Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 26 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 102 — selbst den aufgeklärtesten und besten Christen' kaum den Glauben an die Möglichkeit zu gestatten: daß ein Jude überhaupt ein achtungSwerther Mensch sein könne. Selbst in Preußen unter der Regierung des philosophischen Königs entbehrten wir noch der ersten Menschenrechte, denn Ehe wie Bcoderwerb unterlagen der strengsten Beschränkung durch grausame Gesetze, die selbst den theuer erkauften „Schatz" nur auf ein einziges Kind zu übertragen gestatteten und welche noch den heradgewürdigten Juden zwangen, an jedem Srabtthvre, das er passirte, seinen Leib gleich dem Liehe zu verzollen. Das erleuchtete Jahrhundert hatte die Spuren früherer Barbarei noch nicht verwischt; noch im Jahre 1782 wurden in Posen, unter dem Borwande eia Christenkind zur Osterfeier ermordet zu haben, zwei fromm« Rabbinen gemartert und gemordet. Boa allen bürgerlichen Ehren entfernt, konnten die Judm weder ihre Talent» ausbilben, noch zum Besten der Nebenmenschen verwmdm; selbst Mendelssohn fühlte, daß di« Unterdrückung wie eine todte Last auf den Schwingen seines fo regen Geistes lag, und ihn unfähig machte, den hohen Flug des Fceigedornen jemals zu versuchen. Und doch sollten am diese Zeit, wo Mendelssohn dies tiefdedrückt unterschrieb, in feinem Geburtsländichea Anhalt Dessau, im Städtchen Sandersleben drei Männer erstehen, vom Schicksal bestimmt auf die Erziehung der Juden einen erfrischenden Einfluß auszuüden, um sie tu befähigen, sich durch Wissenschaft und Bildung der Gleichstellung würdig zu machen. Diese Männer waren Joseph Wolff, Moses Philippson, Gotthold Salomon. Bisher hatte sich nur in wenigen Juden tm geheimes Streben nach deutscher Bildung offenbart; Mir leise fing man an zu ahnen, daß die frühere Erziehur gSweise uns in ewiger Abgeschlossenheit von den . christlichen Mitbürgem erhielt, denn in der Masse war Deutsches Wissen der Ketzerei, dem Abfall vom Glauben gleichzeachte t. Die polnischen Rabbiner predigten gegen diese Neuerer, w lche statt de» üblichen Kauderwelsch die Deutsch« Muttersptt che zu ihrer Umgangssprache machten, sie weissagten svgir in ihrem zelytifchen Eifer den Uedergang der Religion, wenn diesem Unwesen nickt gesteuert würde; wehe demFremden, der sich in der Gemeinde mit einem Deutsch gedruckt« n Buche ertappen ließ, er wurde vor den Bogt geschleppt und aus der Stadt gewiesen! Um so rühmenswerther die Männer, welche es dennoch übernahmen, durch Schrift und That auf ihe Glaubensgenossen belehrend eiozuwirken, und erfüllen wir nur die Pflicht der Dankbarkeit, ihr Andenken rege ir uns zu erhalten. ihr Wirken zur Nachahmung und Nach riferung uns vor di« Seele zu führen. Alle drei genannten D ärmer waren in bitterster Armuth geboren, wurden in der rauhesten Schule des Lebens groß, und arbeiteten in tiefster Noth uurobidaklisch mit ausdauernstem Fleiß« an ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, voll Liebe' für ihren Beruf, der für unsere Glaubensgenossen den heilsamsten Einfluß auSüben sollt«.. - Während von diesen drei Männern di« erst m zwei schon lange das Zeitliche gesegnet und in ihren Söhnen ihr Wirken feinen Fortgang findet, ist Gottholb € alomon, der Vater der neuern jüdischen Homiletik, erst vember vorigen Jahres in Hamburg gestorben er die Keimhülle der Bildung für seine Glaubensgenossen am 17. No- und indem sprengen half, wollen wir ihm dafür dankbarlich diese Blätter der Erinnerung weihen. Gotthold Salomon erblickte am I. Novbr. 