Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 31 (1863) · p. Seite 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
31 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4908862-5999384-6026608--2482-4910834
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 1 jtub war plötzlich selbstständig geworben. Er blieb mit dem ihm als Erbtheil zugefallenen Vermögen in dem väterlichen Geschäft, welches er mit seinen Brüdern. gf* meinschafllich fortführte. Ein Dichter ist aber seltene «in guter Kaufmann Kuh war. ohne es zu wissen, so gechal, rig von den Musen verstrickt, daß sie ihn nicht allein'auf das Comptoir begleiteten, auch auf seinen täglichen Spaziergängen konnte er sich von englischen und lateinischen Dichtern nicht trennen; überfiel ihn die Mattigkeit, so sevte er sich in eine Gartenlaube, lagerte sich auch bisweilen auf freiem Felde und studirt« seine Klassiker. Dergestalt flössen mehrere Zahre in der getheilten Be» schäftigung zwischen Kaufmann und Dichter ruhig und sanft bin. Kein Sturm störte seine philosophisch, Ruhe, k.in Wölkchen trübte seinen heitern Hvrizont bis an sein dreißigste- Lahr. Bon da an aber kehrte ihm bas unde, ständige Schicksal mißgünstig den Rücken. II. Kuh halte in Berlin einen reichen Oheim, den bekannten Münzunrernehmec Beitel Ephraim, dem er gegen Ende des Lahr,» 1760 einen mehrwvchentlichen Besuch abstaltet». Während dieses seines Aufenthaltes in der preußischen Residenz lernte er Moses Mendelssohn kennen und machte durch ihn auch die Bekanntschaft seines damals in Breslau als Secretär des Generals Tauenzien weilenden Freundes Lest sing.') Wie weit sich fein Umgang mit dem letzrern erstreckte, wissen wir nickt, zur Freundschaft ist die Bekanntschaft ohne Zweifel nicht gediehen; desto sehnlicher wünschte der strebsame Mann in die unmittelbare Nahe des jüdischen Sokrates zu kommen. Die Gelegenheit bot sich bald. Beitel Ephraim machte ihm, wie einige Zahre früher dem Buchhalter Mendelssohn, den Vorschlag, in seine Gosd- und Silderwaaren-Zadrik mit einem jährlichen Gehalte vpa raufend Thalern als Cassirer einzukretcn.! Dies,« Anerbieten war zu verführerisch, als daß ihßn Kuh hätte widerstehen tonnen; denn trotz seiner idealen Schwärmerei war er doch noch immer so viel Kaufmann und R.alist, daß er auf Geld einen großen Werth legre. Gelld war auch in seinen Augen die von ihm besungene „allgemeine Schönheit". > Noch ist'« nicht ausgemacht, was häßlich ist, waschön. ' Für Schönheit hält der Indianer schwarze Zahn', . ' Und ein Japaner wünscht sich Ohren eines Hafen. Nummoia har, was überall gefällt, Pom Südpol bis zum Nordpol — ©fit.**, Kuh» Entschluß war gefaßt. Gegen Ende April 1763 reiste er nach Berlin und trat seine Stelle an. Lessirtg gab ihm jenen Brief an Mendelssohn mit, der gewisser» maßen als ein Abbild des innigen Berhältnisses jwischm den beiden Wahrheitsforschern angesehen werden kann ursd mit den Worten beginnt: „Auch Herr Kuh reist nach Beb» lin und erbietet sich, mir einen Brief an Sie mitzunehmep. Ich muß dergleichen Gelegenheit nicht aus den Hand« lassen. Sie ist selten, u«d Posten gehen nach Berlin nicht, sind niemals nach Berlin gegangen, weil ich Ihnen fl sonst würde geschrieben haben."'") ' Für Kuk begann mit seiner Uebersiedlung nach Berlin «ine neue Epoche. Seine ausgezeichneten Talente, sticke *) MvfeS Mendelssohn'- gef. Schr. V. 161. 163. **) Hinter!. Gedichte I, 202. ***) Mose» Mendelssohn'« gef. Schr. V, 167. »3 — Stellung, seine Verwandtschaft mit dem reichen Beitel und sein leutseliges Betragen verschafften ihm bald Zulrits zu den Gelehrten der preußischen Metropole, namentlich schloß er sich Mendelssohn und Ramler enger an. Unter Leihnag dieser Männer lag er seiner weitern wissenschaftlichen Hus» dildung ob und strebte danach, seinem bisher vernachlässigten deutschen Stil eini edlere, gefälligere Form zu geben. iSo weit seine Comptvirgeschäfte ■ es ihm gestalteten, las und studirte er — unv dichtete. Derse-Schmiedea und Dichten blieb di» an sein Lebensende sein, Lieblingsbeschäftigung j es war bas sein „Dichterdrang'', mit dem es auf Ehre und Ruhm nicht abgesehen war, wie er selbst sagt: Ich dichte für den Nachruhm nicht: Im Grobe macht er wenig Freude. Ich mache ein Lied, wie Serdeuwürmer Seide; Es quälet mich, e» muß an» Licht.*) Er machte auch keineswegs Anspruch darauf, imtper originell zu sein, unl^ließ sich eine noch so strenge Kritik gern gefallen: Wenn mein Honig nur behsgt'. Glaubet nicht, daß ich mich schämt, | Wenn die dumme Hummel sagt, Daß ich ihn au» Blumen nehme.*')! .Es läßt sich nicht genau bestimmen, welche feiner Gedichte während seines Berliner Aufenthalt.'» entstanden siUd. In 'dem auS jener Zeit stammenden „Galfomanie" über« schrieben«!» Epigramm ergoß auch er sich, gleick Lessing uftd Mendelssohn, in Spott über die deutsche Nachäfferei der französischen Sitten: * Da» dümmste Zeng, thun es Franzoien, Wird bald von Deutschen nachgeadmr. ' Sjn Mädchen voller Iugendprachk , Betracht« ihrer Wangen Rosen: Pergeb cn«, daß der Weise lacht. Doch glaubt, wen» sie wa» Klugemachten,! Daun würden wir« gewiß verachten.***) Die unbegrenzt« Verehrung vor Frievrich dem Große«, welche in den vielbewegten Zähren des siebenjährigen Kriegs» sich durch vielfache poetische Produkte der Gleim, Ramstr U. A. kund gab, regte auch ihn an, den großen König fn mehreren kleinen Gedichten zz^ verherrlichen, so: 1 An Friedrich II. nachdem Leutbner Siege. Du lhust zu viele Göttttthaleu-, O, großer König! laß Dir rathen: Halt ein; Du schadest Deinem Ruhm. Wie Fabel» aus dem Alrerthum, Die Dichter zum Ergötzen machten, r " Wird sie die Nachwelt sonst betrachten, -s-) Aeh^rckch in dem Gedichte » [ Hippokrene, auf deutsch Roßbach. ' Bei Roßbach, Gallier, verboflt« ihr zu'fiegeu'?! Bei seiner Quelle könnt' Apoll.nicht unterliege», ff) I - Noch mehr bergvttert er ihn in einem andern Epigramms Auf.den König Friedrich II. | Den Zepter führet Zeus, Apoll die Lever, Minerv' ist wen', und Mars hat Hrldenfeuer; i Der Preußen Friedrich vereint die Gaben, ' Die des Olympus Götter einzeln haben, fff) j *) Hinterlastene Gedichte II, 1. < **) Sbend. II, 1. . 5 •] ***) Hiuterl Gedichte I, 161. 1 f) Sbend. I, 214. tt) Gedichte I, 173. ttf. Ebend. II, 40. i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.