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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 22 (1863) · p. Seite 86

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
22 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Gewand und Decke Hiebt, und daß er seinen Segen in dem Wohlgefühl der Wärme findet, welches drc so Bekleidet« und vor dem Nachtfrost Geschützte in seine' i Gliedern empfindet. Ader unser Sänger hält es auch für nothwerdig, nicht blo« bei der positiven guten That stehen;u dlrixn, sondem auch die Vermeidung der negativen, d. i des Unrecht» und der Gewaltthat gegen den Ohnmäcktigen und Schwachen, nicht zu übergeben. Als Dertnter dieser nennt er die Waise wieder, weil sie am.ofteste» schutzlos ist. Gegen diese aufzutreten, selbst wenn ihm hierzu ringsum Beistand geleistet wird, halt er für eine fchw« :e Sünde. Za, die Worte deuten selbst an, auch wenn er gegen die Waise in seinem Rechte wäre, wenn das Uurechc auf ihrer Seite läge, und er Macht genug besäße, sei r strenges Recht gegen sie durchzuführen, so'stehe er denn »ch davon ab, weil es eine Waise wäre. Auch diese M hnung ist nicht überflüssig. Die Erfahrung zeigt, daß Menschen, die sonst dem Hülfeflehenden gegenüber zur Wok lthätigkeit geneigt sind, sich oft sehr harr zeigen, wmn sie glc üben, daß man ihnen .Unrecht lhue, oder sich auch von H. bgier und Herrschsucht hinreißen lasten, den Voctheil ihre, Stellung und Macht zu benutzen, um Schutzlose und schwächere zu bedrücken. (Fortl folgt.) Das deutsche Gaunerthum. Unter diesem Titel ist ein sehr verdienstvolle- Werk in 4 Bänden von Dr. Ave»8allemanrin L 1 deck erschienen, das wir in anderer Beziehung bereits in der A. Zeit, des Zud. gewürdigt haben. Der Berf. beneist darin, daß sich zwar öfter jüdische Elemente in d< s deutsche Gaunerthum gemischt, daß es aber weder ei l spezifisch jüdische» Gaunertdum gäbe, noch das deutsche G »unerthum überhaupt ein Produkt per Juden, .ober nur oon diesen besonders und unverhältnißmäßig genährt unl gefördert sei, sondern daß vielmehr schon min der Einst hcung de» Christenthums in Deutschland ein eigentliche« Bettler- und Gaunerthum entstanden sei, und sich durch die großen Kämpfe des Lohnstaates, der Hierarchie, des St ldtewesenS, des FaustrechlS, des Bauernkrieges, des brrißigjähri jen Kriegs, der französischen Revolution und selbst der Fr« heikstriege immerfort üppig wuchernd sich entwickelt Hab«. Die seltene Unparteilichkeit, der ächte wissenschaftliche Geiste womit daS Werk gearbeitet ist, muß von Allen insonderS aber auch von den auch auf diesem Gebiete v elfach verschrie, ntn und absichtlich geschmäheren Juden d mkbar anerkannt werden. Bon der andren Seite m» ß es eine lebendige Warnung und Mahnung auch für an« sein, eine Warnung, auf den nüchternen und rohen Le denschafren und Gewaltthatm adgewan.ren Charakter de! jüdischen Masse nichts» sehr zu vertrauen, und eine Mahnung für die sittliche und geistige Bildung des Volkes immerfort wachsam und wirksam zu sein, namentlich da»' Schulwesen unermüdlich zu pflegen und di« Belehrung bei n Gottesdienste in deutscher, verständlicher Sprache hoch- »halten. Eine «igenthümliche Erscheinung ist eS, das. während in den früheren Annalen des deutschen Gauneri hums nur höchst selten ein jüdischer Name mikrauchr, bei Bildung mehrer frechen Räuberbanden vor0790 an £ uden sehr thätig waren, ja zum Theil die Mehrheit m denselben ausmachten. Wir Heden daher