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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 24 (1863) · p. Seite 94

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
24 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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94 — Herrlichkeit, die des Meisters Hand um uns g die in den Werken der Menschen sich wiedersch geben wir noch mehr nach Innen, forschen des Geistes nach, erheben uns zu Gott, zu sei niß und dem Bewußtsein, welchb seine Plane der ganzen Menschheit seien? (Echt l arbeitet und fft — aber den Wegen >er Erkennrit unS und >ß folgt.) r Jonathan unv der Kaiser oder das Urtheil der Menge ist nicht entsä eidend. Den unter unfern Glaubensgenossen rühmli'c,st bekannten Rabbi, Jonathan Eidenschütz, Verfasser mehrecer umfangreicher Werke über Halachab, Hagadah und Moral, die alle als höchst scharfsinnig anerkannt sind, oürdigte der deutsche Kaiser seines nähern Umganges. (S r dispuricte oft mit ihm über mannichfache Gegenstände der lLissenschafr, über verschiedene Lebensverbälmisse, oft auch über Religion; freut« sich über Jonarhan's treffende Antworte» und dessen durchdringende» Verstand. Er gewann ihn so liet, daß er ihm zuletzt ganz unentbehrlich wurde. Der Kaise nahm sich nun vor, den Rabbi glücklich zu machen. N. ch den Begriffen der damaligen Zeit aber betrachtete n an als das größte Glück für einen Israeliten den Ueiertritt zum Christenthum; er beschloß daher, Jonathan da;» zu bewegen. Jndeß haue dieser Brkehrungsversuch nicht den gewünschten Erfolg, den sich der Kaiser versprochen halte; die Gründe für die alleinseligmachende Religion wurden, ohne dem Kaiser nah« zu treten oder feine Religion zu erniedrigen, von Eibeüschütz glücklich bekämpft, eS gelang i >m sogar in einem gewissen Grade, den Kaiser zu überzeug«», daß man in jedem Glauben Glückseligkeit erlangen kann. Der Fürst nahm nun seine Zuflucht zu Versprechungen der höchsten Würden und Reichthümer, allein der Rabbi wies diese bescheiden zurück, indem er von der Vortrefflich keir der neu anzunehmenden Religion vor allen, Dingen leberzeugung verlangte. Der Kaiser führte nun alle nu c möglichen Gründe an, die aber von Eidenschütz sämmtpch widerlegt wurden; der Monarch, durch den unbezrringburen Widerstand gereizt, sagte endlich: „wie kommt «S,! Eibenschütz, daß Ihr Israeliten so unbeugsam seid? Befiehlt nicht Euer Gesetz selbst, daß Ihr Euch der Menge zuwenden sollt und dies aus wohl weisen Gründen; denn die Minorität ist doch leichter dem Jrrrhum unterworfen, als die Majorität? Nun machen wir Christen die große Mehrzahl aus und dennoch seid Ihr Juden verstockt genug. Eurem eigenen Gesetze zuwider, in Eurer Verblendung zu beharren." „Majestät!" klagte Eidenschütz, „diese Antwort muß ich einstweilen schuldig bleiben und ganz unrenhanigst bitten, diesen Punkt in Folge nicht mehr zu berühren? Wohl weiß ich, baß Ew. Majestät hierdurch nurmein Glück zu beHründen wünschen; meine Religion ist nur aber über Alles erhaben und heilig, und um alle Schätze der Welt kvürbe ich sie nicht vertauschen." Unser Gelehrter erreichte dadurch vollkommen seinen Zweck; er deadsichrigte nämlich, daß erwähnte Unterredung dem Kaiser ganz du* den Gedanken komme. Rach ungefähr einem halben Jahre begab er sich eines Tagein den frühesten Morgenstunden vor die Hauptkirch« der Stadt Wien, kaierte daselbst nieder, flehet« und weinte, ohne aufzuhören. Es traten Mehrere hinzu, fragten, was