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Jüdisches Volksblatt · 1863-01-01 · 14 (1863) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
10 (1863)
Issue
14 (1863)
Date
1863-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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-- Lippen und in d.m Herzen; mehrere Male wollte er reden, aber er konnte nicht. Der gute Rabbi, wie um ihm Zeit zu geben, den Sinn und die Worte bestes zu sammeln, fuhr fort: ,,Diesen Abend, mein Freund, habt Ihr mir und der Gemeinde eine angenebme Uederraschung bereiter. Seit wie lange (und hier mildert er die Stimme noch mehr, hamir nicht ein Scharren von Vorwurf darin erscheine), seit wie lange sahen wir Euch nicht mehr in dem Gotteshause! Nein, es ist nicht ein Vorwurf, den ich Euch machen will, es ist eine Anklage der Zeiten. Es sind der Jünglinge jetzt so-viele, die sich dem Goltesdiensie entfremden! ES ist ein Schmerz, ein großer Schmerz für mich, aber es ist leider eilte allgemeine Klagen Ader mit einer Stunde dieses Abend« habt Jdc die Fehler so vieler Tage gut gemacht. Welch schone« Beispiel für die Gemeinde! welch schönes Beispiel für EurrS Gleichen! Ihr seid reich, von vornehmer Familie, habt ein edle» Herz, einen reich gebildeten Geist. O, Euer Beispiel wird ein wahrer Segen sein. Welche Rührung für die ganze Gemeinde! Es war ern Augenblick, wo man nur an Euch dachte, jener Augenblick. wo man Euch bitterlich weinen sah. Ah! ich bin dessen gewiß; zu dieser Stunde bewundern, lieben Euch alle Mildrüder, und stellen Euch als Beispiel und Muster auf." ..Beispiel! Muster!"'unterbrach der Jüngling, rasch von seinem Sitze ausspringend. „Ich ein Beispiel! Aber wisset Ihr wer vor Euch steht? eS.steht vor Euch ein Verbrecher, ein gemeiner Verbrecher". Der Alte empfand bei diesen Worten einen unerklärlichen Schrecken; aher noch mehr erschreckt durch die wachsende Aufregung Herrmanns näherte ec sich ihm mit der liebevollsten 'Theilnahme, und vermochte ibn, sich wieder zu setzen, sich zu beruhigen, und mit Ordnung dqj. Geheimniß, das ihn quälte, auseinander zu setzen. Die ersten Eindrücke der Gesellschaft. „Mein Verbrechen," so begann der Jüngling, „ist Gott sei Dank noch nicht vollbracht, aber dennoch lastet es mir schon auf der Seele wie ein Vorwurf. Ich bin nur vor Gott schuldig, aber ich bin eS auch, vor mir selber. ES ist ein Geheimniß, das mir in der Seele zittert, das mich zerreißt, das mich vernichtet. Ich muß mir dieses Geheimniß aus der Seele reißen, ich muß sprechen, ich muß Alle» Euch sagen, den ich verehre, wie einen Vater. Nein, ich will mir keinen Ruf anmaßen, den ich nicht verdiene. Ihr werdet mein Richter, aber auch mein Tröster sein." Hier nahm der Alte eine Haltung an, wie eine Person, die bereit ist, mir Geduld und Theilnahme ein« lange Geschichte zu hören, und Herrmann fuhr so fort: „Ihr wisset, daß die hohe Stellung meiner Familie, oder besser zu sagen, die jetzt unter unser» Reichen Mode gewordene Gewohnheit, dieselbe von der Gesellschaft der Glaubensgenossen ferne halt. Ihre Berührung mit bieser, ist, ich möchte sagen, nur eine officielle Berührung, dann nämlich, wenn jene hohen Feste wiederkehrm, die noch als einzige«. Verbinbungszeichen unter Brüdern dienen. Aber obwohl entfernt von der Gesellschaft und den Gebräuchen der Israeliten, ist meine Familie doch dem israelitischen Namen treu geblieben. Sie ha» das äußere Kleid derselben abgelegt, aber eine aufrichtige Anhänglichkeit an dem Prineip beibehalten, und erzieht die Kinder sorgfältig in der Kennlniß und in der Liebe dieses Principe«. Welche Erziehung ich erhalten habe, wißt Ihr. Alles, was zum bürgerlichen Umgänge, zur Ausbildung des Geistes und Herzens nützt, wurde mir im Ueberflusse zu Theil. Aber inmitten dieses Strome« von Bildung und Wissenschaft blieb ich doch desjenigen Unterrichtes nicht beraubt, den man im engern Sinne israelitisch nennen kann. Ich lernte unsre Religion nicht aus ihren Satzungen, sondern aus ihren Principien, aus ihrer Geschichte, aus ihren unsterblichen Docummlen. Besonders fühlteich eine große Begeisterung für unsere Propheten, für jene mulhigen und alten Verkündiger von Wahrheiten, die noch jetzt für unsere Zeiten neu sind. Und ihr wisset, ehrwürdiger Rabbi, mir welcher Liebe ich in meiner ersten Jugend bei Euch studirle, um in ihrer Originalfprache den Sinn jener unsterblichen Worte zu erfassen, die ich schon in unserer Volkssprache hatte bewundern gelernt. So warf ich mich in die christliche Gesellschaft. Die Wohlhabenheit meiner Familie gab mir Gelegenheit, durch die Genüsse sociale Beziehungen einzugeben, ohne baß ich genöthigt war, mich den Sorgen eines wissenschaftlichen Berufes hinzugeden. Durch die Genüsse wollte ich die Gesellschaften kennen lernen, statt einen lhätigen und wirksamen Antheil an ihr zunehmen. (Forts, folgt.) Gallerie moderner Subjekte. 5. Verschiedene Lebensalter. A. (zwanzig Jahre alt) : Ich stimme dafür, daß alle Religion adgeschafft werde! Bevor dies nicht geschehen, wird der Mensch nicht frei. Er beugt sich vor einem unsichtbaren Wesen, das er gar nicht kennt. Er unterwirft seine fteie Natur Gesetzen, die sie binden und fesseln, daß er ihren Trieben nicht folgen, ihrem Verlangen nicht fröhnen kann, ohne sich bittere Vorwürfe zu machen. Mag er doch rhun, was er will und kann. Wozu die kurzen Lebenslage sich mit dergleichen quälen, und bei jedem Schritte fragen: „Darfst Du das thun oder nicht?" Weg mit allen diesen Borurtheilen, frei will ich leben, .ganz frei! A. (zwanzig Jahre später): Es will nicht mehr geben. Mein Bennögen ist erschöpft. Meine Kräfte sind dahin. Meine Seele ist ausgebrannt. Ich habe gelebt, viel gelebt, was ist davon übrig? So geht eS nicht weiter. Ich bin schwach, entnervt, mürrisch, gelangweilt. nichts reizt mich mehr. Niemand will von mir etwas wissen, Niemand kümmert sich um mich. Mir sind Alle gleichgültig, ich aber auch Allen. Hol' der Henker das ganze Dasein!... A. (noch zwanzig Jahre später): Keinen Pot sollen sie mir abschaffea, keinen Mihang ändern. Es ist heillos, was in die Juden gefahren — ein deutsche- Lied wollen sie singen? Die Religion ist in Gefahr, das Judenthum geht zu Grunde! die Welt fällt in Trümmer, die ganze Menschheit lauft dem Untergang entgegen! Nun ich will ihnen mit gutem Beispiel vorangehen. Ich gehe täglich zwei Mal in die Synagoge, ich sage den ganzen Tag

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