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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 36 (1863) · p. Seite 144

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
36 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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142 — wenigste« nur eines, das als alleiniges Heil proklamirt wird, und jetzt auf allen musikalisch-dramatischen Talenten leichterer Natur schwer und niederdrückend Lastet. Bor den französischen Componistea steht unverrückt! und unerschütterlich als unbedingt erstes und Hauptziel ^er günstige Erfolg bei ihrem Publikum, und mit dem Publikum und in seinem Interesse gehr und spricht die Kritik. Dieses Princip herrscht überall in Frankreich, auch in den anderen Künsten,'auch in der Literatur. ' I Eine derartige Erfahrung mag wohl auct Offenbach mir seiner ersten größeren Oper gemacht habe», die kühl ausgenommen wurde. Wie er zur Erkennmiß des Genres gekommen, in welchem er epcelliren sollte, wär iacereffaat und für manche lehrreich zu wissen; daS gar ze Schicksal eines Künstlers hängt ja oft von einem glückli hen Augenblick ab, der ihn erleuchtet und den Pfad zen t, auf dem er sein ihm bestimmte- Ziel erreichen kann. Wir wissen nur, daß Offenbach die Operette als sein Fild erkannte und eS nun rasch und mit dem glücklichsten Er olge unausgesetzt bearbeitete. Und daß man dieses Ger re und die darin erworbene Reputation nur nicht für eine gering« und leichte Aufgabe halte. Um das nach Gebühr ju würdigen, muß man die Epoche kennen, in welche Offsn rach eintcak, sowie die äußeren und inneren Mittel, welch« ihm zu Gebote standen, vor allem aber die, welche ihm sehlten. Zn der großen pariser Oper war alles zufammeng, häuft, was die Sinne in die äußersten Aufregungen zu ersetzen vermochte, Handlungen, aus den fiirchterlichstrn inv höchsten tragischen Eonflicten zusammengefabelt, Situationen in den grellsten Contrasten nebeneinanbergestellt, mit den sinnlich lüsternsten Balletstenen durchwebt, mit allen ß Zündern der Theatermalecei, Maschinerie, Costüm-und Coch arserirprachl ausgestattet; ein Orchester, das, losgelassen j die Mauern von Jericho zusammeazuschmettecn vermochte-/ Fänger und Sängerinnen mit Stimmen, di« siegreich selbst bie wütbendsten Klangstürme dieses RiesenocchesterS wenn nicht über, sangen doch überschrieen re. An dieses Pudl kum, dessen Appetit nur noch durch die allerstärksten raffifl rteiten Rrize zu befriedigen ist, durfte rin Offendach nicht V, nken. Auch für die feinere komische Spieloper fehlte n wohl die gründlichere technische Durchbildung, welche sr 'ordert wirb, um größere musikalische Formen mit ihren künstlicheren Eombinarionen, Stimmenverschlingungen co» truiren und mit den feinen geistreichen Details eines Lck ldieu z. B. ausfchmücken zu können. Auf zur«, erfahrene ß idrektodichter durfte er auch nicht hoffen, denn er Hatto ihnen weder pecuniäre Mittel noch einen als Theaterconi >oniß klangvollen Namen dafür zu bieten. Und so st aßt, er sich nicht nur ein verhälrnißmäßiq geringes, aber \ inem Talent entsprechendes Genre bilden, sondern auch eine e gene Bühne, eine eigen« Truppe und ein eigene- Orchester H azu schaff.n. Und alle diese Mittel waren geringerer Akt, als sie stlvst kleinere bereits vohandene pariser Bühnen desst en. Anstatt also, wie Meyerdeer, und alle anderen französisch n. deutschen 'und italienischen Eomponisten neuerer Zeit, as Heil in der Anhäufung und Vermehrung aller ganqdchen, ja Herbeiziehung. außer Gebrauch gekommener Ink rumenie zu suchen, mußte Offendach sein Orchester der Art verringern, baß es einem vor hundert Jahren