Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 32 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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126 — k Da« kränkte den ohnedies gebeugten Kuh so sehr, daß er seine Entlassung zu nehmen beschloß. Nicht« konnte ihn zum Bleiben bewegen. „Zh habe für denjenigen", sagte er seinem Oheim, „keine Rechtfertigung, der nur auf ein bloße« Gerücht, ohne gehörige Prüfung, ohne evidente Beweise, mich einer solchen Niederträchtigkeit fähig halten kann. Ich kann auch nicht im Dienst dessen verharren, der mir auf ein« bloße. Sage die schwärzesten Laster, Undank und Treulosigkeit, deizumessen im Stande ist". Er blieb bei seinem Entschluß, Berlin für iminer.Lebewohl zu sagen, um „sich mit aller Macht in« Leben zu stürzen": er wollte reisen. Von Stadt zu Stadt wandernd, glaubte er die ruhelo'e Sehnsucht. die er al« die Quelle alle« seine« Unglück« ansab, beschwichtigen zu können. In wenigen Tagen waren alle Vorbereitungen zur Reise getroffen: er sammelte di, spärlichen Reste seine« Vermögen«, nahm von Mendelssohn und seinen übrigen Freunden Abschied und ging — an da« Büchereinpackcn. Zuerst nahm er die Bibel und legte sie mit stiller Andacht in den. Koffer; sie sollte da« Bretterhau« weihen, in da« er seine Freunde schloß; eine Auswadl der Griechen, Römer, Italiener, Britten, Fr mzosen und Deutschen sollte ihn begleiten. 3* mehr und ie länger er aber wählte, um so ungerechter bäuchte es mm, diese« ober jene« Buch zürückjülassen. War nicht da und dort eine Stelle, die ihn so oft getröstet, erfr'ut, erhoben, und diese sollte nicht die Fracht werth sein. ibn überall begleiten zu dürfen/ So füllten? sich nach und nach mehrere große Koffer mir seiner Bibliothek, von der ei sich auch in der äußersten Noth nicht trennen mochte. Lieber verkaufte er von seinen Kleidern und Bijouterien, wa« er nur füglich entbehren konnte, lieber litt er Mangel an den notbrrmdigsten Bedürfnissen de« Leben«. aUj'sjon seinen Büchern etwa« zu verkaufen- Z,n Z.rbre 176$ trat Kuh seine Reis, an: er durchwanderte Holland, Frankreich, Italien: einen Tdeil der Schweiz und den Süden Deutschland«. , Bon ,'einer Reise Erlebnissen wissen wir nicht«; er selbst har niLl« darüber verzeichnet. Am Meistenempörte ihn der schimpfliche kubische Leibzoll, der damals noch im ganzen Reich erhoben wurde und ibm mehr al« einmal Plackereien verschaffte. Bei seiner Rückreise durch Sachsen im Jahre 1771 kostete ihm eine Urbergehung de« Leidzolle« beinah seine ganze Baarschafl und mir vielen Hunderten mußte er in Gorba den Glauben seiner Väter verzollen. Zur Erinnerung an diese beschimpfende Steuer, welche selbst in Preußen erst mir dem^ Regierungsantritte Friedrich Wilhelm "II. adgeschafft wurde, schrieb er folgende« G.dichrchen niedre: Ter Zöllner in E. unb der reifende Jute. Z Tu. Zur«. mußt trci Tbaler Zoll erlegen. Z Tre« Lbatcr? So viel Gelt? Mein.Herö. weswegen'? Z Tao stagi': Tu neck? Keil Tu ein Jute bist- Känr Tu rin Türk, ein Heit', ein Äibcist, So wirten wir niwk'einen Tem begehren:. Äie ernen Juten müilen wir Dich scheren: . I Hier i«ta« \+c\i'. — Leb« Euch die« Surr Christ?