Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 40 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 160 — setzte er; allein ich bot mich ihm zu einem solchen an/da ich auf derselben Kolonie einige Zeit beim Gründer derselben, Herrn Silber, Hauslehrer war und diesen Weg selbst spat in der Nackt allein zu macken pstegre. — Rach herzlichem Abschied machten wir unS auf den Weg. Die Nacht war finster, nur das Flimmern der Sterne warf einiges Licht auf unseren Tang. Bis zum Walde, der nur aus Fichten besteht, harten wir eine gute Strecke Weges DU gehen; der Boden war sandig, die Luft warm. Wir schritten langsam vowäcts, anfangs in Schweigen versank«. Ich war bei der so unverhofften nahen Berührung mir S., gegen den ich die tiefste Verehrung fühlte, den meine letchafte jugenLlicke Einbildungskraft von jeher mit einem solchen Gloriescheine ungad, von einer solchen schüchternen Befangenheit ergriffen, — baß ich anfangs keinen Anhaltspunkt zu einem ernsten Gespräche finden konnte. Nach und nach jedoch verlor sich meine Schüchternheit und ti gelang mir, den unterbrochenen Faden der vorigen UnterhSltung wieder aufzunehmen, und ich erzählte ibm, daß ich gewillt sei nach Rußland zu gehen, um bei der Eröffnung der Schulen daselbst eine Lehrstelle zu erlangen. „Wann gehen Sie?" fragte er mich. „Ich erwarte nur meinen Paß, um mich alfodald auf den Weg dahin zu macken." „Ihr Paß erinnert mich an eins meiner früheren Erlebm'sse daselbst," sagte S. „das für Sie belehrend sein wird und auch geeigncr ist, einige« Licht auf die damaligen Verhältnisse daselbst zu werfen. Im Jahre 184... kam ich npch W., um mir einen Paß nach Petersburg auSzuwirken. Da die damaligen Verordnungen dem Aufenthalte der Juden in den Residenzen unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legten, harr« ich die Vorsicht gehabt, mich mit eindringlichen, gewichtigen Empfehlungen von manchecki» der gelehrten Welt hervorragenden Persönlichkeiten Darschaft'- an hochgestellte Beamte und einflußreiche Gelehrte W.'S< zu versehen. Voll Hoffnung kam ich nach W. und hattt bald! die Empfehlungsschreiben an die Adreffatrn abgegeben. UthrtaU empfing m;n mich human und zuvorkommend, mir Beistand zur Erlangung meines Zieles verheißend, welches damals keine io leichte Sache war, da ich weder zum Kaufmannsstande noch zu., dem der Künstler, bei denen die Gesetz« in manchen wichtigen Fallen eine Ausnahme zu machen pflegten, zählt«. S-c können sich aber meine Niedergeschlagenheit denken/ als ich nach vielem Herumlaufen bei den Gelehrten und Anrichambriren bei den Herren Civilbeamten eilst zu einem meiner ivNrivsten Gönner, einem Professor, mit den «influßrcecksten Beamten befreundet war, ka« und dieser mir mir großem Bedauern eröffnet«, daß er beim besten Willen mir eine Gewährleistung meines AnflrchmS nicht verschaffen könne, indem der Secretar des GouviemeurS ihm erklärt, daß der buchstäbliche Sinn des Gesetzes keinen Anhalrepunkr barbiere, dem zufolge mir ein Paß bewilligt werden könnte. — Ick haue auf meinen Aufenthalt in Petersburg so viele Hoffnung gefetzt, ich wollte ^meine ganze Zukunft darauf gründen; und nun, nach so viieler Mühe, nach so vielestr Zeitverlust, scheiterten alle meine'Plane und Aussichten an diesem einzigen Hindernisse. Entr^uthigt und niedergeschlagen kam ich daher abends zu einem : irir bffreun« beten Glaubensgenossen, der mir aber kein« ordern Trost zu bieten vermochte, als daß er meinen Kummer herzlich theilte. Tages darauf kam ich in dessen Laden mit mehrerm gesetzeskundigen Glaubensgenossen zusammen, und wir bechrachen gemeinschaftlich diesen Fall. Alle behaupteten eihstimmig, daß hier nichts zu machen sek, da der buchstäbliche Sinn des Gesetzes nicht umgangen werden könne. Als ich, durch diese einstimmige Meinung hoffnungslos gemacht, über meine Lage nachdenkend mich in einen Winkel deS Ladens zurückzog, näherte sich mir ein ziemlich ärmlich gekleideter Glaubensbruder, der bisher, von uns unbemerkt, an der Thür gestanden und unserm eifrigen Gespräche zugehört hatte. AlS ich ihn ftagte, waS fein Begehr fei, gab er mir mit geheimnißvoller Miene einen bedeutsamen Wink, ihm außerhalb deS Ladens zu folgen, dem ich sogleich Folge leistete. Der Mann sagte halbflüsternd: „Wie ich eben gehört, haben Sie sich vergeblich um einen Paß beworben; gehen Sie mir 5 S.-R. und Sie sollen binnen 24 Stunden einen haben." Der Mann mochte in meinen Blicken, mit denen ich ihn ansah, meinen Zweifel lesen und fügt« in einem versichernden Tone hinzu.: „ Fürchten Sie nichts, er soll völlig gesetzmäßig und gültig sein." (Forts, folgt.) Kuriosa und Notizen. Die „Presse" erzählt auS Frankfurt a. M.: „Der Baron Rothschild*), seines streng orthodoxen Verhaltens den jüdischen Gebräuchen gegenüber bekannt, sei am Tag« der Ankunft beS Kaisers, die auf einen Sadbath fiel^zu Fuße auf den Bahnhof gegangen und habe sich die Uniform eines österreichisch« ConfulS durch einen Diener nachtragen lassen. (Der frommt Jude fährt nämlich nicht am Samstag.) A»f dem Bahnhofe erst habe sich der Baron umgekleidet, weil er nicht in solcher Tracht durch die Stadt gehen wollte. Ebenso habe er sich bei den Banketten im Römer und beim Kaiser an die ritualen Speisegefetz« gehalten. Diese Umstände aber seien dem Kaiser bekannt und der Grund gewesen, warum nicht der Baron Rothschild, sondern der Baron Bethmann, der preußische Consul, dem Kaiser eine Föte gegeben. UebrigenS habe der Kaiser sichtlich jed« Gelegenheit benutzt, seine Gewogenheit dem Baron Rothschild zu beweisen. *) SS ist dies der bekannte Willy v. Rothschild. Allgemeine Zeitung desJudenthumS. Ro.39. 1863. Inhalt: Leitende Artikel: Dar Institut zur Förderung der israelitischen Literatur. — Ependen-Liste für die Rießrrstiftung. — Literarischer-Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Preußen: Berlin. Oester, reichrscher. Kaiserstaat: Herrmannstadt, Pesth, AuS Eteier. mark, TarlSbad. Rußland: Bon der russischen Grenze, Odessa. Arabien: AuS Armen. SP Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vieneljShrlich % Thaler. «fTlJ.a ora ^ixuiirt*-c.z' Berantiportlicher Rebackern G. Fritzfche. #86l«aMxaf is «cUftif. — Drsa »es 9. »revitag nt «cirjig.