Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 31 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 — Gesetzgebung, wolle all ihrem Thun Vorschrift und Norm geben — und der Staat versteinert entwed r, oder von unten wühlt sich Widerstand und EmpLtung herauf. Laß dir in der Gesellschaft freien Lauf, henune deine Zunge nicht und mach' <S dir bequem mit Anstand und Gederden — da wird sie bald in Zank und Srrett sich auf.ösen. — Oder aber führ« die strengste Etiquette ein, daß man sich nur innerhalb der steifsten Formen bewegt, und sie wird der Schauplatz lövtendtr Langeweile oder Listiger geheimer Znkriguen. . . Also weder Natur noch Kunst allein, sondern beide im rechten Vereine, in gegenseitiger Einwirkung, in Belebung brr einen durch die andere! Das ist richtig. Diesen Satz erkennen wir an. Aber wo ist bas recht« Maßt Wo die leicht zu üderschrH>mdr Grenzlinie t Wo geschieht der einen Gewalt durch die andere, daß sie sich gegenseitig aufrriben, vernichten oder doch verkümmern k Dieist die ungeheure Schwierigkeit; daran kränkeln die, Jahrhunderte, die dakb das eine bald bas andere Ercrem aufstellen, und die Pflanze, das Thier, das Kind, die Menschen und die ganze Menschheit laviren immerfort zwischen ihnen hindurch. Ephraim Kuh. Ein jüdisches Lebensbild aus d.m vorigen Jahrhundert. Bon Dr. M. Kapserling in Endingeiu Kaum zwei Jahre spater als MoseS Mendelssohn, im Jahre 173t, wurde Ephraim Kuh in Breslau geboren. Sein Barer, Moses Daniel, ein wohlhabender Kaufmann, erkannte früh di« trefflichen Anlagen seines hoffnungsvollen Sohne» und faßte den Entschluß, ihn den jüdisch.theologischen Studien zu widmen; er wollte das höchste Glück, dessen damals ein frommer Jude sich erfreuen kennte, genießen, der Barer eines Talmudgrlehrren zu sein, und hatte in der Tdar alle Hoffnung, seinen Wunsch crfüllr zu setzen, denn Ephraim hakte eine unbegrenzte Wißbegierve und war mir einem vorzüglichen Gedächtnisse begabt. Der junge Kuh war i«0och kaum dem Knabenalter entwachsen, jo fand er wenig Geschmack mehr an einem Sludtum, da» nach der damaligen Lehrweise 'in einer ..leeren Dispusiirkunst", jn einer „unfruchtbaren Art des Witze»" bestanch wie Mose» Mendelssohn eS so trefflich oezeichner, uno bei dem „Her; und Gefühl leer auSgingen '. Zn dieser Abneigung gegen da» ..Lernen", zu dein ihn der Baker bestimmt, haue, wurde er noch ourch den Lehrer bestärkt, welcher seine ersten Studien leitete. ES war dies ein zweiter SamoSz, rin poiknscher Jude, der, wie bereden genannte Lehrer MoseS Mendelchohn'S, aus seiner Heimarh vertrieben, nach Berlin kam, dort mit einigen „Aufgeklärten" Umgang pflog, deutsche las und sich über ReligionSd,griff« und Cer,monier» freier äußerte, als es «in „aufgeklärter" Jude de» brr damals herrschendenZntoleran; seiner Glaubensgenossen wagen durfte. Es bauerte auch nicht lange/sp hatte er sich den Haß und die Verfolgung der orkhooopen Juden Berlins zugezogen, die denn nach ihrer Weise nicht eher rührten, alS dis der Abtrünnige, wie sie solche Menschen zu nennen pflegten, den Wanderstad er,; griff und Berlin verließ. Er schlug den Weg nach BreSlau ein und fand in dem Hause des reichen Kuh ein ' Unterkommen alS Lehrer des