Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 32 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4908862-5999384-6026609--2485-4910836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches Bolksblatt. 1 | Zur •Belehrung und llnterQqftung auf jüdischem gebiete. Herau«gegeben von > Rabbiner vr. Ludwig Philippjon in Bonn. [Mo. 32. 1863.] Sen dieser ZeitsSrisr erscheint wSchnttlich eine Nummer. Preis de« Jahr» gaugl t Lh»r. BteneljLhrig 7 % stgr. Alle Vuchhaadl»»se». PvfttAter und Zritmiglerpeditionm ,«h«c» Le-ellaagea a». s>0. Jakrg. 3? Quartal.] Ephraim Kuh. Ein jüdische- Lebensbild au» dem vorigen Jahrhundrxr. Bon Dr. M. Kayferling in Sndiogen. : (Fortsetzung.) j in. i Einer der größten Fehler Kuh'» war seine unbegrenzte Gutmüthigkeit: er war zu gut, zu ehrlich, und auf >jhn selbstfindet fti^t Sinnspruch Anwendung: Da« Wortlein zu ist meist gefährlich, ES schadet selbst dem Wönlein ehrlich. Seine Theilnahme für Leidende jeder Art war alfbe» kannt und wurde von unverschämten Schmarotzern und Betrügern häufig mißbraucht. Jede Menschenkenntniß ging ihm ad, und er harre überhaupt einen zu hohen Begriff von der Ehrlichkeit der Menschen. Da er bei seinem offenen Wesen kein Geheimniß au» seinem Vermögen machte, da« er unkluger Weife au» dem väterlichen Geschäft gezogen hatte, um ,» in Berlin besser anzutegen, so wurde er auf» Schmählichste auSgesogen. Jeder machte fich seine Gutmüthigkeit zu Nutze; der Eine gab Kummer uftd Nolh vor, der Andere versprach ihm Antheil an Gewinst; ein Dritter wußte ihn durch Schmeicheleien, für die er, ddi» läufig gesagt, sehr empfänglich war, zu gewinnen; «in Vierter borgte: Alle» war in den meisten Fällen so gut wie v«r» loren. Borgen betrachtete er af» da» beste „Mittel, einsn Schmarotzer lo» zu werden". Der Schwätzer Milbach überhäuft mich all« Morgen,; Und schwöret. Niemand liebe mich so sehr, Al« er. Ich will ihm zwanzig Thaler borgen, Dann sehe ich ihn gewiß nicht mehr.*) So wurde ihm sein Vermögen theil» abgebettelt, theifs abgedorgt und adgeschwindelt; ein Hundert Thaler girjg nach dem andern, ein Tausend nach dem andern hin. nach wenigen Jahren war Kuh selbst «in armer Mann, der nicht» mehr besaß als eine — ansehnliche Bibliothek. Seine Bücherliebhaberei, di« an Verschwendung grenzte und dann bestand, die seltensten KlasfikenAu-gaben in den prächtigsten Einbänden zu besitzen, hatte ebenfalls nicht wenig dazu beigetragen, feine Kasse zu leeren. Drückend lastete auf dem ln Wohlstand erzogenen Marin der Gedanke, nun plötzlich^durch feine Gutmüthigkeit ver» mögsnloS geworden zu sein; wußte er doch, daß mit dein Verlust de» Geldes gewöhnlich auch die Achtung verscherzt ist. Man höre nur sein Epigramm: *) Gedichte I, 251. i-, Sktichthum. Pfutz dir, Reichthum! Heil dir, Tugend! — | Aber halt! wo Geld gebricht, ' ' Achter mau auch Tugend nicht. Hat man Geld» so hat man.Jugend, Hat BerstckNd,''har Witz, hat Welt.- Um Bergrbnng, liebe« Geld! — *) Was ihn noch immer tröstete und aufrecht erhielt, char das Bewußtsein, daß er vor Armurh geschützt war: sein Oheim Beitel hatte ihm ein jährliches Einkommen ausge, setzt, mit dem er >te nöthigen Ausgaben hinlänglich de« streiten und recht anständig leben konnte; das SchiÄal hatte aber sein Spiel mit ihm und ihn zum Leiden sich erkoren, wie er in einer trüben Stunde richtig erkannte uNd es ln folgendem Gedichte aussprach: Hat da« Geschick zum Leiden Dich erkoren. So mache wa« Du willst. Du bist verloren; Nicht Zeit, nicht Ort entzieht Dich seiner Wuth. Der Unglückselige »sill einen Rachen Sich au« dem Bäum, den Winde fällten, machen; l Uud sie verfolgen ihn noch auf der Flulh. **) Der Aufenthalt in Berlin wurde ihm täglich drückendes; eia Umstand machte ihm die Musenstadr bald völlig ver» haßt. Auf dem Deitel'schen Comptoir arbeitete nämlich, mit ihm zu gleicher Zelt ein jünger Mann, der durch heuchlerische Freundschaft es verstand, ihn an sich zu fesseln. Die Warnungen des als mißtrauisch bekannt?« Oheims, diesem Menschen sein Vertrauen nicht zu schenken, wurdest nicht beachtet, und in kurzer Zeit lockte er dem gutmüthigest schwachen Kuh durch Aeußeruage» edler Grundsätze vost Wohlthätigkeit und Menschenliebe tausend Thaler auf einest Wechsel ad. Er verspmch heilig und theuer, das Geld an dem von ihm bestimmten Tage zurückzubezahlen. Lese Termin rückte h,ran;l Kuh erhielt kein Geld, all stin Bitten. Flehen und Drohen war vergeblich; ein höhnische« „Ich habe nichts" wandte gewöhnliche Antwort, die d«!r betrogene Freund erhielt. Kuh wollte klagend gegen ihn auftreten, bas gab aber Beitel nicht zu, aus Furcht, der Betrüger konnte sein Geschäft verlasse»». Der arme Mann war außer sich vor Wurh: der frühere Freund wagte sich auch noch an feinen g^ten. Namen; er sprengte aus, daß Kuh die innere Einrichtung der Gold» und Silbe rmaaufaktür > seines Oheims einem Andern verrathen habe, um sich mit diese» zu associiren, und Beitel, ein ungebildeter, argwöhnische« Mann, schenkt« dem Gerüchte ohne Weiteres Glauben. *) Gedichte II, 26. **) I, 188. i