Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 32 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
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— 128 — von der Anwesenheit des weltberühmten Maggidim Kluge durch di« ganze Stadt verbreitet. Alle-, was nur Hand und Fuß hatte, lief, um den großen Maggid zu sehen, den 'es morgen vom Or'n hakaudesch*) Herab zu hören hoffte. Wie heißt, den Dudner Maggid barschen««**) hören! Und Alles artete in dawildeste Toben gegen den Vorsteher au-, als man erfuhr, welchen Spuk er gespielt. „Für Herumtreiber, für alles schlecht Gesindel" — hieß es — „ist Geld in der Lass — aber hier — hier —" und man konnte vor Wuth nicht weites reden.. Doch die Heftigkeit - dieser Au-brüche konnte unmöglich zu einem günstigen Resultat führen, bas sah ein erfahrener Mann in der Gemeinde wohl ein, und es wurde beschlossen, daß der Maggid in Begleitung eines Abgesandten sich noch» malzum Parneß **') begebe. Der Parneß ließ sich md» lich bewegen und sagte für den unbezahlbaren Vortrag die freilich spärliche Remuneration von anderthalb polnischen Gulden zu. Aber welcher Jüd', wenn er noch obendrnn da- Unglück hat, ein Maggid zu sein, laßt sich gern «inen rechtschaffenen Groschen entgehn? Wir Juden sind das nebbich f) von früher her gewöhnt, für da- Gute, was wir lhun> schlecht belohnt zu werden. Und der fromme Dudner Maggid, das mußte ihm selbst der Neid lassen, har feine güldnen Vortrag« mehr l’»cbe* Mizevob, d. h. für das Wohl und Heil der Menschheit gehalten, alS für seme leere Tasch'. Lassen wir nun stillschweigend vorüberzieha den Freitag Abend, wo der Maggid bei jenem freundlichen Wirth, der ihn zu Gast gebeten, am Tische saß und sein Herz erquickte an dem, was der heil. Schabbes nur immer zu bieten vermochte. Wir wollen ihn nicht stören, denn wenn er auch Alles, wie man weiß, aus dem Aermel schüttelt, ist doch der mögliche Kall denkbar, baß er nach dem Essen in seinem Zimmer auf» und ^rbgeht und sich fertig macht für den kommenden Tag. Und der kommende Tag ist wirklich gekommen und mit ihm ist Alles gekommen — kein Kind und kein Rind blieb daheim — in die lieb« Schul'. Und wer noch nicht weiß, was Alledie Spannung einer Gemeinde vermag, der kann es hinlänglich daraus entnehmen, daß der vortreffliche Chasan-ff-), der durch' sein« unendlichen Traller und Triller sonst die Zuhörer mit Begeisterung erfüllte, heut von allen Seiten bestürmt wurde, bas Daw'nen fff) oder vielmehr die langgedehntm Triller abzukürzen, wozu er sich freilich nur ungem verständigte, da ihm doch di« Gelegenheit geraubt ward, sich vor dem großen Maggid in seiner ganzen Glorie zeigen zu können. Ader was muß nicht Alles ein fündiges Chaseach» refp. Spatzmatz h', der jeden Augenblick seine Stelle einzudüßen Gefahr lauft, um des lieben Brod's willen thun? — Der langersehnte Augenblick war herangenaht, die heil. Thorarollen waren eingehoden — Alles thut einen langen Athemzug; — denn der große Maggid betritt bedächtigen Schritts die Stufen, welche zum Or'n hakaudesch hinaufführen. küßt ehrfurchtsvoll den heil. Vorhang, wendet sich um und legt, zur Gemeinde gnvendet, die Hände auf den * Heilige Lade. * predigen. *** Vorsteher, f) leider. t+ Berbeter. t++; Gebe, Alles in Allem. Stander und — sein Haupt öden drauf. So steht er lange Zeit und sinnt und sinnt und blickt nicht auf und red« kein Wort. Und die andächtigen Zuhörer höre« Nichts und blicken alle ihn und einander groß «n und reden auch kein Wort. Da mir einem Mal haben sie'- Alle 'raus: — Er sinnt nicht und blickt nicht auf und red't kein Wort und doch steht er oben und — die Feder sträubt sich es niederzuschreiben — und — 'S muß 'mal 'raus — er schnarcht gewaltiglich. Und hat je Einer d'ie Geduld jener friedlichen Gemeinde erprobt, so war rdieser Maggid. Wie heißt, vom Or'n hakaudesch herab schnarchen! — Lange jedoch konnte man sich das nicht mit ansehen oder bess» anhören, und auf einen einzigen Wink des Parneß eilt^ee dienstfertige Sehammes') in der Person des Chasaw üMbei. „Gehr hin", sagt ihm Jener, „und sehr, was sichVdort oben thut". Dieser naht dem Maggid und rüttelt ihn mit heiliger Scheu. Da erwacht der große Maggid mit einem mächtigen Stoßseufzer aus tiefster Brust, und nachdem er sich die Augen gewischt hatte und völlig zu sich gekommen war, setzte er sein Kappel zurecht und begann in weinerlich singendem Tone also: „Rabbaussaileben**), daß ich da Hab'geschlafen auf dem Ständer, wo es hat sollen fließen Gott'- Wort üd,e meine Lippen, das. Rabbaussaileben. wißt ihr so gut wi ich, und daß der Schlaf ist gewesen eingegrben von Hasch,m boruch hu***), daist so emeß-f), wie eS emeß ist, daß ich Hab' gehabt 'n Cholem^), was man mög'einschreiben in die heil. S'phorim. +++) Ja, ja, er ist gediegen ein» geschrieben zu werden in die heil. S'phorim!"— Hier hustet er ein wenig und fährt fort: „Hört, hört, Radbau» saileden, und laßt kein Wort darneben gehn, öffnet weit eure Ohren; denn der Eholem, es kann nicht andersein, kommt von Hafchem boruch hu. (Forts, folgt.) Anekdote. Bon A. Rosenbaum in Schjjfland. Ein armer polnischer Jude trat in das Zimmer eines Reichen, um sich eine Gabe zu fordern; aber statt freundlich angehörr zu werden, sprang der erzürnte Reiche ihm rasch entgegen, ihn mir Vorwürfen überschüttend, daß er. die frisch gewaschene Stube betreten und den Loden beschmutzt habe. Der beschämte Pole trat zurück und seufzte nur die Worte heraus: „Run weiß ich, warum bv ema ynarj vor b* ornp stehr!" *i Syuogögeubieuer. **' Meine Herren! — ***) Gott, gelobt sei er. +) wahr, ff) Iranm. fff) Bücher. Allgemeine Zeitung desJubenthums. No. 31. 1863. Leitende Artikel: Wunderbar und wunderlich. — Spendev»Liste für die Rießer-Stifkung. — Literarischer Wochenbericht. Z ei tu a.g »Nachrichten: Deutschland: Lübeck, Worms. Preußen: Löln, Bona, Frankfurt a. O., Aus dem Pose», scheu,Effeo. O estexreichischer Kaiserstaat: Wien, Krackao. Rußland: Boa der russischen Grenze. Nachtrag: Wien, Pvderborn. beziebea durch jedes Postamt und jede Buchhaadlaug. Jährlich 3 Tbaler, vierteljährlich '/» Thaler. Verantwortlicher Redacteur G. Fritzsche. Bert«« ,o» »»»handln»« in ütipjis- — 1>*»4 « J*r»tntm m Lnv»i».