etwa gedräiz blichen annlich sieht. Dazu ist Offeadach kein großes Harmoaiter und kein Jnstmmentalkünstler im heutigen Sin« e. Schließlich sind auch seine Texte oft erbärmlich. Und trotz dieser ihm tbeils gänzlich mangelnden, therls nur in geringer Potenz zur Verfügung stehenden Mittel diese allgemeine Anjiehungskraft seiner allermeisten Probuctionen! Wie heißt denn daS Mittel, das alle anderen fehlenden ersetzt, wodurch er sich die Theilnahme eines so großen Publikums erworben har und festhält < Kein andres ist es, als chas ewig wirksam«, zu allen Zeiten, bei allen Völkern geliebteste und wirksamste musikalische Wesen — die Melodie. Dieses wahrhafte Göttergeschenk ist Offendach zu Theil geworben, und in einer solchen Fülle, daß er es niemals erschöpfen zu können scheint, da man wenigstens bis jetzt noch nicht den geringsten Abgang davon bemerken kann. AuS allen seinen Partituren strömen die reizendsten, sangbarsten, schmeichelndsten Melodien in ungestörter und ununltcprochtner Fülle auf die Zuhörer ein, und wenn sie die Höter derselben auch nicht in riefe leidenschaftliche Aufregungen versetzen, so singen sie ihnen doch stets di» heitersten Stimmungen und Freudenmomente in die Seele. Diese Melodien sehen so einfach, so leicht, so natürlich, ja in ihrer äußeren Construclion so gewöhnlich au» — da denkt wohl mancher, der sich ein viel höheres Talenk einbildet, vielleicht auch technisch viel gelehrter burchgebildet ist: „das war« für mich eine Kleinigkeit, wenn ich eS nur der Müde werth hielte und wollte!" — Ader versucht es nur! Eo steckt hinter OffendachS Melodien etwas, da» weher mit dem Verstände erklärt noch mit dem Willen allein hervorgezwungen werden kann, und das in seinem Gcundwesen nur allein dem Genie verliehen ist. Ja, dem Genie; so sagen wir, auf die Gefahr hin, von den ästhetischen Tiefdltckern als ein Oderflächler belächelt zu werden. In j allen anderen musikalischen Beziehungen, in der Harmonie und Modulation, in der Instrumentation, in dem Accom, pagnement, in der Stimmführung, der Kunst desogenannten reinen Satzes sogar, erhebt sich Offenbach nicht über die Fähigkeiten de» gewöhnlichen Talent-; in der Melodie ist er ein Genie. Wir haben „die Verlobung bei der Laterne" gehört, und die Partitur dieser kleinen Operette liegt uns vor Augen. Wie viel Trinklieder mögen wohl dere.ts für die Oper, für Mannerchor u. s. w. componirt sein, darunter so viel prächtig gelungene. Man sollte glauben, em neues, eigentdümliches sei zu ersinnen nicht mehr mvgl,w. Zn der „Verlobung" findet sich ein solches. — Seit Audrrs mit Recht so berühmten komischen „Zankduielt^ hätte man ein gleiches zu schaffen nicht mehr für möglich gehalten. Offendach hat zu der genannten Operette ein Zankauett geschrieben, daS dem Auber'fchen ganz edendirng und so eigenthümlich ist, baß auch der erpichtest, Reininiscenzenjägrr keinen Hauch von Aehnlichkeit mit jenem aufuödern wirb. An diesem Duett laßt sich am xinleurbtenosten jene Fähigkeit deS Eomponisten erkennen wenn aucv nicht erklären, die Fähigkeit nämlich, auch m der Wirklichkeit häßliche Leidenschaften durch die musikalische Kunstnachadmung melodisch anmutdig zu verklären. Zwei in Eifersucht um einen Mann qerathene Weiber, die sich auf die gemeinste, boshafteste Weist gegenseitig herunlrer.ißen, bieten im wirklichen Leben gewiß kein anmuthiges Bill', uno mancher namentlich urveulsche Eomponist wstrve. wenn er auch könnte, es nicht wagen, in sein« musikalii'cbr Swilverung einer solchen Situation nur eine ein-! zige wirtlich melobische Phrase zu dringen, aus Furcht, wo

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