Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 38 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 150 — an sprach, lieh man seinen kernigen, mir aocestrengter Aufmerksamkeir < damit er keinen Fchler m der Aussprache mache) ausgesprochenen Worten ein geneigt« l Obr; er war nicht mehr daS Thema der Gespräche, die äjelfcheide aller Witzeleien und bi« Ursache der Zerstreuung, denn eS entschwand ihren Augen der Mann einer ändert Rasse, welche man. weil man gewohnt war sie zu verach en, auch ohne Ausnahme der Verachtung werlh hielt; dies r Mann, sagen wir, verschwand 'gänzlich, und an dessen Stelle trat der wissenschaftlich bzfshigte Denker, der Gefährte geistig verwandter Männer. Der scharfe Verstand deS Herrn Stashitz hattk sich nicht geirrt, denn Ahraham Stern verdient: in jedem Betrachte seine Protection. In Hrubischow, einem im Lublinischen gelegenen Städtchens im Jahre 1769 von unvermögenden, rber durch ihre Redlichkeit wohlbekannten und geachteten < ritten geborr», zeigte er schon im lugendlichen Alter hervor« rgen'be Anlagen zur Mechanik und Mathematik. Zufolge dieser Anlagen, welche von einer unermüdlichen Acbeilsamke r und außerordentlichen Ausdauer inmitten immerwahrei der Hemmnisse unterstützt waren, schwang sich Stern duich Wissenschaft und Erfindungen hoch empor; aber wer vermag die immerwährenden Kampfe mit einem feindlichen Geschick um das tägliche Brod für sich und seine Famili zu schildern? Wer diese den Geist niederdrückenden Sorge,, diese Qualen langer schlaflos durchwachter Nächte» in denen die geschäftige Phantasie ihm irgend eine nützliche Schöpfung, daS Resultat hoher Begeisterung und wissensckafthchea FocschenS, voripiegelre, die aber im Leben aus Mangel an Mitteln nicht durchgeführr werden konnte? Allein von dem einmal eingefchlagenen Wege, von der Bahn, derlen Richtung er so.deutlich vor sich sah", vermochte nichlS nehr ihn abzulenken. — Gottesfurcht, Uneigennützigkeit und Nächtenliebe im weitesten Umfange standen bei S. auf gleiche Höbe mit seiner Arbeitsamkeit und SchöpfungSkrafk. B «m von denen, die. ihn persönlich kannten, ist nicht seine 2w: t zu dem Lande bekannt, das einst seine Vorfahren gastlich aufgenommen, da» er als fein wahres Vaterland verehrtet AlS man ihm die Bemerkung zu machen pflegte, daß er, venn er fremde Länder aufsuchte, sich leicht ein Vermögen H ttmittelst seiizer .sinnreichen Erfindungen erwerben könnte, enrgegnere ec: Daran denke ich nie; man würde auf d r weiten Welt sagen, baß Polen arm, oder daß eS eine shlechle Mutter sei, die ihren Sohn nicht ernähren kann cd r will. Nein! ich will nicht wie ern Gaukler meine Elfi idungen in der Fremde herum führen/ Verschiedenartig waren diese Erfindung:n, zu denen die bedeutende Verbesserung der Maschinerie der Uhren, der planimetrischen Triangel und das Wagelklen zum Planabnrhmen, das zu seiner Zeit in Gegenwart der Fachmänner erprobt und für nützlich befunden ward, zählen. Zu; zwei der wichtigsten Erfindungen Sterns jeloch war einzig : feine Nächstenliebe eine Triebfeder, wie er denn selbst zu; erzählen pflegte, daß, wenn er der mühfrlizen Arbeit deS! GetreibedrescheaS zufah, gewöbnlich Mitlekk rit mit denjenigen empfand, die eine solche anstrengende Arbeit auSüden mußten, und nachdem er sich selbst gesagt: r »an müsse über! die Vertretung derselben durch irgend eine i stafcbine nach- ' denken, arbeitete er daran so lange, bi» eS ihm gelang '; eine Dreschmaschine