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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 32 (1863) · p. Seite 127

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
32 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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127 „Erkläre Dich deutliches, rief er. — „Noch vor Ablauf »ine- ' Jahre-", fuhr der Wahrsager fort, „wird Dein Reich! einem Feuermeere gleichen; vergeblich wirst Du Dich anstreugev, es zu loschen. Drei König« werden Dich bekämpfen, ab^r diewird Dir nicht schaden. Aber sehr wird es Dich betirübe», daß ein Theil Deiner Unterthanen sich gegen Dich «hebt." Nachdem der Kaiser ein« Zeit schwelgend und in Sedankm vertieft war, sagte er: „Wenn Du wahr sprichst, glch mir einen Beweis Deiner Prophetengabe." „Der Mensch so» Gott nicht versuchen", sagte der Greis; „doch, damit Du die Wahrheit meiner Worte erkennst, hör«: In einer Stunde wird ein Eilbote zu Dir kommen, um Dir zu meldest, daß ein Mordversuch auf einen Deiner treuesten Diener gemacht- und baß has drohende Unglück glücklich abgewendet morden ist. Glaube enicht; da- Attentat hat nicht stattge» funden; diese Fabel ist nur erfimdm, um Dich gegen Heine Unterkhanen aufzuhehen." Der Czar verabschiedete, den Greis. Es war elf Uhr Vormittags. Um zwölf Uhr kommt ein Bote an und bringt di« Nachricht von einem Mordversuche auf Wielopol-ki. „Wie soll ich die Wahrheit finden?" rief der Kaiser au-, „lasse man noch einmal den israelitischen Greis kommen." Vergebens rief man ihn: während der eben verflossenen Stunde war ber'ßreis plötzlich von dem Schlage getroffen worden, und der Abgesandte fand nur noch einen Leichnam. Der Dubner*) Maggid.**) Don Morätz Grünfeld in Schwersenz. Wenn Einer dir erzählt 'n schön Gefchichlchen od-r 'n lustig Anekdötchen ober 'n gut körnig Witzchen, und du hast Kopf dazu, wirst du dir da- Allegut merken,-und hast du obendrein Geschick, wirst du gewiß etwa- Salz und Schmal; 'neintbun und auf eine Hand voll Lüsten, so sie dir in den Kram passen, wird'- dir auch nicht ankommen. Aber du magst einen noch so guten Kopf hohen, du wirst dir nur selten die Namen von den Personen behalten, die darin Vorkommen, — du wirst dir fie^gar nicht behalten wollen. Was kommt dir auch davon heraus! Für jedwede- Fach von Geschichten eine eigene Person, und damit gut! Wie macht'- denn die ganze Welt? — Da hört man oft Anekdötchen vom alten Fritz und Ephraim Greidicker, von Mendel-sohn, Kaiser Joseph und Leiser Narr,..und, ich will'- nicht übertreiben —> bei Hundert kannst du erst auf Eine schwören, daß sie wahr; ist, und wenn alle Jene aufstehen, sie möchten vor Wunder sich, wieder zu Tode lachen über all' die Geschichtchen, die man sich von ihnen erzählt. Aber dawißt ihr Alle so!gut und noch besser wie ich, und wenn ihr auch schon Wiss^nschaft haben solltet von dem, waich euch jetzt erzählen will, so thut mir den Gefallen und fallet mir nicht in di« Rede mit: „Da- Hab' ich schon hundert Mal gehött", oder: „Dahat man schon erzählt, als ich noch 'n klein Jüngelchen war." Habt ihr'- schon hundert Mal gehört, könnt ihr'- auch noch 'n Mal hören, hat'- euch euer G^oß- «tt« kleiaerseit erzählt, könnt ihr'- von mir großeckfeit höre«. , Nun paßt auf! So gut ich'- weiß und kann, ^eb' * *■) Dubno eine Stadt in ruff. Polen. **) Redner. ich - euch hin; könnt ihr'- aber besser, gut, fr soll'- mich gewiß freuen; ihr seht dann, baß ich nicht mit Lügen umgeh'! Waich aber hiaged' — beschwöre« kann ich'- freilich nicht — sollt ihr wissen, erzählt man sich Allevom Dudner Maggid. Wateutsch, der Dubner Maggtd! D-s ist gewesen 'n Lamden*), wahat können lernen wohl wie die Welt; daist gewesen 'n Charif**), 'n Charif, sag' ich, de-glelchen sich noch keine Khille ***) hat zu erfreuen gehabt weit und breit. Und weit und breit hat man vernommen von fernen Dräsche--f), die da sind geflossen über seine heil. Lippen wie kostbare Perlen; jede werkh 'n Stück Gold. . Ader da- Gold ist wie heute auch zu jener Zeit sehr rar gewesen, und die güldnen Perlen hat man, wie gesagt, bewundert und angestaunt und sie fßi; den besten Fall mit grober Kupfermünz' bezahlt. Mit de« drei polnischen Gülden dit Woche, die ihm dazumal di« Khille bot, verstand der große Dubner Maggid trotz all seiner Gelehrsamkeit nicht au-zukommen, und eblieb ihm daher nichts übrig, als e» anderen Darfchanim nachzuahmea und von einer Khille in die andere zu ziehen, um seine Waar«, die er wie aueinem gefüllten Speicher an- Tage-licht förderte, an den Mann zu bringen. Seht, wie ^r dahinzieht in seinem langen fadenscheinigen Chalatt-j-f), unter dem ein Paar etwakürzer«, über die sammetnen, schon abgeschabten Beinkleider gezogene, ursprünglich weiße Strümpfe > betrübt hervorblicken — seht ihr ihn mit dem Stramel-j^-i-) auf dem ehrwürdigen Haupt, den Stab in seiner Rechten, sein armselig Päckchen in der Livken, schon etwaerschöpft dahinschreiten! Jetzt ruht er1 auf einem Stein, der a« der Landstraße liegt, und wischt! sich die hohe Stirn und streicht sich den lang herabwallendrn ehrwürdigen Bart. Nun erhebt er sich mit einem, langen Seufzer, setzt seinen Peg fort, und bald hat er die kleine Gemeinde N. erreicht. Er kehrt beim ersten jüdischen Gastpoirth ein. Hier wird ihm ein warmer Scholbom Aleichemß), den er ebenso innig erwiedert geboten, rund wie der Wirth erfährt, welch hoher Gast unter feigem Dache weile, schlägt er voll Freude und Staunen die Hände überm Haupt zusammen; denn so hohe Ehre hatte er nie geahnt. — Und der Maggid mußte Platz nehmen und sich vom freundlichen Mann bewirlhrn lassen, was ihm wirklich sehr Rvth that. Und nachdem er sich erfrischt und erholt, und seine armselige Kleidung vom Schub befreit, begiebt er sich zum Vorstcher der Gemeinde, um ihm seine kostbare Waare für den heil. Sabbath anzubieten. Der Vorsteher, der gar häufig von Durchreifeniben belästigt wurde, die U in seiner Gutherzigkeit nur fefken leer au-gehm ließ, war zuweilen ob dergleichen Besüche etwaunwillig, zumal ihm von Selten der Gemeinde schon oft der Vorwurf einer leichtsinnigen Verwaltung mit ihrer' Kasse gemacht wurde. So wollte es der Zufall, daß ihm Dieser nicht mit derselben Freurtblichkeir entgegenkaMr wie jener ^Gastwirth. Aler aber erfuhr, daß ekein gewöhnlicher Mann sei, ward er leutseliger, bedauerle"ader, sich und der Gemeinde den-Wstlichen Genuß seiner Drasch« für diesmal versagen zu müssen. Inzwischen hatte sich das Gerücht *) Gelehrter. **) Ein scharfsinniger Talmudist. ***) Jüdische Gemeinde, -r) Religiöse Borträge. ++“1 langet Rock. +t+)SÄ4t}« mit Pelzbesatz, tz) Friede mit euch! Willkommen! \

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