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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 30 (1863) · p. Seite 119

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
30 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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119 sich erwarb. Bon jetzt ad lebte er getreu seinem Notariat in Hamburg, da» er nur aufgad, al» ihn die Krisis von 1857 bei feiner Gewissenhaftigkeit körperlich und geistig er» schütter», schnöder Undank und lieblose Gesinnung ihm den Berus vetleivete. Nachdem er sich hiervon wieder eiholt, in Hamburg selbst eine Trennung der Justiz von der Der» walkung Etan fand, war er der erste Jude Deutschlands der am 12. Ortdr. 1859 zum OdcrgerichtSrath von seiner Vaterstadt erwählt wurde, wobrj er sich b«e Liede l und! Achtung stiner Mitbürger durch treue Pflichterfüllung noch mehr zu sichern wußte. In der neuen Bürgerschaft churde, er zum Biccprasidenten gewählt; da er aber stetS mit ber> Mittelpartei ging, unterlag er bei der kahlen, haldschichtigen! > Erneuerung der Bürgerschaft im Jahre 1862: man wollte!! statt der ruhigen Bewegung die stürmische Hast. Rießer» Gesundheitszustand war inzwischen schon lange erschüttert, Schlaflosigkeit, durch asthmatische Beschwerden^ hervorgerufen, schwächte die Kräfte, und alS ein Anfangs l unscheinbare» Geschwür an der W.ing» sich bald in einen, gefährlichen Karfunkel umwand,lte, unterlag er am 22. April seinen 16tag«gen Schmerzen. Am 26. April ward die Leiche in» Grad gesenkt, an dem noch Dr. Frankfurter al» Geistlicher, I)r. I. > Wolffiobn al» Freund und Professor Aegidi al» Derebrer den Ruhm und da» Wirken de» Oadingeschi,denen den zahlreichen Begleitern de» Leicbenzuge» vor vre Seele fübrren und ernste Worte de» innersten Schmerze» und der tiefsten Verehrung sprachen.! In ganz Deutschland wurde der Tod -des herrlichen! Manne» rief detrauert; I)r. Dertdolo Auerbach verlieh diesem Gefühle in den Deutschen Blättern herzliche Anerkennung de» sittlichen und politischen Werth,» seine» Freundie» i Dr. M. Beit schilüene in den Preußischen Jahrbüchern beredt und sinnig da» Leben und Wirken de» zu früh Verblichenen; in vielen Synagogen wurden ihm zu Ehren Trauer Gottesdienste gehalten, und sein Andenken al» Bei» spiel zur edelsten Nacheiferung empfohlen. Und wohl war und ist er dessen würdig; unbeirrt hak er mir siegreicher Klarheit da» »etr«ede der Menschtstir durchschaut, niemals in den Zwecken irrend, die ein Stick feiner selbst und seiner edszn WahroeitSli.de waren, denrn er m, ungetreu wurde. Seine Schriften, >m Drange tie» Augenblick» geboren, tragen gleichwohl nicht da» Merkwjal [ Cf» Fluchtigen und Vergänglichen, weil er sie nicht in dtn Dienst de» Augenblicklichen gestellt hat. Den vorüber, eilcnben Moment har er vielmehr festzubalten verstandest, indem er ihm da» Siegel seine» nach dem Ewigen gLrichleten Geiste», und GemüthSleben» aufgedrückt har. Neben dem gediegenen Inhalt verdient die Originalität feiner Methode von Allen gekannt zu werden, die, wie er, nicht vergeblich gegen Wahn und Borurtheil anzukämpfen sich I berufen fühlen, und feine Schreibweise ist e» bann auch, , welche den sonst eintönigen Gegenstand in dem Schimmir eine» unverweltlichen Reize» erscheinen läßt So ist e» venn auch ein glücklicher Gedanke de» Dr. ' Philippson, wmn ee die Juden auffordert, durch zahlreiche