aus den oben bemerkten Gründen eine Stelle des obgebachten Werke» (Bd. I. S. 94—116) über diese Banden heraus, aus welcher der Antheil von Juden ersichtlich ist. Begünstigt durch die revolutionären Bewegungen in Brabant und Flandern erhob sich zunächst in Holland um 1790 das Räuberthum in jener furchtbaren Vereinigung, her man den Namen der Niederländischen Bande j beilegte, und die sich in steter Beweglichkeit bald in den | großen» Gruppicungen der B^abantischen. Holländischen undMersener Bande, bald in kleinern Rotten zusammenthat, im steten Kampfe mit den Sicherheitsbehörden bald hier, bald dort hauste, an einem Orte verschwand, um an einetn andern weit entfernten Orte desto unerwarteter wieder aufzutauchen, bei energischen Verfolgungen auseinander flog und sich bald von neuem wieder zusammenthat in dieser oder jener Gruppicung, von der nördlichsten Spitze Frieslands dis nach Baiern, von der Seine bis über die Elbe hinüber, bald in Paris und Arras, bald in Nimwegen und Aurich, bald in Hamm und Köln, bald in Ansdach und Donauwörth alles in Schrecken versetzend durch die unglaublichste Kunst und Verwegenheit, mit der sie die kühnsten Pläne entwarf und ausführte, und ungeheuere Schätze zuiammenhaufle. Gerade die intensive Gewalt und die numerische weite Ausbreitung dieser wie mit einem Zauderschlage fertig dastehenden Bande gkebt ein Zeugniß von der geschichtlichen Fortbildung des Rauberthums, und macht jenen mystischen Volksglauben begreiflich, der die Unrbalen des Rauberthums feit Jahrhunderten begleitete und in unheimlicher Weise zu interpretiren anfing, wo die Justiz außer Stande war Licht zu verbreiten und die finstere Masse zu bewältigen. Auf dem rechten Ufer der Maas — so erzählt der verdienstvolle Darsteller der „Actenmäßigen Ge- 1 schichte der Rheinischen Räuberbanden"* **)) — anderthalb > Stunden von Mastrich, nordostwärts am Fuße eine» Berges, der mit dichtem wNdem Gesträuche überwachsen hoch über das romantische Maasthal emporragt, liegt, vom Geulflüßchen durchströmt, «in eben nickt großes aber volkreiches Dorf, von dem einCanton den Namen führt, Meisen.*') Seit hundert Jahren und noch langer hatte mitten unter friedliche» frommen Landbewohnern ein heilloses verworfenes Räubergesinbel hier seinen Wohnplatz aufgeschlagen. Was dazu beitrug, daß es just diesen Ort und keinen andern sich erkor, war einestheils die Nähe de» holländischen, brabantischen, des lütticher, des jülichschen und aachener Gebiets, die Leichtigkeit, womit eS von einem Districte in den andern wandern und so sich dem nachschleichenden Auge der Justiz entziehen konnte, andemtheils aber der Zusammenfluß einer Menge in dem Lande herumstreichender Handelsjuden, die den Verkauf des Gestohlenen beförderten. Die Räübec, die in den ersten Zeiten sich dort nieberließen, waren nicht nur *) Becker, a. a. €., II, 51. **) Vergeblich habe ich mich bemüht, in dem für die Geschichte des Rauberthums so sehr wichtigen Orte, der jetzt von 2198 Römischkatholiken, 58 Reform irren und nur 74 Israeliten, zusammen von 2330 Personell, wovon 1224 männliche -nd 1106 weibliche, bewohnt wird, directe Erkundigungen einzuziehen. Ueber da« frühere Rauberleben, welches diesen Ort so merkwürdig auSzeichnet, habe ich nicht« Bestimmte« in Erfahrung bringen können; aber die unheimlichen Erzählungen au« früherer Zeit finden sich auch jetzt noch immer im Munde de« Volk«.

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