zu rrfmden. Gewiß um vieles ver-; vollkommner wurde deren Gebrauch der unS allgemeiner;! aber niemanden ist eS jemals in den Sinn gekommen, > beim Anblicke einer Dreschmaschine an den Namen Abra- 1 Ham Stern zu denken. — Auf die Erfindung einer Re-! chenmaschine hatte folgender Umstand einen Einfluß: In , einer der ausländischen Zeitungen hatte er gelesen, daß ein j gewisser Cassirec, der sich in einer Rechnung geirrt, zufolge! eines fictionären DeficikS sich entleibte. S. sagte sich: der Mensch kann sich irren; wie gerne möchte ich solchen . Vorfällen könftigthin Vorbeugen! Aber wie? man müßte eine unfehlbare Rechenmaschine zu Stande dringen. DaS war freilich eine schwere Aufgabe, an deren Lösung schon daS gefaßte Vorhaben zu scheitern drohte; aber siehe! nach und nach fangt der erste Keim an sich zu entwinkeln, , der verworrene Knäuel sich allmalig zu entwirren, ein klei- : ner Funke aufzuleuchten, noch unklare Ideen sich zu bil- ' den, dann sich zu mehren und zu verbinden, bis sie sich, o Freude! eng aneinander fügen und in ein einheitliches Ganze ordnen. Noch ist daS Werk nicht vollendet, nicht einmal aogefangen, aber S. weiß schon, daß eS epistiren werde. Nach langen und mühseligen Arbeiten ist S. so glücklich, die Frucht seiner schweren Anstrengungen zu sehen, nämlich das deutlich auSgeführte Modell der Rechenmaschine in der Form eines mir einer Kurbel versehenen Kästchens, welche die Aufgaben der 4 SpecieS in einem Augenblicke ' unfehlbar löst; aber hiesir Ausdruck der inneren Befriedigung, der ihm aus den Augen leuchtet, diese lebhafte Rothe, die plötzlich sein gewöhnlich blasses, gedankenvolles Gesicht überzieht, sind sie ein Beweis der inner», durch Gewinnsucht entstandenen Aufregung? O nein! Die Freude, die reinste Freude erglänzte im Herzen S'S. beim Gedanken, daß der erste, der sein Kunstwerk erblicken soll, derjenige sein müßte, der ihn mit solcher herzlichen Bereitwilligkeit! die hilfreiche Hand gereicht, der ihm den Eintritt in die ■ öffentliche Bibliothek ermöglicht, und daß ec ihm auf solche Weise seine Dankbarkeit bezeugen, seine Huldigung bardringen werbe. — Dichtes Schneegestöber fällt auf die bereits hoch mit Schnee bedeckte Erde, ein scharfer, kalter Wind bläst von Norden her, da fährt auf einem einspännigen Schlittchen Abraham Stern, mit der rechten Hand ein an seiner Seile liegendes Kästchen umfassend; mir einem Male stößt ein schnell vorüberfahrendec reich geschmückter Schlitten an das schwache Fuhrwerk deS-Juden und, o Jammer! indem das letztere umstürzt, wird die Rechenmaschine in'Stücke zersplittert, ohne daß der in di, Restauration eilende Stutzer im geringsten vermulhet, welches Unglück er angestiftet; und Stern, der arme Stern, ohne feine eigene starke Zerquetschung zu fühlen, sieht nur vor sich daS durch so viele Mühe zu Stande gebrachte Weck vernichtet, sieht alle seine Hoffnung geschwunden. — Verzweifelt 5fr Hände ringend sammelt er die Trümmer feiner Maschine, während Zähren in seinen traurigen Augen blinken. „Ach bu meine jahrelange schwere Arbeit!" seufzt er leise. „WaS ist denn? was ist denn?" fragen eitrig, Vorübergehende. „Ach mein Gott, eS ist meine Rechen>nafchine," erwiderte der angeredete S-, „dir ist in Stücke zerschmettert." „Har jemand so etwas schon gehört? genügen den Juden nicht ihre gewöhnlichen Rechenkünste, müssen sie noch Maschinen dazu haben? Es wird gewiß irgend eine großartige Schelmerei fein, gewiß