht also fest, Du gehst wirklich nach Rußland?" fragte der Aeltere den Jüngern. „Ich erwarte nur meinen Paß, um mich sofort avff den Weg dahin zu machen. Wie die Sachen hier zu jdieser Stunde stehen, werden wir sobald hier keine jüdtschm Schulen bekommen; dort ist e« ander«; dort öffne» sich ein großer Wirkungskreis jedem'sich bildenden Jüngling«. Die reformatorischen Plane der dortigen Regierung Erstrecken sich nicht allein auf Tracht und Lebensweise upserer älter» GlaubenSbrüder, sondern auch auf den Unterricht und die Erziehung der Heranwachsenden jüdischen Generation, welches, wie Du wohl weißt, bei der Verjüngung und Regeneration eine« durch den EhaffidiSmu« so verkommenen Volke«, wie da« unfrige, doch die Hauptsache ist; dazu will ich auch Mitwirken. Ich habe mich einmal dem Mehrfache gewidmet. Wenn auch meine Kräfte für jetzt' mir keinen Anspruch auf einen größer» Wirkungskreis gfden, so will ich doch suchen im Kleinen zu wirken und nützlich zu fein". Und mit einem abermaligen Händedruck schieden die beiden jungen Leute von einander. — , Der geneigte Leser, der die Rubrik diese« Aussatzes wahrgenommen, wird wohl bald gemerkt haben, daß der Mann, über dessen baldig«-Ankunft zwischen den jupgen Leuten ein so eifrige« Gespräch stattfand, niemand ander« als Herr Slonimski ist, von dessen Niederlassung und.Ansiedelung auf der jüdischen Kolonie Jakvdow, nicht fernlvon TomaSzow, einem Fabrikstädtchen im Gouvernement Marschau, di, Fama vorher berichtet hatte. Diese Nachricht hatte bei den sich bildenden jungen Leuten de« Ssädt» chen«, da« sich, beiläufig gesagt, vor seiner Umgebung durch größere Bildung hervorthat, indem die Familie Heiljprin stet« bemüht gewesen, Bildung und Austlärung daßldst zu verbreiten, di« freudigste Sensation hervorgebfacht^ — Oie Eifrigsten derselben erwarteten den Tag seiner Ankunft mit großer Spannung, da der Name S'«. nicht allein!von einem Nimbus des Ruhme« umgeben, fonbern auch 'mit > allen höheren Begriffen von der Gottäynlichkeit de« Men«! fchen verknüpft war. Den belehrenden Umgang eine-,sol» | chen Manne« zu genießen, war der eifrigste Wunsch vieler! Gebildeten; vorzüglich war ber Jüngere von den vorge- , führten Personen, der sich'nach Rußland d,geben wollteXdrr Schreiber diese«), sehr gespannt auf dessen Erscheinung, die er, abgesehen von dem geistigen Gewinn, den erifich von einer solchen Bekanntschaft, wenn auch nur auf fftrzr Frist, versprach, sich auch bei S. über bi, Verhältnisse i ber russische» GlaubenSbrüder, mir benen derselbe vertraut war, Belehrung zu holen gedacht«. — E« waren kaum acht Tage seit diesem Gespräch« verstrichen, al« mein Later mir die freudige Botschaft brachte, daß S. mit feiner Familie bereit« in ber Kolonie «iagetroffen; und, fügte er hinzu, hntte Nachmittag kannst Du seine Bekanntschaft machen, da er beim Kaufmann S. zum Thd« geladen ist. — Mit großem, spannendem Interesse tra^ ich m den kleinen Airkel, ber ihn umgab. Seine ganz« Erscheinung machte den wohlthuendßea Eindruck, da auch seine äußere Persönlichkeit zu den anziehendsten gehört. —! Er stand noch in den besten Jahren; sein starke« Haar wai noch nicht gebleicht, sondern floß schwarz und glän» zeiw über Hals und 92<ufen herab. Er erzählt« von den großartigen Wundem London«, die er au« eigener Anfthaaung kennt, indem er dort einige Zeit geweilt hak, um, wmn ich mich recht erinnere, im Aufträge der Regierung mechanische Studien zu machen. — Alle« lauschte aufmerksam dem schönen Redefluß, der in hinreißender Beredsamkeit uns die großarttgstm Wunder der brltifchm Metropole erschloß. Alle« war bezaubert von deir tief dunkeln Augen, die Blicke voll Intelligenz und Geist sprüheten. Ueder dem ganzen Antlitze lag der hohe Stempel ber Genialität, verbunden mit der anspruchslosesten Lieden«würbigkeit, die, unbewußt de« Eindrucks, dm sie.auf die Hörendm macht, sich ganz hingiebt ohne Berechnung auf Effekthascherei. — Die Schilderungen waren so klar, so präki« gegebm, daß jedes Bild, jede mechanische Einrichtung, all di« wunder-arm Bauten wie ein lebendige« Panorama vor unserem geistigen Auge standen. Welch ein Unterschied zwischen einer solchen ledmdigm Darstellung von einem wahrhaft deredtm Munde, und der Darstellung de« tobten Buchstaben« —! Da ich früher manche« über sein Leb« gelesm hatte, benutzte ich eine Pause und richtete an ihn einige Fragm, fein erste« öfentliche« Auftreten betreffmd. Er erzählte mir unter anderm. folgenden charakteristischen Aug von einem der Männer, die damals bei unan der Spitze der Bildung standen. — Alä er feine Rechenmaschine verfertigt, " begab er sich zu demselben, da er tm Rufe großer Gelehrsamkeit stand, um feine Meinung zu hören. Nachdem er ihm die mechanische Einrichtung derselben erklärt, setzte er ihm da« neue von ihm erfvndme Zahlensystem und die Kombinationen auseinander, vermittelst deren die Aufgaben gelöst werden. S. stand gespannt auf jene« Urtheil. Man stelle sich aber die Uederraschung S'.s vor, al« der hochgelahrte StaatSrath mit streng ernster Mime sagte: nasch slschot latsche (unser Rechenbrett ist besser). Er meinte da« unter den rusfischm Kaufleutm übliche Rechenbrett (dessen Einrichtung eine einfache ist und vielm meiner Leser bekannt sein dürfte). Wir lachten recht herzlich über diese naive Unwissmheit, die an sich selbst solchen Gefallen findet. — So saßen wir lang« und wurden nicht müde, all die pikanten Erzählungen, die er so geistreich und mir so vielmt Humor gewürzt zum besten gab, anzuhören. Unlerdeß < war der Abend hereingebrochen und S. stand vom Sitze .auf und sagte: J3« ist sehr spät und ich.habe noch bi« auf dl« Kolonie mehrere Werste zu gehen; dazu geht mein Weg durch den Wald." Der Wirth de« Hause« bedauerte, feine Pferde nicht, zu Hause zu haben. Ich sagt«: „Sie thätm, Herr S.. gut „wenn Sie einen Begleiter dahin mitnähmm." „Der wird wobl schwerlich zu finden sein," ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.