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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 15 (1863) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
15 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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— 58 freundschaftlich« und vertraut« Gespräche mit mir an, berührte zart die geheimsten Saiten meines Herzens,! ereffnete mir die seinigen, sprach leichthin von meinen j Kämpfen, die er errierh, schilderte mir glanzenden Farben ' die Zukunft, zu der mich meine sociale Stellung berief, j und alS er sicher war, ohne Furcht es wagen zu können, einen SrurM zu erregen, sprach er nach einer langen und entfernten Vorbereitung deutlich folgende Wort,: „Das! Glück, auf daS-Ihr ein Recht habt, wird Euch immer flicken, mein Freund! Zbr habt nur ein Mittel, nur ein I einziges Mittel, um es zu erreichen: werdet Christ." . Der Rabbi fuhr erschrocken von seinem Sitze auf, aber faßte sich alsbald wieder, um die Fortsetzung zu hören. „Ich nahm," fuhr Herrmann fort, „jene Worte mit, einem Lächeln weicher Toleranz auf. Dieses war der erste Fehltritt, dieses meine erst« Schuld. Jene verruchte Toleranz ermuthigte zur weitesten Freiheit, zur Kühnheit, zu wiederholten Versuchen, zu warmen ' Bitten meines Genossen. Jene Toleranz erzeugte vie Kunstgriffe, die Zudringlichkeiten. die mich in eia unent: , wirrbares Netz verstricken mußten. Jener erste Gedanke s wurde das Thema aller unsrer Unlerhaltpqgen. Mein j Genoss« kam geschickt und mit unglaublicher Standhaflig- ■ keit darauf zurück. Er wußte auch, baß mein erster Eindruck von Widerstreben und auch von Abscheu durch die, lange Gewohnheit, die er mir selbst daraus machte, indem er! mich beständig darauf zurückführte, würde überwunden werden. . Durch geschickt vorbereitete Gelegenheiten verbanden sich mit diesem meinem Genossen bald andere -Per>'onen, die n^hrs anders waren alS Mithelfer und Mitschuldige bei seinem Versuch«. Ein Verdacht blitzte mir wohl hpn Zeit zu Zeit durch den Geist; aber ein gedankenloses Vertrauen auf mich selbst, eine Erschlaffung deS Willens, eine Lahmheit im Entschlüsse, hervorgegangen auS der ianern Unzufriedenheit, machten mich sorglos über die Gegenwart und über die Zukunft. Kalt über den verbrecherischen Vorschlag nachdenkend, erwog ich ihn, und dies war der zweite Fehltritt, meine zweite Schuld. Ich sprach von der Erbitterung, von dem Schmerze der Familie, ich sprach von der Schmach, womit di« Gesellschaft solche Abschwörungen zu brandmarken pflege. Bon den Grundsätzen des Glaubens, die doch da« wichtigste Argument darbietea sollten, war kaum die Rede. Ader aufalle meine Einwürfe fanden sich triftige, blendende Antworten. Die Familie, schon loSgerissen von denUnsrigen, würbe gerne den Vorwand oder die Gelegenheit, meinem Beispiel, zu folgen, ergreifen; di« Gesellschaft verdamme die Adschwöcung nur, wenn sie vom Interesse, nicht aber wenn sie von höheren Motiven eingegeben werde. Verruchte! (rief in diesem Augenblicke der Erzähler selbst) Verruchte! daS Interesse deS BrodeS hat wenigstens die schreckliche Entschuldigung der Roth, aber daS deS Ehrgeizes, ist eS nicht verwerflicher, unverzeihlicher? Ader die bösen Künste der Verführung halten mir den Geist verwirrt und daS Herz verderbt. Bon Bekanntschaft zu Bekanntschaft wurde ich endlich zu einem alten christlichen Geistlichen g^ührt. Ich kämpfte lange, endlich ward ich besiegt. AlleS war schon bestimmt. Mein Unterricht in der christlichen Lehre war hinreichend befunden. Tag und Stunde war festgesetzt. Ein Schrei. Es war grade in diesem langen Zwischenraum« von Schwanken und Kämpfen, baß ich mich gänzlich von dem heiligen Tempel ferne hielt, wohin ich gewohnt war mich wenigsten» an den hohen Festen zu begeben. Inzwischen kam der erhabene DersöhnungStag. Am Vorabende meines Abfalls hielt ich es für eine unwürdige Verstellung, mich im Tempel bei meinen Brüdern einzufinden, die ich im Begriffe war zu verlassen, und nahm mir vor, inich gar nicht sehen zu lassen. Diesen ganzen langen Tag war ich in Nachdenken, unruhiger, verwirrter alS gewöhnlich. Manchen Augenblick drohte der Kampf, der in meiner Seele schon beendigt schien, von Neuem zu beginnen. Ich lief die Straßin auf und ab, wie wenn ich mich von jenen Gedanken, die mich aufregten, entfernen wollte, aber die Gedanken verließen mich nicht. So verging der Tag. Die Sonne neigee sich dem Untergange zu. Eine unwiderstehliche Gewalt führt« mich in die Nahe deS Tempels, wo -die Brüder in Gebet und Fasten standen. Der Anblick jener einsamen Straße vermehrte meine Schwermuth. Ich näherte mich dem Tempel, trat wie erschrocken zurück, ßchrte wieder um und so weiter. Da, wie von einer plötzlichen Inspiration ergriffen, dachte'ich bei mir: „Ich will eintreren; will einen letzten Gruß ihm bringen, ehe ich ihn für immer verlasse." Und mir selbst Gewalt anthuenb, trat, ich ein. Es war nahe am Schlüsse deS R«'»la- GeberS; d>e andächtige Gemeinde stimmte die letzten Gesänge abwechselnd mir dem Vordelec an. Ich trat wie ein Flüchtling, der sich den Blicken Anderer entziehen will, ein. Di« Uederraschung. die im ersten Momente di« Blicke auf mich zog, machte, daß ich mich in mich selbst verschloß, und hielt den Eindruck jenes Anblickes ab. Ich setzte mich auf meinen gewöhnlichen Platz in einem Tumulte verschiedener Gedanken. Die Gemeinde schien sich nun mehr in Andacht zu erwärmen, je näher bas Ende deS heiligen TageS herankam; ein schrecklicher Contrast mit meiner GrmüthSstimmung! Ich saß in einem verworrenen, verzweifelten Seelenzustanb, da« Haupt auf die Hand gesenkt. Auf einmal erbebt der Tempel von tausend Stimmen. Ich erwache, horche . . ES war die ganze Gemeinde, die einstimmig die erhabenen Worte auSrief: Adonai lau iiociofaim Schema Israel, der Ewige, unser Gott ist der Eine. Jener Schrei klang mir in der Seele wieder wie ein TodeSurtheil. Jener Schrei erhellte mir den Geist wieder, wie eine neue plötzliche Offenbarung. Jener Schrei rüttelte mir da- Herz im tiefsten Grund, auf, und erregte darin einen Sturm neuse Gedanken, neuer Empfindungen. O. sagte ich bei mir, der Gott, den man hier verkündigt, ist nicht der Gott der Israeliten allein, ec ist der Gott der Völker, der Gott aller Zeilen, der Gott d«S WettallS. Unglücklicher! ich glaubte, baß mir einer niederträchtigen Adfchwörung ich mich für immer von der jüdischen Welt loSgetrrant hätte und baß AlleS beendigt wäre! Aber von wem ttennte ich mich loS, wen schwur ich ad? den Gott der Völker, den Gott deS Weltall«. Gott verleugnen! (fuhr Herrmann entflammt im

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