Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 33 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4908862-5999384-6026610--2491-4910841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 130 Sohn di« tr«u«n Diener seine- Vaters nicht verachte, | wenn 'sie ihm auch nicht die Cour machten." ' Nach diesem ärgerlichen Vorfall brach Kuh allen Um» gang auch mit christlichen Gelehrten ad und zog stch völlig von der Welt zurück. Sein Uedet, so uudedeurend es auch anfangs war, nahm täglich zu; es bauen« nicht lauge, und seine Melancholie artete in den fürchterlichsten Wahnsinn aus. Mehr aleinmal machte er Versuche, den ihn Tag und Nacht umgebenden Wächtern zu entspringen und, in den schrecklichsten Anfällen der Raserei, seinem Leben ein Ende zu machen. Jeden, der sich ihm näherte,' hielt für einen Fanatiker, der ihn bekehren, für «inen Feind, der ihn ermorden wollte. So war. er eine Zeit lang durch keinerlei Vorstellung von dem Glauben abzubringen, daß ibm zwei Offiziere nach dem Leden trachteten, bis der Chef des Regiment-, in welchem diese zwei Offiziere standen, aus Menschenliebe und Achtung vor Kuh's Talenten ihn von dieser Manie heilte. Cr ließ ihn zu sich kommen und gab ihm die feierliche Versicherung, baß er die beiden gefürchteten Offiziere seinetwegen auf die Festung geschickt habe — und Kuh glaubte es. Fast sechs Jahre verbrachte der Unglückliche kn dem- Zustande der schrecklichsten Raserei. Ganz geheilt wurde er freilich nie, ab«r>och so weit wieder herg,stellt, daß die Anfälle sich nur selten und minder bedeutend wiederholten. Mil Ergebenheit ertrug er sein Schicksal, und sein« „beste Trösterin" war die Hoffnung und die Geduld, wie sich aufolgendem trefflichen Gedichte deutlich ergiedt: Prnnkwerk und erzwnngn« Freuden Kennen unsre Stadler nur; Aber hier auf euren Weiden Lachen Freuten der Natur. *) Es ist eigeathümlich, baß Kuh nicht allein, gleich dem unglücklichen Hölderlin, seinem Leldea-bruder, an den Dichtungen des Allerthum- und der Neuzeit das erlöschende Licht seines Geistes zu erhalten suchte; er konnte auch alsdann noch schreiben und dichten, wenn er außer Stande; war, vernünftig und zusammenhängend zu sprechen. Er war sich besten selbst bewußt und äußerte gegen Der, wandte und Freunde oft seine Verwunderung darüber. So schrieb er in einem sehr heftigen Anfalle der Raserei „Gedanken, von gewissen Unglücksfällen veranlaßt": Der starke Atlas nahm die Welt auf sich, Uod eine Welt voll Gram ertrage ich: Doch, hoher Zeus! Dir sei'« gedankt! Nie had' ich unter ihr gewaukr. **) Wer sähe ediesem Produkte wohl an, daß eS rin Wahnsinniger geschrieben har. (Forts, folgt.) Der Dubner Maggid. Bon Moritz Grüvseld in Schwersenz. (Fortsetzung.) Al« mich schwere Leiden plagten, Sorgen mir da« Herz zernagten. Kam, bewehrt und fürchterlich, Die Verzweiflung über mich. Doch eia Deib mit sanftem Blick« Scheuchte sie sogleich zurücke. Dankbar pries ich ihre Huld, Dankbar fiel ich ihr zu Füßen, Wollte ihren Namen wissen; Und. sie rief: Ich bin Geduld.*) Seine ganze Lebensart war auch nunmehr eine andere geworden. Er erweiterte allmählich den Kreis seiner Bekannten, jedoch mit der sorgfältigsten Wahl; wer nur die mink'ste Bekebruugsfucht blicken ließ, wurde, ob Jude oder Christ, von ihm gemieden. Er gönnte sich täglich mehrere Stunden Bewegung und durchschwännle wieder in Begleitung seiner Lieblings-Dichter die Fluren. In einer dutolische« Erinnerung schrieb er das Gedicht: Ausflucht aufs Land. ' Heil euch Erlen, Eschen, Linden! Berg und Thäler, seid gegrüßt! Laßt mich hier die Freuden finden. ^— ' Tie ich in der Stadt vermißt! 1 Nehmt mich aus in eure Hütten, Ähr beglückten Schäfer, ihr! Ihr von upveedordnen Sitten, , Welch ein Leben lebt ma» hier! Brüder kranker» keine Brüder, j Und des Stolzes ehern Joch ‘ Drücket nicht den Kleinern nieder; --—' Goldnes Alter herrscht hier noch. Wie ich>.den Oc'n hakaudefch betret', vernehm' ich die M'lochim singen Schice'—), und ich schlummer' ein sänfkiglich von ihrem lieblichen Gesang und befind' mich in jener Welt, dort, wohin die R'schome-j-) zuerst kommt, wenn sie soll überkommen ihre Sünden. Da har man gestanden zu Mischpes,-^! und ich Hab' gehört, wie die N'schomes sind einzeln vorgerufen worden, und Neben ihnen war bald der M'katrag, d. i. der böse Ankläger. Zuerst ist Einer vorgekommen. „Was hat der verübt?" — „Er har m' chaleil Haschem gewesen, d. h. er hat Gott gelästert und , geschimpffchandt mit Thun und mir Red'." — Und weil | er har bas verübt, ist geworden befohlen, ihm zu geben ■ 200 Schmitz'. — Weiter ist vorgekommen eine R'schomr. . „Was har die verübt?" — Das ist ein Mensch, was hat nir bewahrt das ,.Lo «goof!“ „Du sollst nit stehlen! du , sollst nit «egnehme« deinem Redenmenschen, was ihm ge« I hört! du sollst dich begnügen mit dem, was dir ist de» : schorea vom Allgüligen!" — Wieder har gemfen ein Baß' : foLfff) „Weil der hat sich versündigt gegen die Men» > schen, was noch ist eine größt« Aweire,§) wie jene, soll; er erhalten 300 Schmitz'!" — Nun, Rabdaustallede«, I hört weiter! Zuletzt ist gekommen — Weh' über meine 1 sündige N'schom«— so einSchlemihltzß) von einem Maggid, i wie ich einer bin. „Was hat der verübt?"—Was er hak ver»! übt?— Er har gesagt Diwrei Thoru, Gvtt's Wort fir andert-! halb Gulden vor ganz Kdoel. §§§) — O der Maggid, der | arme Maggid, wie er har dagestanbea und gezittert, wie > bas Baßkol hat sich lasten vernehmen: „Der hat verübt! di« größte Aweire von Allen — er hat m'wase gewesen Gedichte U. 61. •) Gedichle II, 158. ••) II, 202. . Engel fingen Lieder, t) Seele, ft) Gericht, fft) Stimme von oben, ß) Sünde. §4) Pechvogel. §84) Gemeinde.