jungen Ephraim. ) Der Unterricht und das Beispiel des polnischen Lehrers brachten e« dabin, daß Ephraim die Lust an dem „Lernen" uNd den jüdischen Wissenschaften bald völlig verlor: er erklärte dem Barer, daß er die „jüdische Theologie" mit dem Gieschäftsteben, und die talmudische Disputirkunst mit dem Studium der neueren Sprachen vertauschen wolle. Man kastn sich denken. wie weh es dem alten Mann, der in dem Lernen meistens eine fromme Beschäftigung erblickte, ge-! rhlan haben mag, sich in seinen Hoffnungen getäuscht zu setzen; ec war aber verständig genug, seinem Kind« in der Wahl eines Berufes, von dem dessen ganzes künftiges LchenSgeschick abhing, freien Willen zu lassen. Ephraim; tut nun in das Geschäft seines Bakers und begann die wtsenHichsten Erfordernisse eines Kaufmannes, Deutschschreiben und Rechnen zu lernen. Einer der berühmtesten Kalligraphen seiner Zeit, Namens Pezhold, ertheilte ihm Unterricht in der Orthographie und selbstverständlich im Schönschreiben; hierin brachte er «S in nicht langer Zeit zu einer solchen Vollkommenheit, baß er seinen Lehrer noch übertraf und eine musterhaft. schöne Hand schrieb; sie war nur mit Mühe vom Kupferstich zu unterscheiden. Bon fremden Sprachen kannte er bis jetzt nur die beiden in der Kaufmannswelt so wichtigen Worte: Debit und Credit. Kaum konnte er sich in seiner Muttersprache geläufig ausdcücken, als er auch schon ansing Französisch zu. lernen. Eine wahre Lernwuth bemächtigte sich seiner, wie sie sich nur bei Autodidakten findet. In wenigen Zähren lernte rc Französisch, Englisch, Italienisch und verschlang mitwahremHtißhungerdieWerkeeinesRousseau.Racine, Corneille, Boltaire, Shakspeare,-^Pope, Taffo, P.trarka u. Ä.; ganz - besonders den Dichtern widmete ec jede freie Minute, die Poesien waren von jeher fein Liebli'ngsstudium. Auch den Wunsch, die alten Klassiker in der Ursprache lesen zu können, befriedigte er bald; er studicke das Latein mit ungemeiner Schnelligkeit und mir solchem Erfolge, daß er Autoren wie Zuvcnal und Martial ohne Schwierigkeit lesen konnte. Und alles dies lernte er in seinen Mußestunden. Wenn er deS TageS im Comptoir seines Bakers beschäftigt gewesen, so flüchtete er des Abends zu den Bücherrp, bei ihnen fand er Erholung und Vergnügen, so daß er sich oft in später Nacht noch nicht von ihnen trennen konnte. Durch solch anhaltenden Fleiß hatte er bis zu seinem fünf und zwanzigsten Jahre eine Bildungsstufe erreicht, wie es bei den damaligen brutschen Juöen nur s.lken der Fall war; da traf ihn plötzlich der harte Schlag, feinen Vater zu verlieren. Lange konnte er den tzintritt desjenigen nicht verschmerzen, der ihn aufs zärtlichste liebte und stekS väterlich für ihn gesorgt hatte, und noch im reifen Atter fetzte er den Ellern ein Denkmal, das die Züge kindlichster Liebe und Dankbarkeit trägt: Än meine lieben seligen Eltern MoseS und Sara Kuh. Sollt' ich'Euch, ihr felgen Schatten, Ettern, leinen Dank abstatten? Ja! Hhr gabt mir Unterricht. Eure Huld war ohne Schranken: Thar ich je nach meiner Pflicht, Sang ich je ein gut Gedicht, Hab ich'o Gott und Euch zu danken.') *) Himerlassene Gedichte von Epbraim Moses Kuh. H, 2C0- Zürich, Orell, Geßner, Füßli u. So. 1792.