es denn da eigentlich gebe? Der , Rabbi wie« auf die Fahne deS KirchlhurmeS und sprach: i „sehet ihr nicht das hellglänzende Licht an der Fahne da! »denk Jeder, von Eltern in rechter Ehe Geborene, muß j diese große Erscheinung wahrnehmen. Keiner wollt« in! Unehe erzeugt sein, und Jedweder, der dahin kam, knieete; nieder, bettle und weinte. In kurzer Zeit war der ganze ' Platz voll belegt mir Andächtigen, Alle sahen, waS sie nicht sehen konnten, alle beteten und Niemand wußte eigentlich, warum i Jeder glaubte, wovon er weder überzeugt war, noch mir dem Lichte seiner Seele, mit dem Verstände, als wahr erkennen konnte. Das Gerücht verdceitete sich schnell nach allen Enden der Stadt und drang sogar dis in den Palast des Kaisers, dieser sandte einige Große seines Hofes an den dezeichneren Platz ab; da etzader diesen nicht um ein Haarklein besser erging als den schon Anwesenden, auch sie knieelen hin, beteten und weinten, nachdem sie von Eibenschitz selbst die Ursache dieses ZusammenstromenS der Menge gehört haben, und verweilten langer, in inbrünstiger Andacht ihr Her; ergießend, als es der Kaiser erwartete; dieser von Neugierde aufs Höchste gespannt, konnte, voll Ungeduld, die Ankunft stiner Höflinge nicht erwarten, begab sich m eigener Person nach dem Loco citato, ließ sich herab, in Gegen- ' wapt der Menge den jüdischen Rabbi nach der Ursache zu fragen und bekam von demselben die schon bekannte Ant-! wo«. Was blieb nun dem Kaiser, der höchsten Person im! Staate übrig, wollte er sich dem Verdachte, aus unechter 1 Ehe zu entstammen nicht preisgeben, als dem Beispiele! der Menge zu. folgen. Eidenschütz*, als er sich nun am Ziele seiner Wünsche sah, erhob.sich und ging nach Hause. Als er nach einiger Zeit den Kaiser wieder besuchte, richtete er folgende Fragen an diesen: „Haben Eure Majestät wirklich «ine Flamme .an der Spitz« der Fahne des KicchthurmS gesehen?" „Rein, wenn ich Dir^die Wahrheit sagen soll, Eidenschütz, so Muß ick gestehen, daß ich Nichts gesehen habe." .Auch ich," versetzte Jonathan, „unb Keiner von der großen Menae auf dech Platze vor der Kirche hat Etwas wahrgenommen und doch glaubte Jeder blindlings die Behauptung eines Einzelnen, der sie hinterS Licht führte. So leichtgläubig ist nun einmal die Menge unv darum eben können wir kein großes Gewicht auf ihr Urlheil legen." Z. Cohn, ^ultuS-Beamierin Waldenburg sSchlesien'. Anmerkung des Einsenders. Einige versetzen dieses Ereigniß in daS achtzehnte Jahrhundert "amd machen eben unfern Eibenschütz zum Helden dieser Begebenheit; Andere hingegen lassen dieses schon im siebenzehnten Jahrhundert sich ereignen und machen den hochberühmlen Rabbi Naphthali Cohen. Rabbiner zu Posen, zum HrroS dieses Fartums. Beides scheint jedoch unwahrscheinlich; denn von Eibenschütz ist gar nicht bekannt, baß er am Hofe deS deutschen Kaisers freien Zutritt hatte; von Naphthali Cohen laß: sich schwer denken, daß er bei seiner strengen Religiosität sich sollte vor einer christlichen Kirche aufs Knie geworfen haben. Jndeß muß hier doch etwas Wahres zu Grunde liegen; denn diese Sage ist unter unser» Glaubensgenossen, besonders im Königreiche Polen sehr verbreitet. Wie aber gewöhnlich bei der Bolkösage Wahrheit und Dichtung vermischt unter einander lauft, so scheint auch hier Zeit, Ort und Person der Handlung verwechselt zu fein, indeß ist eS möglich, daß in irgend einem Lande, vielleicht schon im

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