Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 22 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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ein ganz anverer Schlag Leute als die Räuber in neuern^ gewerb« zu neiden, vielmehr vermehrte sich ihre Kfihnheit Zeiten, sondern hatten auch eine eigene Raubmetbode, die j mit jedem Tage. Endlich erwachte die Justiz, und suchte von jener der Räuber unserer Epoche ganz unterschieden war. Die alten Mersener stürmten so zum Beispiel nicht wie di« jüngern die Thüren der Beraubten mir Gewalt, sie griffe« diese nicht persönlich an, sie mi-handelten sie nicht., Ihr System war just daentgegengesetzte, sie schlichen sleist, alsie nur konnten, bei schweigender Nacht, vor die Läden und Stuben reicher isolirt wohnender Landbewohner, brachen unvermerkt ein und entsprangen mit dem Gestohlenen, oft ohne die geringste Spur von sich zurückzulassen.*) Diebstähle dieser Art geschahen in damaliger Zeit so häufig, mehrten sich mit jedem Tage, und blieben dabei in so einem geheimnißvollen Schleier verhüllt, daß all» abendlich der gemeine Mann, der in der dortigen Gegend ohnehin in der tiefsten Finsterniß lebt, und wie überall feinen Geist so geme mit Wundem nährt, auf den Ge» banken kam, sie könntm nicht anderalmit Unrechten Dingen verübt worden sein, der Hose müffe mit den Spitzbuben gemeinsame Sache gemacht und ihnen in Au-» führung de- Raubegeholfen haben. Zur unumstößlichsten Gewißheit wurde ihm diese Idee, alman ihm erzählte, daß gleich nach dem verübten Raube, schon am andern Morgen, die gestohlenen Effecten in einer großm Entfemung, nämlich in dem Dorfe Mersen, bei diesem oder jenem erblickt worden. Unbegreiflich war ihm die Ge» schwindigkeit und er glaubte nunmehr fest und steif an Saran- Mitwirkung^ Traf nun der Fall ein, daß irgendwo ein Raub verübt worden, so machten sich die Bestohlenen auf der Stelle auf und reisten, ohne sich weiter umzusehen oder sich die Mühe zu geben, weiterenachzuforschm, so schnell sie nur konnten, nach dem verrufenen Mersen, wohin die Hexenmeister, wie ehieß, ihren Zug zu nehmen pflegten. Waren sie so glücklich, ihr Eigenthum wieder zu finden — wabann auf die natürlichste Art von der Welr zuging —, so diente di« Geschichte davon nur zu einem neuen Beweiüber da- Spiel de- Teufel-. Da war niemand, der nicht, um den bei ihm geschehmm Diebstahl ein gewisse- Ansehm, etwa- Außerordentlichezu 1 geben, daeine oder daandere hinzugedichtet, und so daseinlge beigetragen hatte, da- Märchen vollständig zu machen. Bald hatte die erhitzt« Phantasie ein au-führüche- Gemälde der Teufeleien entworfen. Ueber einem blutigen ermordeten Körper, so hieß e-, verbänden sich die Räuber mit gräßlichem Eide. Belial selbst führe dabei da- Präsidium, mustere die Glieder, gebe die Diebstähle an, und heiße sie au-führen. Einem jeden der Räuberbande, so fabelte man weiter, stehe ein schwarzer zottiger Ziegenbock zu Gebote, mit dem er durch bieLuftzu reiten pflege, um seinen Raub weit weit herzuholen. Bon dieser sonderbarm Reiterei bekamen denn allgemach die Räuber den Namen der Bock-relter. In langen Winterabenden wurden von nun an' tausend und tausend Geschichten von dem Leben, dm Thaten und dem schauer» lichm Ende der Bock-reiter erzählt und weit umher ver» breitet. Begünstigt durch dm Aberglauben und die Fnrcht de- Volk-, die sie weit mtfemt waren zu verschmchen, hörten die Räuber viele Jahrzehade nicht auf, ihr Schand» *1 Dieselbe Schule de- Lartonche, des du Bal, de« Rico! List, Lips Tulliao und anderer Gnunerkoryphäea jener Zeit ist u«. verkennbar, namentlich wenn mau die sehr merkwürdige Vorrede de« „Schauplatz der Betrügt (1667) vergleicht. durch vermehrte Strenge*) — wie dafast jedemal nach Epochen zu großer Gelindigkeitund Milde der Fall ist—wieder gut zu machen, wasie, oder vielmehr ihre schläfrigen Leamtm, verdorben hatten. Nun ging e< an-Emziehen und Verhaften, an-Koltern und Hinrichtm, mit Strang und Rad. Schrecklich wr^rde unter den armen Lock-reitern gehaust, und da-Blut» vergießen nahm kein Ende, dider rächende Arm der Themierlahmt, der zauberische Räuberverein völltz zerschmolzen schim, bieine ganze Reihe von Häusern in Beck durch- Schaffst verödet wurde, und ein großer Thefl von Mersm dm entsetzlichen Tod der Missethäter gestorbm war. Je wmiger die Justiz im Stande war, jene« mystische Dunkel aufzuklären, desto weniger kann man «ine deutliche zusammenhängende Geschichte dieser Räudergruppe geben. Jene dunkle Darstellung ist die einzige Nachricht, die eaußerhald der schweigsamen Archiv« giebt. Desto lebhafter tresm aber jene einzelnen Untersuchungen allichtes Episoden hervor. Nicht minder interessant ist die zuweilen deutlich auftauchmde Erscheinung einzelner Koryphäen, die unter der i Aegid« schlichter Bürgerlichkeit al< Depositare der ^Gaunerkunst und als. Centralpunkte de« Räuderthum« erscheinm. Ein solcher gaunerischer Stammhalter und Altmeister war der in den achtziger Jahren d,< vorigen Jahr» hundert« zu Wino-Hoot bei Gröningen, st-aler zu Ant» werpea, Gent, Brüssel und Eoartray lebende Jakob Moyse-, der weniger durch seine wegen seine- Alterschon beschrankte räuberische Thärigkeit, aldurch lntellectuelle Urheberschaft fast der gesammtm Räuberlhätigkeit der niederländische« Banden, al- Patriarch derseldm angesehen werden muß. Er war der Bater deberüchtigten Abraham Jakob, durch seine Tochter Dina der Schwiegervater defurchtbaren Picard, der wechselnd an der Spitze aller niederländifchm Landen stand, und femer durch sein« Tochter Helma oder vielmehr Rebekka, die mit dem verrufmm Daniel Jakob verheiratbet war, später aber die Concudine deenrsetzlichm Franz Bo-beck wurde, mit den Koryphäen jener Banden *) Wirst man einen Blick hinüber nach Frankreich, so findet man, daß dort da« Räuberthum zu Anfang diese« Jahrhundert« in einer Weise hauste, welche alle menschliche Begriff« übersteigt. Die Baude vou Orgöre« namentlich, welche ihre bestimmten anführer, Distrikte, Disziplin, Justiz, ihre eigene» Henker stutz sogar ihre eigenen Priester hatte, verübte eine zahllose ffltage aewaltthätiger Einbrüche, SraßenrSubereieu, Mordthaleo, Nolhzüchtiguogen, und fügte den Unglücklichm, welche in! ihre Hände fiele», mit satanischer Lost die «»«gedachtesten Martern zu, bi« endlich 21 dieser Bande von Teufeln zum T ode nutz 32 zur Galeere verurtheilt wurden. An« ihren Trümmer» e»l> stand die Bande im Jndreunp Loiredepartemeat, die nicht minder schrecklich» hauste. Im Bardepartcmeot existirte eine Räuberbande die keine Macht zu vertilgea im Stande war. EnlsetzNch und nnverMlich in den Annalen der Justiz und! de« RLuberthum« bleibt e«, zu welchen Mitteln die oberste Staat«, gewalt ihre Zuflucht nahm, am die Ränder zn vernichten. Der Prafect de« Lardepartament« hatte einen entschloffenea Perttautro gewonnen, welcher scheinbar gemeinsame Sache mit den Räubern machte und, unter dem Borwaude ihnen einen g»tea Fang zn verschaffen, fie säumttlich in ein abgelegene« Han« be der Gemeinde Aup« zu locken wußte, welche« vorher unterminirt war. Nachdem die Räuber versammelt waren und der Vertrante sich entfernt hatte, wurde eine Lunte an hie Mine gelegt stad da« Hau« m die Lust gesprengt. Füufo udzwa uzig Räuberwichen und fünfzehn halbverbravnle Räuber fielen dabei in die Hände der — Justiz! .Kgl- „Rheinische Räuberbanden", II, 322 fg