*' Nach Verlaus von drei Jahren befand sich Kuh in der äußerürn Verlegenheit: sein, Kaffe war di« auf den lehren Heller erschöpft, leine Gesundheit war zerrüttet; e« blred ihm nicht« ander« übrig, als in bi« Heimach zurückzukebren und die Hilf« seiner Verwandten in Anspruch zu ^ebrchu l. I** nehmen. Er reiste nun geradezu nach Schlesien. Zn Deutsch-Lissa, aveaige Stunden vor Breslau, macht er Halt und zeigte seinen Brüdern seine Ankunft mir dem Ersuchen an, ihn abzuholen. E< läßt sich leicht denken, in welchem Zustand« diese ihn wiederfanden! Er war nicht allein alle« Gelbe« dar, es fehlte ihm auch an Kleidern, denn jede« Stück, da« er irgend entbehren zu können glaubte, wurde verkauft, um mit dem Erlös die Reisekosten bestreiten zu können. Mit Thronen schilderte er den Brüdern seine jämmerlich, Lage und Var sie flehentlichst um eine Unterstützung, welche ihn in den Stand fetzen könnte, sich eine paffende Stelle zu suchen; um keinen Preis wollte er nach der Stadt zurück, die er al« wohlhabender, geachteter Mann verlassen hatte und jetzt al« Bettler betreten mußte. Erst den dringendsten Bitten der Seinigen gelang es, ihn von diesem Vorsatz«, in seinem jetzigen-Zustande unter fremden Menschen zu leben, vorläufig abzubringen: Kuh ließ sich zur Rückkehr in die Heimarh bewegen. Seine Verwandten nahmen sich seiner in der Thal mir aller Liebe an und d,bandelten ihn mit vieler Zärtlichkeit; sie schossen ein ziemlich ansehnliche« Kapital zusammen, besten Interessen ihm al« Taschengeld bienen sollten, und versprachen ihm, zeitlebens für seinen Unterhalt zu sorgen, (Forts. folgt.) Eine Ente in deutschen Zeitungen. In der Berliner „Gecichtszeitung" kann man folgende« Geschichtchen lesen: Der jetzige Kaiser von Rußland Halle, wie man sich erzählt, einst ein sonderbare- Begegniß. Al« er im vergangenen Zahre eine Reife durch da« Innere seine« Reiche« machte, kam er in einer kleinen Stadt an, die fast ausschließlich von Juden bewohnt war, welche ihn al« treue und ehrerdietige Unterthanen empfingen. Ein Greis, dessen weißer Bart bi« auf den Gürtel heradhing und dessen Brust mit einem Kriegsorden geschmückt war, fiel dem Kaiser besonder« in die Augen. Er erkundigte sich nach dem Namen diese« Manne« und erfuhr, daß er Oelblall heiße, daß er lange Zahre hindurch Soldat gewesen fei und daß er unter seinen Glaubensgenossen in dem Geruch, der Heiligkeit stehe. Er vrrweigerte, sagte man, jede Nahrung von Fleisch und lebte seit fünfzig Jahren nur von Lrod, Zwiebeln und ein wenig The«. Der Kaiser ließ ihn zu sich kommen und fragte ihn, wo er seinen Orden verdient hätte. Oelblatt antwortete, baß er unter Suworow den italienischen Feldzug mirgemachr, daß er in mehreren Schlackten gegen dir Franzosen gekämpft und einmal seinem Ehef da« Leben gerettet habe. „Bist Du niemals verwundet worden?" fragte der Czar. „Der böse Geist hat keine Macht über mich", sagte der Greis; „ich habe mich oft auf denken Kugeln am meisten auSzesetzten Posten gestellt und mir istVie em Haar gekrümmt worden." Oer Kaiser lächelte. „Man sagt mir, daß Du auch in die Zukunft siehest. Werbe ich lange herrschen? Werde ich glücklich sein k" — „Du wirst nicht so lange wie Dein Vater herrschen; aber Du wirst glücklicher al« er sterben; Drin Vater genoß stet« da« Glück di« zu dem Augenblicke, wo eine plötzliche unglückliche Nachricht idm da« Herz brach. Du wirst viele Unruhen in Deinem Leben haben, aber Dein Ende wird nicht unglücklich fein". Der Kaiser wurde ernst.