Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 33 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksbl att. Zur > Belehrung und Anterhattung aus jüdischem HeKiettz. i I ■ i $crau#gc0ctat vou Rabbiner Dr. Lüdwig Philipps»» in Bonn. \\ [9io. 33. 1863.] «ob dieser Ietl1»rttt erschei»» «ocheaUtch ri»« Nu«»«. Prei« de« 2»hr- «an«« l rhlr. virnrljckhri« 7 X Ngr. »lle v,chdaM«I,»snr. PoftLmter »md Zeir»R>«erpedino»e» uehmeu »estell»»««» «*. [10. Jahrg. 3. Hmyßal.] Ephraim Kuh. Ein jüdische» Lebensbild au» dem vorigen Jahrhundert. Bon Dr. M. Kayserling in Endingel«. (Fortsetzung.) j IV. All die bitteren Erfahrungen, welche Kuh in Berlin und. auf feinen Reisen gemacht, der schwarze Undank, und die Treulosigkeit seiner Freunde, welche, wie er selbst in seinem Epigramme klagt: ' Wie unser Schatteu ist so mancher treue Freund, Er bleibt — so lang' als un» die Sonne noch descheint*) sich in feinem Unglücke von ihm entfernten, hatten in seiner Seel, eine Melancholie zurückgelaffen, die sich -zu» nächst in immer größerer Apathie gegen die Menschliche- Gesellschaft äußerte. Wochenlang kam er nicht au», seinem Zimmer, studirte, la» und dichtere unaufhörlich, und durch diese Lebensweise, di« geistige Anstrengung und die wenige körperliche Bewegung verschlimmerte sich sein Urbel von Tag zu Tag. Hierzu kamen noch die Plackereien seiner intoleranten orthodoxen Glaudensgenoffen. j Kuh galt für einen „Neumodischen". Denk-, Rebe- und Preßfreiheit hielt er, so lange diese nicht da» Wohl der menschlichen Gesellschaft und die öffentliche Ruhe. ge. fährdeten, für ein unverletzliche» Recht eine» jeden JndihibU' um». Er war ehrlich genug, au» feinen religiösen 'An* sichten kein Hehl zu machen, und erging sich mündlich»und schriftlich in beißendem Witz über Aberglauben und manche schädliche Vorortheile, von welchen er, gleich Mendelssohn, die jüdische Religion nicht freisprechen konnte. Was bedurft« es mehr, um bei den Hyperorthohoxea in Verdacht zu gerathen? Sie beobachteten ihn auf Weg und Steg und warteten die Gelegenheit ad, ihn vor ihr inquisitorisches Ketzergericht ziehen zu können. Das gelang ihnen halb. Kuh wurde angeklagt, am Tag der Zerstörung Jerusalem» nicht nach Vorschrift gefaster zu haben, und zur Devmv wortung vorgeladea. Ohne Furcht trat er vor seine unbefugten Richter und erklärte: „er würde die ihm angr» schuldigte Thar weder affirmativ noch negativ beantworten, wenn man ihm nicht zuvor seinen Anttäger stellte. Geschähe dies, alsdann erst würde er eine Diskussion über diej Gesetzlichkeit oder Ungesetzlichkeit der Anschuldigung anstellen, inwiefern Menschen berechtigt sein könnten, sich darüber zu Richtern aufzuwerfen. Kein Ankläger ließ sich blicken, und Kuh wurde für dieses Mal in Gnaden mir der aachhrüik lichen Ermahnung entlassen, sich fernerhin aller feermüthigen Reden und Aeußerungen zu enthalten.; Dieser angemaßte Glaubens- und Gewissenszwang seiner orthodoxen Glaubensgenossen empörte ihn sehr, und ist es nicht unwahrscheinlich, daß diese» Verfahren ihn an die. spanisch« Inquisition erinnerte und zu folgendem Epigramm veranlaßt«: tlinvahr! euch muß man menschlich nennen! >ogar der Neid 'muß e« bekennen, Denn ihr'vergießet niemals Blut; Ihr nehmt der Unschuld uur ihr Gut. Und laßt lebendig sie verbrennen. *) — Die nächste Folge Vieser Unduldsamkeit war, daß Kuh den Umgang mir den Breslauer Juden völlig aufgao und sich einigen dortigen christlichen Gelehrten anschlo^ — ein Schritt, der ihm neue Verlegenheiten und Kränkungen zuzog. Mancher dieser neuen Bekannten versuchte ess ihn zu überreden, den Glauben der Väter zu verlassen u»d in den Schdoß der Kirche einMreten; man gab sich irriger Weise der Hoffnung hin, um so schneller mit ihm fertig zu werden, als mehrere Glieder seiner Familie sich zu diesem ehr- und charakterlosen Schritte bereits entschlossen hatten. Kuh war zu nichts zu bewegen; er wurzele tief in dem väterlichen Glauben und suchte bald durch. Scherz bald durch Gründe die Zudringlichkeit der bekehrung-Äorigen Geistlichen von sich abzuwenden. So lange nun dt^Auf» forderung zum Uebertritt nur mündlich geschah, verunachte es ihm bloß Verdruß, den er durch die Zusprache seiner toleranten christlichen Freunde leicht überwand; als' aber der fromme Eifer eines Breslauer Geistlichen sich A weit verstieg, den kranken Mann öffentlich und schriftlich aufzufordern, den Glaudm seiner Väter abzuschwören I und folgendes honigsüße Gedichtchen an ihn richtete: > ' Liebster, bester Kuh! { \ Warum bleibest Dn I ] Rur allein beim Bater steh«, . Willst nicht zu dem Sohne gehn? da fühlte er sich, aufs Tiefste g^-ffnkt. Dieselbe Gründe, welche bei Mendelssohn »altechn, hielten auch ih» von einer öffentlichen Antwort ab, und doch wollte^ und konnte er eine solche Aufforderung nicht gänzlich unheaitt» wortet lassen; er verfestigte ein kleines Gjdicht, dessen wesentlicher Inhalt war: „baß ein guter uffd gehorsamer *) Gedichte I, 199. •) Gedichte II, 28.