Geld- Beiträge ein Unternehmen zu fördern, welche» die Schrifrest RießerS sammeln und in 4net reichen Ausstattung auch dem Aermstrn in die Hände liefern wirb, sobald er sich nur irgend dabei detheiligt. Wir ehren unS^nur selbst, wmn wir da» Andenken unsrer großen Männer feiern, und besonder», wenn e» einen Mann gilt, der sich durch die Kraft seiner Schreibweise, durch den Ernst seine» Leben» un» alle die Freiheiten hat schaffen und fördern helfen. Iberen^ wir un» jetzt erfreuen und deren Ausbau w«r erstrebet Wehe uns. wenn wir vergrffen sollten. daß nicht die Männer der Orthodoxie, sondern die aufrichtigm Freunde und Bekenner de» Judenrdiiin». die seinen geschichtlich»? Beruf für die Menschheit wahrhaft erkannt und kür ihr» Glaubensgenossen zu kämpfen bereit waren, hoch zu ^hre» sind! Nicht die Stubengelehrten haben uns Juden au» den Fesseln de» Mittelalter» gelöst, dem Abfall vom Glqude» Schranken gesetzt, sondern b,e Männer der Thar, die neben der Erkenntniß auch da» rechte Herz und den rechten Sinn znr Wahrung derselben sich erhielten. I, miehc Bildung, desto mehr Erkenntniß, je mehr Frei» heit desto mehr Liebe für da» Judenthum, hie» le rnt au» demBeispiele undBordildeGadriel Rießer»! Mein Garten. tag' mich dir immer noch Etwa» au» »«einem Galten erzählen. Er «st nicht groß, nur so eben, um darin hin ^nd her zu lustwandeln und nicht alle zwanzig Schritte aus demselben Fleck zu stehen, und ,» sind nur Kleinigkeiten, die ich darau» berichten kann. Allein was ist klein, «rna e» erst zum Gedanken geworden! Ich habe zu oft ein winzige» Samenkorn in den Boden gesteckt, .und nach Wochen und Monden stand ein stattlicher Strauch ha, nach Jahren ein starker, laud,,dlüth«n- und früchtereicher Baum. i Da liegt eine Schnecke am Boden. Welch' kleine» Geschöpf! Ein schleimige» Thierchea, in ein Gehäuse ge, bannt, au» dem e» sich nur um seine LeibeSläng« hinan», beugen kann. Da» muß sie mit sich schleppe», keine geringe Lastfür va» zarte Wesen, und nur damit e» ßch schnell in dasselbe hineinducken kann, wenn ihm irgonb etwa» bedrohlich erscheint. Wie langsam zittert ,» vorwärts. und die Welt sagt daher „Schneckengang", «ven» sie oa» langsamste Hmschteppen bezeichnen will. Ich merke mir Größe. Gestalt. Farve der Schneckm. Am drinp» Tage stehe ich an einem schlanken, hohen Bäumchen und betrachte mir sein Treiben und Blühen. Wa» sehe i<4? Ist da» da oben in der Krone nicht meine gut« Bekannt«, die Schnecke jammt ihrem HäuSchen! Wie ist sie hinauf» gekommen! Wie gelangte die Erdschleicherin in den Luft, gipfel de» Baume» < Hat «in Sturm sie erhoben und dahinauf geschleudert! oder ein Bude sie ergriffen und in dir fremde Region geworfen! Durchaus nicht. Di« Schnecke ist nur ruhig und leist vorwärts geschritten, har ihren Körper am Boden foergezogea, ihr HLuSchen hinterdrein, di» ße an den Fuß de» Baume» gelangt war; dann hob sie sich an seinem Stamme aufwart» und zog auf der Rinde sich und ihr Gehäust in die Höh«, bi» sie die Zweige erreicht, in da» Laubwerk eingedruagen und immer höher di» zu den zartesten Blättern der Krone! Da ist sie in der wind»- durchraufchten Höhe, festgrsogen, kein Sturm dringt Ge herab wenn er nicht den Gipfel selbst zrrdricht; da iß sie, durch eigne Kraft, Beharrlichkeit, Unermüdlichkeit, Schritt vor Schritt, ober vielmehr Linie nach Linie!. . ..

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