1784 in Sandersleben das Licht brr Welt; sein Barer Lepmaan Joachim war eia einsichtsvoller Mann, der im Verein mit der Mutter Jirla, welche die Tochter des Rabbiner Rothschild in Brab war, den Knaben nach der religiösen Anschauuug der damaligen Zeit schon frühzeitig in allen Gebräuchen unterwies, und in ihm das Vertrauen auf göttliche Führung erweckte. Lies und die reichste Elternliebe entzündet« schon früh in dem Knaben die ihn durch sein ganzes Leben de- 1 gleitende sorgende und helfende Menschenliebe! Kaum drei Jahr« alt wurde ec ins Cheder geschickt, schon im 7. Lebensjahre war er mit der heiligen Schrift vertraut und durch Erj lemen des Commentars von Raschi der Uedergang zum! Lesen der Mischna Berachoth vorbereitet. Bereits im Jahre! 1794 begannt» der zehnjährige Knabe die Gomorah zu; studiren; all sein Verstand, Scharfsinn. Witz und Gedächtj niß wurden dabei in Anspruch genommen, denn es kostet« l häufig viele Mühe, um selbstständig den Sinn und Zuj sammeahang der im Talmud enthaltenen Disputationen; in sich aufzunehmen oder, mit eigner Geisteskraft zu entj wickeln. Dieses Forschen und Lernen wurde im zwölften Lebensjahre unter der Leitung des Mose Zedek Rabbi Meister fortgesetzt, der als Dalersbruder und als wirklicher Meister der Radbinifchen Literatur emsig beflissen war, ganz j aus sich selbst dm Knaben unter-seinen Augen studiren zu j lassen und in aller.Frömmigkeit zu unterrichten. Dabei 1 wurde der Fleiß des strebsamen Schülers, dessen Durst nach! Wissen nun weiter ging, noch dadurch gefördert, daß ihm! der damalige Kaplan Robbe wöchmtlich einige Stunden j in dm übrigen Elementargegenständen gab und ihn in seinen I Bestrebungen nach allm Seiten hin förderte. Sein Geist ■ fing an die klassischen Werke der Deutschen GeisteSheldm ■ in sich aufzunehmen, für sie das tiefste Berständniß wie! die glühendste Liebe zu hegen. So war unser Salomon j 16 Jahr alt geworden, als der Schwesterfohn des Rabbiner | Meiler, der später so rühmlichst bekannte Joseph Wolff : aus Dessau zum Besuche kam, und die Eltem veranlaßt«, ' de» Sohn nach Dessau zu schickm, um sich auf dem dortigen Bet-Hamedrisch weiter auszubilden. Auf einem Bierwagen, der die damals berühmte Gose (eine Art Weißbier) wöchentlich nach Dessau brachte, hielt unser Salomon seinen Einzug in die Hauptstadt des Landes. Sein Reichthum bestand in 8 guten Groschen, das Fohrlohn von 4 Groschm war zu Hause schon berichtigt, allein der Knabe war heiter, ihn beseelte der Gott Israels, der die Seinigen nie verläßt. Bald wußte er sich Tische zu verschaffen, wie eS zur Zeit Sitte war. arme jüdische Schüler zu unterstützen, und nun begann er die Vorlesungen unbj Erkärungen des Rabbi Sabel aus Schmersenz zu besuchen, so wie in den Büchern der Schule fleißig selbstständig die hebräifchmWerke zu studiren. Bald vertraulm ihm außerdem mehrere Eltem ihr« Kinder zur Nachhilfe an, der Lehrer lemte dabei lehrend, und schon 1862 wurde er an der Dessauer Freischule als Lehrer ■ der deutschen und hebräischm Sprache angestellr.! Hier in Dessau regierte zur Zeit ein tüchtiger weiser ’ Fürst, der nachheeige Herzog Franz. Er war ein Freund J der Kunst und Wissenschaft, die er nach allen Seiten hi»! förderte und unterstützte. Mit Goethe, Förster, Winkelmann > wohl bekannt, durch Reism nach Italien in seinen Kunst