Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 38 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches, Bvlksvlatt. l Zur Jäelefjriing uni) Untergattung auf jüdischem HeKiete. Hrraudgegcbrn von Rabbiner vr. LuSvig Philipps»» in Bonn- No. 38. 1863.] [10. Jahrs- 3. Quartal.] Abraham Stern*). Eine» Herbstmorgens fühlten die in der öffentliche« Bibliothek zu Warschau Anwesenden, welche theilS mir Lesen seltener Werke', theilS mit Aufsuchung der zu ihren literarischen Arbeiten und Forschungen nöthigea Quelle« beschäftigt, theilS oder auch nur auS Eitelkeit ober Nku» gierde dahin gekommen waren, stch unter dem ElnfiHse eines seltsamen Eindruckes, alS sie einen Juden ln seinem langen, von seinen Glaubensgenossen früher angenommenen, später hartnäckig beidehaltenen Anzuge hereintretea sahen. ES war jedoch keine gewöhnliche Erscheinung, dieser ga»z schwarz gekleidet« Jude; auf der hohen breiten Stirn thronte der Gedanke; in den großen schwarzen Augen leuchtete helher Verstand; auf beiden Seiten dev Gesicht« floß dunkel?» glänzend krauses Haar hernieder; die Brust war von einem breiten schwarzen Bart umwallet. —- Di« Verwunderung der Anwesenden glich ihrer Entrüstung. „Was ist dafür eine seltsame, wunderliche Erscheinung hier?" rief ein nicht mehr im jugendlichen Alter stehender Herr, einen verächtlichen Blick auf den Ankömmling werfend. „Ist «S möglich", rief ein Jüngling mir hellem Haare, blinzelnd mir den kleinen Augen, „der Einlaß hkehrr ist also auch Juden gewährt! Wenn so etwabei unkünftig gestattet wird, so wird mich nicht« mehr Wunder nehmen; aber ich versichere auch, daß mein Kuß diese» Orr nie mehr betreten wird." — Ob der Jude diese ihm feindlichen Ausrufungen vernom» men, ist nicht zu entscheiden, jedenfaUS ist e« gewiß, daß auch nicht das leisest,Zucken seiner GesichtSmoSkeln davon Lunde gab; er schien nur mit dem leuchtenden Blicke jemanden zu suchen, der ihm zur Erreichung de« Ziele«, um dessen will«» er hieher gekommen, behilflich wäre. Bald trat der Bibliotheksekreräc zu ihm hin und sagte mit einem hämischen Lächeln: „Was verlangt der Herr Kaufmann? Wenn Bücher", fo ist er hier nicht am rechten Ort, denn diese Büchersammt lung ist nicht reich an hebräischen Werken." „ „Ich komme auch nicht um solcher willen higher"", entgegnet« frei mit lauter Stimme der Jude, „„ich wollte Sie nur ersuchen, mir gütigst zu erlauben, hier in irgend einem Winkelchen die Werke de« Koperviku« zu durchlesen." " Dies» Wort« erregten nicht wenig die Neugierde der Anwesenden. „Ha ha!" lachte der Jüngling, mit dem hellen Haare laut auf, „fo wollen wir un« bizu den Wissenschaften ver^ steigen?" und zum Nachbar gewendet fragte er höhnische ') Aus der Iutrzenka, einer Zeitschrift für die polnischen Indens „hätte sich jemand »inen Mathematiker in ähnlicher Gestalt je vorgestellt?" „„Warum nicht'"«, erwiderte der Angeregte, ein junger bildschöner Mann mir offenen aufrichtigen Züae» und Augen voll Muth und Verstand, mit einem Wort», der echte Typu« eine« Sohne« der. polnischen Erde, „„«Prüm nicht? Sind etwa Wissen, edle« Forschen und Sitzen ein ausschließliche- Eigenthum der.Menschen, die ein« gew ffe Tracht tragen; sollten sie etwa unzertrennlich von Geburt, Rang und Eonfesflon fein?'"' Oer Sekretär der Bibliothek, wahrscheinlich geleitet vom Wunsche, der Mehrzahl .de« anwesenden Publikum-, dem die Gegenwart de« bärtigen Ankömmlingsichtbarlichst zuwider war, zu willfahren, sagte: „Ich kann dem Herr» Kaufmann mit dem, wa« er wünscht, nicht bienen, weil die verlangten Werke beim Herirn Professor der Astronomie sich befinden."' Der Jude machte eine Verbeugung und wandte sich zum Eingänge der Bibliothek. „Abraham Stern, hleibe!" rief vom ander« Ende de« Saale« die laute klangreiche Stimme «inegeistlichen Herr», der auf einem Sessel in einer Keastervertiefung sitzend, au«• schließlich mit dem Inhalte eine» vor chm auf einem Tisch, chen aufgeschlagenen Buche« bisher beschäftigt schien. Es war niemand anderal« Staschitz, jener eben so «ürdipe Kaplan alausgezeichnete Gelehrte und bedeutende Staat», mann. »; „Meine Herrn", sprach er näher tretend, „ich stelle Ihne« ln diesem Juden hier einen außergewöhnlichen Mathematiker vor, dessen Streben ich kenne und befördere; wzil e« mjr schtm, daß wir kein Recht haben, durchBorurtheil und Ausschließung die in irgend jemanden bemerkte höbet« Begabung, zu unterdrücken, daß wir vielmehr dem mit einer ungewöhnlichen Geisteskraft Begabten, anstatt sein Genie vr einen eng geschloffenen Kreiikzu bannen, damit e« zu Grunde gebe, wie e« bei unvornehmlich geschieht, alle mögliche Gilegenheit zur weitern Entwickelung angedelhen lasset» muffen. Man muß alleaufdieken, daß da« Varerla«^. daß. die Gesellschaft nützliche Menschen gewinnen, die ihn« Ruhm und Ehr« dringen; ich kenn» Sie recht gut, meiii» Landsleute, bin daher überzeugt, daß nach dem, wa« ich eben gesagt, Ihnen di« Gegenwart de-Herrn Stern nicht, mehr unlieb sein werde. Herr Sekretär! Ich bitte Sit, Herrn Ster» heute und künftighin alle Werke, die er zmv Durchlese» wünschen wird», gütigst mitcheilen zu wollen." Dies« Worte de« Herrn Staschitz hatten eine fast wunderbar« Wirkung; die Schriften de« KopernikuS fantzeN stch; man fing an, in Höflichkeiten gegen Herrn Ster« einander zu überdieten; man räumte ihm ein« Stelle ei», gab ihm Papier, Tinte und Feber». Wenn er jemanden